Inside Man

Heist ist das amerikanische Wort für Raubüberfall und hat sich im amerikanischen Kino als Synonym für ein ganzes Subgenre etabliert, das Spike Lee in seinem neuen Film genauso würdigt, wie das Siebziger Jahre-Kino.

Inside Man

Dalton Russell (Clive Owen) adressiert den Zuschauer, empfängt ihn an der Pforte seiner Phantasie eines perfekten Bankraubs. Wann, wo und weshalb dieser stattfindet gibt er als Rätsel aus. Der starren nahen Einstellung folgt die beeindruckende Montage einer entfesselten Kamera, die, bevorzugt auf Kränen, Schienen oder Rollen befestigt, den Beginn des Heist, dessen Prota- und Antagonisten vorführt. Häufig kreisend, sich Personen und Gegenständen nähernd, an sie ran- und wieder wegspringend, reflektiert sie die Struktur des Kinorätsels. Ständig müssen die Zuschauer und der für sie ermittelnde Cop Keith Frazier (Denzel Washington) Puzzlestücke suchen, sie anlegen, wieder verwerfen.

Die Eingangssequenz etabliert den Haupthandlungsort, eine Bank im Herzen Manhattans, und präsentiert in grandiosen assoziativen Bildern den Einbruch eines Quartetts getarnter Männer und Frauen in das Gebäude. Diese von einem orientalischen Musikstück zusammengehaltene Sequenz erinnert in ihrer Brillanz an David Mamets Eröffnungscoup in Heist (2001). Überhaupt scheint das fintenreiche, vor listigen Dialogen berstende Drehbuch zunächst den mametschen Geist zu verströmen. Doch wo sich Heist nach dem packenden, gradlinigen Beginn zu einem schnörkellosen minimalistischen, harten Gangsterfilm entwickelt, mündet der furiose Auftakt von Inside Man in einer Geiselnahme, die den Unterhändler Frazier fordert und den Zuschauer durch ihre Undurchsichtigkeit pausenlos im Spannungszustand halten soll.

Inside Man

Auf der einen Seite ist Inside Man schnelle, aufwendig inszenierte und mit Stars gespickte Hochglanz-Unterhaltung. Auf der anderen Seite ist es, nicht nur an der Kameraarbeit und an der Musik des Jazztrompeters Terence Blanchard erkennbar, ein Film des Autors Spike Lee, der im Mantel dieses Thrillers wieder ein Porträt über New Yorker und ihre ethnischen Hintergründe zeichnet. Er bereitet in witzigen Episoden einer Albanerin und ihrem Mann die Bühne oder lässt Mastermind Russell kritische Worte für das elektronische Spiel eines schwarzen Jungen, in dem sich „brothers“ gegenseitig eliminieren, finden. Auch ein zu Unrecht als arabischer Terrorist beschuldigter und misshandelter Inder sorgt für Lacher und illustriert parallel die aufgewühlte, von Vorurteilen und Diskriminierungen getragene New Yorker Atmosphäre.

Lee verneigt sich, hierin wieder ganz ähnlich seinem Kollegen Mamet, vor dem großen Polizei-Spannungs- und Paranoiakino der Siebziger Jahre und dessen Protagonisten Sidney Lumet. Nur, dass sich gerade im Kontrast zu der New Hollywood-Atmosphäre und Mamets Independent-Produktion der Zeitgeist von Inside Man enthüllt. Denn traditionell erzählt das Heist-Movie vom zerplatzenden Traum des perfekten Verbrechens. John Hustons bester Film, The Asphalt Jungle (1950) hat das zeitlos traurig-schönste Schlussbild für den gescheiterten Gangster (Sterling Hayden) gefunden, der sich auf der Wiese, in Angesicht der elterlichen Farm, den letzten Odem ausatmend, windet.
Immer wieder sabotieren Zufälle, menschliches Versagen und Verrat die praktische Umsetzung der intellektuell ausgereiften Vorhaben. In Keine Chancen für Morgen (Odds Against Tomorrow, 1959), misslingt der Einbruch vor allem wegen ethnischer Differenzen, einem klassischen Lee-Thema. Der Pessimismus dieser frühen Genre-Meilensteine ist nicht nur bei Lumets gesellschaftskritischen Filmen der genannten Epoche wie Der Anderson Clan (The Anderson Tapes, 1971), Serpico (1973) oder Hundstage (Dog Day Afternoon, 1975) zu spüren, sondern vor allem auch in den französischen Heist-Klassikern Rififi (Du rififi chez les hommes, 1955) und Vier im Roten Kreis (Le Cercle Rouge, 1970).

