Boardwalk Empire

Tausend Bühnen namens Amerika.

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In HBOs Boardwalk Empire (seit 2010) – konzipiert und produziert von The Sopranos-Veteran Terence Winter – ist jeden Tag Karneval. Das verrät schon der Titel. Auf dem Boardwalk von Atlantic City, der hölzernen Uferpromenade, ist während der Roaring Twenties immer Trubel: Hütchenspieler, Touristen, Liebespaare, Flaneure, Schießbuden und Kabaretts, Hau-den-Lukas und Fotostudios, Gauner und der große Ozean. Und oben, im Ritz-Hotel, blickt der Bezirksschatzmeister Enoch „Nucky“ Thompson (Steve Buscemi) über sein Reich, über die Bretter, die die Welt bedeuten.

Von Martin Scorseses Piloten an war klar, dass sich Boardwalk Empire im zunehmend hart umkämpften Feld des „Quality Television“ vor allem über seine Schauwerte positionieren wollte. HBO hat sich nicht lumpen lassen: Für sein neues Flaggschiff hat der US-Pay-TV Sender ordentlich geprasst. Die Sets sind gigantisch, jeder Frame ist bis in den letzten (neo-)barocken Winkel mit epochengerechtem Tand gefüllt, darüber spannt sich ein digitaler Himmel samt Möwenschwärmen und ewigem Sonnenuntergang. Das Licht ist dramatisch und kraftvoll gesetzt wie auf einer Opernbühne, und die Tonspur mischt historische Nachrichtenaufnahmen mit kratzigen Grammophoneinspielungen und dem Gemurmel und Geschrei ganzer Komparsenheere, die den Boardwalk entlang flanieren oder im Burlesken-Theater den Beginn der Prohibition entgegenjauchzen.

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Die Prohibitionszeit von 1920 bis 1933 – jener Höhepunkt puritanischer Nanny-Politik und zugleich Geburtsstunde des großen amerikanischen Gangstertums – bildet den zeitlichen Rahmen von Boardwalk Empire. In einer Stadt des sündigen Vergnügens (trinken, spielen, huren) wie Atlantic City brachen mit dem Alkoholverbot goldene Zeiten an; für das unterhaltungssüchtige Volk (das aus dem ganzen Land in die halblegalen Kneipen von AC strömte) ebenso wie für die Volksunterhalter, Pardon, die Politiker (die sich ein Vermögen an Bestechungsgeldern verdienten). Und Nucky Thompson unterhält sie alle. In der Figur des republikanischen Schatzmeisters (der real existierte) verschwimmen die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität, zwischen Vorder-und Rückseite der Politik, zwischen Inszenierung und Inhalt, bis es keinen Sinn für Grenzen mehr gibt. Und auch die so gewiss geglaubte Unterscheidung zwischen staatsfreundlichen Demokraten und staatsfeindlichen Republikanern zerfließt in der historischen Linse von Boardwalk Empire: Nucky handelt zwar wie das Idealbild des libertären Self-made-Man, doch dazu setzt er alle verfügbaren Methoden staatlicher Gewalt in Bewegung.

Das politische Bild von Boardwalk Empire ist eines, in dem es kein „Vor“ oder „Hinter“ der Bühne mehr gibt: Es gibt nur noch Bühnen. Und jede bespielt Nucky virtuos. Am Anfang spricht er noch kurz vor der prohibitionsfreundlichen Women’s Temperance League, um kurze Zeit später mit geschmuggeltem Whiskey aus Kanada die goldenen Zeiten des Bootlegging einzuläuten. Später wird von einer flammenden „Schluss mit Rassenungleichheit“-Rede Nuckys vor der afroamerikanischen Community direkt auf eine „Weg mit den Negern!“-Hasspredigt vor dem örtlichen Ku-Klux-Clan geschnitten. Auch bei den unzähligen Absprachen mit Ganoven – von fiktiven Figuren wie dem Weltkriegsheimkehrer Jimmy Darmody (Michael Pitt) bis hin zu einem jungen Al Capone (Stephen Graham) – mit Kommunalpolitikern und Senatoren, mit Sportstars und Bordellbesitzern: Immer tritt Nucky staatsmännisch auf. (Simon Rothöhler beschreibt in der aktuellen Ausgabe von Cargo, wie sich die überambitionierte Bürokratin Leslie Knope aus der US-Comedyserie Parks & Recreations (seit 2009, Greg Daniels & Michael Schur) ganz ähnlicher Taktiken bedient, um das Spektakel der Politik überall und immer zu zelebrieren. Eine missratene Enkelin Nuckys, im Geiste?)

