Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht

Die Saga geht weiter, in der Vergangenheit: Edgar Reitz schenkt seiner Heimat einen traumwandlerischen Vorspann.

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Ironie und Ambivalenz lassen sich in Titeln nur schwer vermitteln. Das bedeutungsstarke „Heimat“ hat der Spielfilmserie von Edgar Reitz nicht immer nur gedient. Tatsächlich sind Reitz’ Heimat-Filme auch zu vieldeutig für dieses Label. Aus der Spannung zwischen dem territorial-emotionalen Titel und der versprengten Dramaturgie, deren Akzente mitunter von Folge zu Folge wechselten, aber entstand stets ein sehr anregendes Gefüge. Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht, den man neudeutsch als ein „Prequel“ (ein Sequel, das vor den bisherigen Filmen angesiedelt ist) zur Trilogie bezeichnen könnte, ist schon allein aufgrund seiner überschaubaren Länge von knapp vier Stunden im Vergleich zu den vorherigen Teilen weniger Serie und mehr Film. Dennoch erlaubt er sich narrative Freiheiten, die eher ungewöhnlich für einen historischen Kinofilm aus Deutschland sind. Recht deutlich sind zwei Abschnitte zu erkennen, die in Tonalität und Dramaturgie sehr verschieden sind. Im ersten Teil ist das dominante Moment das Schweifen:

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Die Gedanken und die Augen von Jakob (Jan Dieter Schneider) gehören der neugierigen Hingabe an die Ablenkung. Er ist ein Simon, und auch schon in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts im fiktiven Schabbach heißt das: Er wurde in die Familie eines Schmiedes geboren. Die langsam voranschreitende Alphabetisierung auf dem Land hat in ihm einen begnadeten Lehrling gefunden: Er kann sich gar nicht sattlesen. Das nimmt fast schon märchenhafte Züge an, denn sein wie ein Schwamm alles aufsaugende Gehirn ermöglicht es ihm, indigene Sprachen der Urbevölkerung Südamerikas scheinbar fließend zu sprechen – und nebenbei einmal einen gewissen Alexander von Humboldt (Werner Herzog!) zu korrigieren und mit seinen Kenntnissen zu beeindrucken. Innerhalb der Familie Simon macht ihn dies nicht weniger als den späteren Musiker Hermann oder den Flugliebhaber Ernst zum Sonderling. Er reiht sich ein in eine lange Linie der von ihrer Sehnsucht gesteuerten Figuren – oder vielmehr, vervollständigt den Familienbaum um einen weiteren gen Himmel ragenden Ast. Auch deswegen ist der leicht überstrapazierbare Begriff der Heimat bei Reitz stets in guten Händen.

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Trotz aller Emphase und der vielen über die Jahrzehnte auf Schabbach zulaufenden Stränge gleicht der Drang der Protagonisten immer auch einer Explosion dieser Zusammenhänge, in die sie qua Geburt geworfen sind. Wenn sich ihr Streben materialisiert – in einer Karriere wie bei Hermann oder einem Hobby wie bei Ernst –, dann wirkt es zurück auf die Familienbande, die sich darum scharen. Die Verhältnisse, in denen die Simons aufwachsen, die Pflichten und Erwartungen, sind gleichzeitig Belastung und Anker. Wie ein geheimer Pakt bindet dies die Figuren an das gemeinsame Familienschicksal, ohne ihnen aber ihre Freiheit zu nehmen. Reitz blickt mit Scharfsinn in die deutsche Seele, indem er alle Augen auf das Verhalten richtet.

Jakob ist behaust von einer unstillbaren Lust an der Erkenntnis, die seinen Schritt durch den Hunsrück wie von Geisterhand antreibt. Obwohl Die andere Heimat die unfassbaren Härteschläge dieser Epoche nicht verschweigt, wird der Film gerade in seiner ersten Hälfte von einer bisweilen magisch-realistischen Romantik getragen. Wo in den früheren Filmen die Kamera etwas meist Statisches hatte, etwas Getragenes, das der Handlung darin eine Freiheit erlaubte, ist es hier fast umgekehrt. Entfesselt scheint sie durch das Dorf zu fliegen, in ihrer Mobilität den Simons ein ganzes Stück voraus. Nur Jakob klettert mit der gleichen Verve in den Baum und auf den Berg oder bringt dem Jettchen (Antonia Bill) nach getaner Arbeit im Rennschritt den Apfelmost. Jan Dieter Schneider, der für Reitz erstmals vor der Kamera steht, versprüht in einer bemerkenswerten Performance Leichtigkeit und Offenheit, füllt seine Figur aber auch mit dem unwiderstehlichen Ernst eines für sein Umfeld zu klugen Menschen.

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Mit größter Selbstverständlichkeit inszeniert Reitz den Wunderknaben, der unseren Blick für die Historie, aus der er heraussticht, schärft. Die Chroniken des Regisseurs sind genau deswegen überzeugende Diagnostik, weil sie keiner Absicherung durch das Authentische benötigen, um von der deutschen Geschichte zu erzählen. Die Schabbacher mit ihrem Kunstdialekt führen uns in eine alternative, auch lustvolle Historie, deren Wahrhaftigkeit sich von engstirnigen Parametern wie Faktentreue nie abhängig macht. Bei aller Detailversessenheit in Kostüm und Kulisse erschließt sich diese vergangene Welt doch zuvorderst über ihre Handhabe durch die Simons. Die Subjektivität eines solchermaßen perspektivierten Rückblicks unterstreicht Reitz erneut durch eine eigenwillige Verwendung von Farbe in dem überwiegend Schwarzweiß gehaltenen Film. Im Gegensatz aber zur sehr freien Gestaltung in früheren Teilen, wo die Abwechslung von farbigen und schwarzweißen Sequenzen zu einem in sich stimmigen Erinnerungsstrom wurde, setzen Reitz und Bildgestalter Gernot Roll hier etwas bedeutungsschwanger einzelne wirkmächtige Gegenstände wie einen Talisman als seltene Farbtupfer.

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Reitz schaut nicht nur aufmerksam hin, sondern weiß auch immer genau, was zeigen und was nicht, wo die Ellipse oder der schnelle Schnitt zu einer anderen Szene helfen und wo das Verweilen lohnt. In der Heimat 3 etwa, die nicht arm an Seifenoper-Wendungen war, konnte er so stets das Gefühl emotionaler Strippenzieherei vermeiden, ohne auf Fortsetzungsdramaturgie und Spannung verzichten zu müssen. In Die andere Heimat ist es die zweite Hälfte, in der die Ereignisse dichter aufeinander folgen, der Schlund der Geschichte die Protagonisten aufsaugt. Die einen werden ausreisen, nach Brasilien oder anderswo, die anderen sich einrichten müssen in dieser Heimat. Wenn sie ein kollektives Gedächtnis früherer Zeiten bevölkern werden, dann weil sie es gewagt haben zu träumen.

Trailer zu „Die andere Heimat - Chronik einer Sehnsucht“


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