Inside Man

Mamet variierte diese Stoffe und rückte eine Gruppe vor allem älterer, dem Tod bestimmter Männer in den Fokus seiner Elegie. Bei Lees Inside Man ist von diesen Traditionen hingegen nichts mehr übrig geblieben. Die Gruppenkonstellation wird nicht auf ihre Psychologie hin dramatisiert. Anstelle dessen rückt das Rätseln in den Vordergrund: wer gehört den vermummten Einbrechern an, wer verrät sich beim Verhör? Das Kollektiv rückt in den Hintergrund zugunsten des Stars. Dieses narrative Element findet seine Entsprechung auf der Produktionsebene, wo sich Clive Owen zusichern ließ, in möglichst vielen Szenen als Russell unmaskiert spielen zu können. Die bereits von der ersten Einstellung an deutliche Arroganz des Chefeinbrechers, sein Narzissmus, werden ihm hier nie zum Fallstrick. Vielmehr schwingt er sich beinahe zu einem modernen Robin Hood auf und bringt gar einen Altnazikollaborateur und Kriegsprofiteur, assistiert von Frazier, zur Strecke. Nach dem nervenkitzelnden Auftakt wird dieser dumpfe Drehbucheinfall sehr früh deutlich und in einem Film, der sich doch eigentlich lange als mysteriös verstehen möchte, schleichen sich schon bald Transparenz und Wiederholung ein.

So entpuppt sich Inside Man als mit großartig elaborierter Filmsprache hergestelltes Popcorn- und Gute-Laune-Kino, im Puzzle-Stil eines Die üblichen Verdächtigen (The Usual Suspects, 1995), in dem Cop und Robber endlich mal beide am Ende strahlen dürfen. Während sich der gegenseitige Respekt des Großverbrechers und seines kongenialen Jägers nach der tödlichen Konfrontation in Heat (1995) in einem glorreich pathetischen Schlussbild entlud, ertönt bei Inside Man das Lachen über, aber vor allem miteinander. Man beschenkt sich. Ein fröhlicher Film.

 

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Kommentare


Skilled_sniper

Brilliante Inszenierung, Besetzun g und Schnitt.
Die Story ist völlig durchdacht, so dass jede kleinste Sequenz den Verlauf vorantreibt und nicht bloß als Dekoration dient.
Der Regisseur vermischt Gesellschaftskritik, Spannung und Humor in eine Weise, wo sie sich gegenseitig verstärken.
Wer den Film nicht sieht, verpasst wirklich was.


Truffaut

This one´s a spoiler!


mischa

Angenommen die Story ist perfekt durchdacht: Über 50 Jahre und mehr weiss keine einzige Person über die dunklen Machenschaften des Bankchefs bescheid. Lediglich die Einbrecher, über deren persönliche Hintergründe keine Infos gegeben sind, sind informiert - wie ist das zu erklärn bitteschön? schwach!


kinogänger

Dieser film ist nur grottenschlecht!
Icxh wollte einen Actionfilm, Thriller sehen, sah die Starbesetzung des Films und dachte, ja, gut, geh rein.
Pustekuchen!
Der Film entbehrt jedlicher Story.
Bereits bei Auftritt des BAnkiers weiß man, das dieser Dreck am Stecken hat. Bei dem Alter, was bliebe außer einer Verwicklung mit der Nazi-Zeit?
Der Dialogwitz ist gut, die Übertreibung der "typisch Ami-haften" vorgehensweise mit einer solchen Situation fand ich ausgesprochen komisch. Allein, die Doughnuts haben gefehlt.
Ansonsten ein völlig fehlgeschlagener Versuch von Denzel Washington, mal einen halbseidene Figur in einem Film zu spielen.
Fazit: Nur Starbesetzung macht einen Film nicht sehenswert!


Su

Ich kann diesen Film einfach nicht einordnen. Sollte wohl eine intelligente Story mit Action sein, jedoch fehlt die intelligente Story, zurück bleibt ein einsames antriebloses Actiongeplimpere. Spike Lee’s tausendfach bekannte Anspielungen auf Rassismus können die Situation auch nicht mehr retten, eher wirken sie wie reingequetscht in die sowieso schon recht magere Story. Nicht nur das wir nicht wissen, was nun die Bankräuber mit der Akte anfangen wollen, was sowieso keinen Schwein zu interessieren scheint, wir können sie auch nicht so recht einordnen. Bis fast zum Ende des Filmes hofft man darauf, das nun etwas geschieht. Etwas schockierendes und Aufklärendes. Aber nein, es werden doch die Diamanten gemoppst und die Akte, die die ganze Zeit Gesprächspunkt des Filmes war, bleibt außen vor. Na, was ist jetzt mit dem alten Knacker? Was hat er denn zu befürchten das die olle Akte doch noch gestohlen wurde? Außerdem hätte man die Diebe ganz leicht überführen können, sie sind nämlich die einzigen, die keine Handys abgegeben haben. Bei der Zuordnung der Handys wäre man ganz leicht auf die Täter gestoßen. Und auch wenn sie Handys in den Beutel geworfen hätten, einfach die Nummern durchwählen und schon hat man seine Bezugspersonen. Was soll ich sagen.. Schwach, schwach..


gianpaolo

die doughnuts fehlten nicht, in der mobilen einsatzzentrale findet man eine schachtel von dunkin donuts, damit wäre, wenn auch kurz, diese brücke auch geschlagen. gelungener film.


Martin Z.

Lange Zeit sieht es so aus, als ob es ein ganz normaler Banküberfall mit Geiselnahme sei. Alles ist genial geplant. Das perfekte Verbrechen. Doch dann wird ein zweiter Handlungsstrang mit eingeflochten und man ahnt einen völlig anderen Hintergrund für die Tat. Die Verbindung dieser beiden schafft die Spannung, weil es nur bei Andeutungen bleibt, trotz der Gewaltausbrüche die in diesem Genre üblich sind. Und selbst wenn man am Ende den Zusammenhang versteht, gibt es nicht umfangreiche Erklärungen. Spike Lee setzt auf den mitdenkenden Zuschauer. Dabei verwischen sich die Bereiche von Gut und Böse beziehungsweise es erscheint der Gute am Ende als der Böse und der angeblich Böse stellt nur Gerechtigkeit her, wobei er am Recht vorbeischrammt. Will sagen Unrecht verjährt nicht und wir sind gut unterhalten worden, wenn es auf so eine geniale Art und Weise geschieht. Dass das Unrecht an beraubten Juden nicht weiter groß ausgewalzt wird, spricht für den Film. Dafür gibt es coole Sprüche wie „Vorsicht! Ich beiße besser als ich belle!“ oder “Hören sie auf, einem Klempner zu erklären wie Scheiße riecht!“ Die abwechslungsreichste Rolle hat Denzel Washington erwischt. Er spielt sie alle an die Wand. Da kann auch die intelligente, supercoole Jody Foster kaum mithalten, ebenso wenig wie Willem Dafoe, der recht farblos bleibt. Und wer ist hier der Inside Man? Clive Owen etwa?






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