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In allen Räumen, in denen Politik ist, ist auch Schaugeschäft. Und mit dieser Erkenntnis kommt der verschwenderische Stil von Boardwalk Empire zu sich selbst zurück: Das Jahrmarktspektakel ist nicht das Kleid des Politischen, es ist sein Skelett.

Jedes Set ist eine Bühne, von Chicago bis nach New York, von Philadelphia bis Belfast, und sie alle werden zusammengehalten von einem Netz aus Kanälen, durch die Gelder fließen. Der Schatzmeister Nucky, er ist die Personifikation des Kapitals. Und er ist ebenso amorph, ebenso ungreifbar wie Geld, ist reiner Tauschwert. Seine Figur hat dabei viel von Al Swearengen aus Deadwood (2004-2007, David Milch): die gleiche rücksichtlose unternehmerische Brutalität, den gleichen Nimbus eines jener men that made America, zugleich Gangster und gesellschaftlicher Visionär. Nur die knurrige, schmutzige „Cocksucker“-Attitüde, das ganze Blut und den Dreck, all das hat der kapitalistische Vorkämpfer auf seinem Weg vom Wilden Westen zurück an die Ostküste abgewaschen.

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Statt in grauen Amtstuben oder düsteren Spelunken lassen sich die Gangster und Senatoren in den Suites des Ritz den Hosenstall öffnen – von Nucky respektive den von ihm großzügig zur Verfügung gestellten Prostituierten. Denn das Portemonnaie liegt in Boardwalk Empire immer nah beim Schwanz. Schnaps, Zigarren, Kaviar und nacktes Fleisch – den Kater am Morgen danach nennt man sonst The American Dream.

Boardwalk Empire schwelgt mit Inbrunst in seiner mise-en-scène – und macht mit seinem Zweifeln an jedweder echter Substanz nicht nur den Zuschaueraugen, sondern auch dem Hirn dahinter einige Freude. Was nötig ist, denn das Figurenkabinett bildet auch nach zwei Staffeln noch kein wirkliches Gegengewicht zum audiovisuellen Bombast, trotz einer insgesamt großartigen Leistung des Schauspielerensembles. Das mag zum einen daran liegen, dass man nach Sympathieträgern in Boardwalk Empire lange suchen kann. Zwar bietet sich anfangs mit der verschüchterten irischen Einwanderin Margeret Schroeder (Kelly MacDonald) noch eine Mitgefühl weckende Opferfigur an, die unter gesellschaftlicher Ausgrenzung ebenso zu leiden hat wie unter den Schlägen ihres trinksüchtigen Ehegatten (Joseph Sikora). Aber auch sie wird recht bald im Ringelreihen des Fressen- und Gefressenwerdens mittanzen, und das nicht ohne Talent.

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Doch muss die Empathie des Zuschauers nicht zwangsläufig an einer oder mehreren Figuren hängen. Gerade in den komplexen Serien des letzten Jahrzehnts sind es viel eher die erzählerischen Situationen, die Konstruktion von Plot und Figurenbeziehungen, die das Publikum an ein Serienuniversum binden. Auf dieser Ebene hat Boardwalk Empire viel zu bieten: blutige Shootouts bei Nacht und Nebel, inzestuöse Mutter-Sohn-Beziehungen, komplizierte politische Intrigen. Action, Melodram, Thriller: Die Gewichtung stimmt.

Was das Verhältnis zu den Figuren in Boardwalk Empire dennoch so problematisch macht, ist die Unentschiedenheit der Serie, ob sie eher Gangsterepos oder Sozialstudie sein will. Beides, der Genuss am Genre wie auch der Anspruch, etwas Wichtiges über die Genese der amerikanischen Gesellschaft auszusagen, ist unleugbar angelegt. Am liebsten möchte das Team um Terrence Winter wohl beides verbinden, eine Art Mythos des Business-Gangstertums entwerfen. