Das rote Zimmer

Die Lösung liegt bei Rudolf Thome mal wieder im Weiblichen: Ein Kussforscher wird von zwei jungen schönen Frauen eingeladen, einen Harem zu gründen. Und das Subgenre des Dreiecks-Films wird um einen schönen Beitrag bereichert.

Das rote Zimmer 04

Rudolf Thome ist mittlerweile in einem Alter, das in fast jeder Rezension über seine Filme erwähnt wird. Auch in dieser: Er ist einundsiebzig Jahre alt, dreht seit mehr als vier Jahrzehnten Filme und gilt lustigerweise noch immer als eine Art Geheimtipp. Um seine Werke zu sehen, muss man schon in der richtigen Stadt mit den richtigen Kinos leben oder die Fernsehzeitschrift jenseits der 23-Uhr-Marke aufmerksam studieren. Die Bezeichnung „Autorenfilmer“ trifft wohl auf keinen anderen deutschen Regisseur so sehr zu wie auf Thome. Sogar die Ansichts-DVDs für die Kritiker (unter denen er eine nicht kleine Fangemeinde hat) tütet er selbst ein.

Der neue Film Das rote Zimmer, der, um es gleich vorweg zu sagen, ganz wunderbar ist, deutet, wie eigentlich fast alle Thome-Filme, mit seiner Geschichte über starke Frauen und passive Männer weit zu den Anfängen des Regisseurs zurück. In Rote Sonne von 1969 etwa gab es auch schon eine Frauen-WG (mit Uschi Obermaier), allerdings wurden damals die übergangsweise vorhandenen Männer nach getaner Pflicht umgebracht. Aber das waren auch wildere Zeiten als heute, und Thome ist ja, wie gesagt, schon einundsiebzig – eine Tatsache, über die er übrigens in seinem Blog regelmäßig öffentlich nachdenkt.

Die heutigen Frauen, sie heißen Luzie und Sibil und werden gespielt von Katharina Lorenz und Seyneb Saleh, sind auch selbstbewusst, schön und langbeinig (in beliebiger Reihenfolge), aber sie schauen jeden Abend die Tagesschau. Danach wird der Fernseher ausgeschaltet, „und wir unterhalten uns“. Schon aus solchen beiläufigen minimalen Abweichungen vom üblichen deutschen Alltag, in größtmöglicher Naivität ins Drehbuch geschrieben, spricht eine kleine Sehnsucht nach einer Neuerfindung der Normalität.

Das sich liebende Frauenpaar will dem Geheimnis Mann auf die Spur kommen und schreibt darüber ein Buch. Arbeitstitel: „Die Seele der Männer“. Probanden werden für Tiefeninterviews auf ihren einsamen Bauernhof eingeladen. Mancher Frauenversteher ist darunter, wird aber umgehend wieder zurück nach Berlin geschickt. Kein Interesse. Einer darf bleiben. Der Auserwählte ist Fred (Peter Knaack), ein frisch geschiedener Wissenschaftler, der die tatsächlich existierende Disziplin der Kussforschung betreibt. Wie schon in Pink (2009) nehmen die Frauen den Männern die Entscheidungen ab. Das Liebesdreieck pendelt sodann mal zu der einen, mal zu der anderen Seite. Aus dem Gleichgewicht gerät es aber nie, weil in diesem Märchen eben vieles geht, von dem man sich gemeinhin fragt, warum es eigentlich immer nicht geht.

Das rote Zimmer 02

Thome ist mit dem Alter nicht distanziert und kühl geworden, sondern geht seinen Leidenschaften und Träumen mit unerhörter Offenheit nach, in einem gelassenen Rhythmus, der selbst die gröbsten Banalitäten in die richtige Balance bringt. Es ist noch keine Minute von Das rote Zimmer vorbei, da steht eine nackte Frau im Türrahmen. Eine andere entsteigt einem See, wickelt sich ein Handtuch um, setzt sich zu Fred ans Ufer, stellt sich als Venus vor und macht ihm ein Angebot, das er nicht ablehnen kann. Auch so eine Männerfantasie, die aber in ihrer beiläufigen Inszenierung nicht als solche daherkommt, sondern als schöne Utopie, als Dialog zwischen Menschen und Göttern mit den Mitteln des Smalltalks.

Die Kunst dabei ist, die persönliche Fantasie auf die Realität loszulassen, sich dabei ständig der eigenen potenziellen Lächerlichkeit bewusst zu sein – und dennoch alles souverän in ein Happy-End zu führen. „Halt die Klappe, Professor. Alle alten Männer träumen von einem Harem. Du bist da keine Ausnahme.“ Das rote Zimmer ist sozusagen die Verfilmung dieses Satzes, den Luzie einmal zu Fred sagt. Die Verfilmung sowohl der (vermutlichen wahren) Aussage als auch der ironischen Tonart, in der sie vorgetragen wird.

