Dicke Mädchen

Pack die MiniDV ein und nimm dein kleines Großmütterlein.

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Es ist schön, die filmindustrielle Marktlogik ausgehebelt zu sehen: Mit dem Preisgeld des Deutschen Kurzfilmpreises, den Dicke Mädchen vor einigen Wochen in der Sonderpreis-Kategorie für mittellange Filme erhalten hat, könnten die Macher nochmal 40 Filme mit ähnlichem Budget herstellen. Dass solch eine Rechnung rein theoretischer Natur bleiben muss, wird schnell klar, denn der 77-minütige Dicke Mädchen ist kein Amateurfilm. Der etwaige erste Eindruck von der ahnungslosen Spaßtruppe, die einfach mal drauflos filmte und ganz zufällig ein Meisterwerk produzierte, trügt: Regisseur Axel Ranisch ist Absolvent der HFF Potsdam und gelegentlich auch selbst Schauspieler (Ruhm, 2012), die beiden männlichen Hauptdarsteller Heinz Pinkowski und Peter Trabner langjährige Fernseh- bzw. Theaterschauspieler mit Liebe zur Improvisationskunst. Man weiß, was man tut, und verdient im Normalfall sein täglich Brot damit. Normal ist bei Dicke Mädchen jedoch recht wenig, und so entstand, nachdem Ranisch eigenen Aussagen zufolge vier Jahre verzweifelt mit dem ZDF über das Script seines Abschlussfilms verhandelte, Dicke Mädchen ganz spontan, mit ultrakleinem Team, ohne Drehbuch und Finanzierung.

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Entsprechend interessiert sich der Film nicht für Videobildflimmern, Gegenlichtsituationen oder unübersehbare Flecken auf der Kameralinse. Ästhetische Unreinheit ist Notwendigkeit, jedoch nie Programm: Zu keiner Zeit holt Dicke Mädchen die eigene Machart mit großer Geste ein, der dokumentarische Stil schreit niemals nach Authentizität. Im Gegenteil, die Form wirkt in ihrer Beiläufigkeit unbekümmert und oftmals fast poetisch entrückt. Das tragikomische Erzähl-Setting passt sich da wunderbar ein und präsentiert eine der schrägsten WGs der deutschen Filmgeschichte: Sven (Heiko Pinkowski), übergewichtiger Banker mit Hornbrille, teilt sich Bett und Wohnung mit seiner dementen Mutter Edeltraut (des Regisseurs eigene Großmutter Ruth Bickelhaupt!) und verliebt sich in deren Pfleger Daniel (Peter Trabner), der seinerseits mit akuten Eheproblemen zu kämpfen hat. Regisseur Ranisch entwickelt, ganz ähnlich übrigens wie seine Kollegen des aktuellen jungen deutschen Films Hannah Doose (Heinrich bringt die Kinder um halb drei, 2010) und Tom Lass (Papa Gold, 2010, mit Ranisch und Trabner in Nebenrollen), seine Geschichte ausschließlich situativ, ohne betont dramaturgische Stringenz. Die so entstehende erzählerische Langsamkeit wird vor allem von den drei anrührend gezeichneten Protagonisten getragen: die Verwirrtheit und entwaffnende Ehrlichkeit der Mutter, Svens verschüchterte Romantik und das ungezwungen Jungenhafte von Daniel changieren dabei andauernd zwischen natürlicher Komik und unterdrückter Dramatik.

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Das Ergebnis ist eine märchenhafte Alltäglichkeit, welche die kleinen Gesten vor den großen Gefühlen einfängt, um dann aber immer wieder auch in so skurrilen wie zugleich anmutigen Szenen kulminieren zu können: Etwa wenn Sven nackt und nur mit einem Taschentuch ausgestattet seinen korpulenten Körper zu Ravels „Boléro“ durch das gemeinsame Wohnzimmer bugsiert, sich das Trio einer feuchtfröhlichen Kostümparty hingibt oder Daniel Sven an einem verlassenen See im Berliner Umland in archaische Matschrituale einführt. Das Fremdschämen bleibt aus, vielmehr macht es unheimlich Spaß, der unaufgeregten Intimität der Figuren beizuwohnen. Trotz der starken performativen Präsenz der Hauptdarsteller wird hier niemand ausgestellt und nichts pointiert: Weder ist Dicke Mädchen ein Film über Krankheit und Tod, noch über Homosexualität oder Fettleibigkeit. Vielleicht ist er ein zeitgenössisches Lustspiel, mit dem richtigen Gefühl fürs Theatralische bürgerlicher Romantik: Im Plattenbau läuft Beethoven. Und auch sonst gibt es einfach viel zu lachen.

Trailer zu „Dicke Mädchen“


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