Was nicht heißen soll, dass es dem Film nicht ernst wäre mit dem Paradies. Es wird sogar ein Vertrag darüber aufgesetzt und, wie der Pakt zwischen Faust und Mephistopheles, mit Blut unterschrieben. Fred muss für die Erfüllung seiner Harems-Wünsche aber nicht seine Seele verkaufen, sondern nur jeden Monat 3.000 Euro überweisen. Billiger ist das Glück nicht zu haben, schon gar nicht bei Rudolf Thome.

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Kommentare


Dom

Es tut mir leid, aber ich kann mich dieser Rezension nun überhaupt nicht anschließen. Es liegt mir fern boshaft sein zu wollen, aber nach den Vorschusslorbeeren saß ich mit offenem Mund heute in der Sneak-Preview. Ein Film der es über den gesamten Zeitraum nicht schafft auch nur annähernd irgendein Gefühl für die Figuren zu erzeugen. Es wird immer irgendwas eingekauft, gekocht,verspeist und anschließend zähnegeputzt. Und das in einer epischen Auswalzung die einen fast im Kinosessel zerreisst. Es wirkt als wäre die Grundlage ein Drehbuch für einen 20-minütigen Studentenkurzfilm gewesen der dann auf Kinolänge aufgeblasen wurde. Niemals habe ich Kino jemanden belangloser "Ich liebe dich" sagen hören. Wenn überhaupt in diesem Film dialogisiert wird, dann sind es gleich die ganz ganz großen Themen. Liebe,Hass, alles dabei. Aber in einer Monotonie und Roboterhaftigkeit vorgetragen, dass man sich wünscht, kein Mensch ausserhalb von Deutschland werde dieses Machwerk je zu Gesicht bekommen, da dieser sich wahrscheinlich im Leben nicht mehr trauen würde eine Beziehung mit jemandem aus diesem Land eingehen zu wollen.
Ich mag empathische Filme, auch welche die sich Zeit lassen, die Raum haben sich zu entwickeln, aber hier herrscht nichts weiter als Leere, Ausdrucks- und vor allem Belanglosigkeit. Ein dickes Minus geht ebenfalls an die Kamera, die es nicht schafft auch nur ein schönes Bild einzufangen, sondern eher die Regeln der Video-AG befolgt.
Ein Plus an den Ton und an Seyneb Saleh, ansonsten, ist der Film all das was einem am deutschen Kino früher Angst machte.

Schon jetzt meine Goldene Himbeere für das Jahr 2011.


Basterd

Ich muss Dom leider Recht geben. Ich habe selten einen Film im Programmkino gesehen, der mich so sehr an ein Frühwerk eines Filmstudenten erinnert hat. Die Kameraarbeit und der Schnitt sind grauenhaft, vollkommen belanglose Szenen werden minutenlang gezeigt ohne auch nur den geringsten Inhalt zu bieten, und die Schauspieler wirken (zum Glück nicht alle) wie Laien aus der Schauspielgruppe einer Volkshochschule.
In unserer Sneak war der Pegel der Unterhaltungen im Kino streckenweise lauter als der Film an sich, leider immer wieder ein Zeichen dafür, dass der Film langweilt und nicht ankommt. Bereits nach wenigen Minuten verließen zahlreiche zahlende Gäste freiwillig den großen Kinosaal.
Elend lange Einstellungen, keine Ransprünge oder gar Gegenschüsse, Handlungen ohne Wert für den Film, die man statt in 5 Sekunden abzuhandeln ganze 60 Sekunden und mehr zeigt, unnütze Nacktszenen an Stellen wo sie einfach nur gezeigt werden um gezeigt zu werden und noch vieles mehr lassen mich leider an der Genialität von Thome zweifeln. Ich kenne seine früheren Werke nicht, wenn sie allerdings in der selben Liga spielten wie "das rote Zimmer", dann habe ich auch nichts verpasst.


Dude

@Dom und Basterd:

Ihr habt weder Zeit, noch Einfühlungsvermögen für diesen Film. Opfer der Zeit zu sein ist auch nur Durchschnitt aber zu verzeihen. Habt keine Angst vor Fantasie und Menschsein... das ist Eure Rettung, daher schaut den Film noch oft an. Frage: Warum sollte eine Kamera immer mehr sehen, als es unsere Augen vermögen ? Thome ist einer der Grossen, der die Natürlichkeit präsentiert und ein Gefühl für die "leise" Töne erzeugt. Schaut euch mal "Das Mikroskop" an. Wer Wahnsinn will muss Jarmusch o.ä. reinlegen.






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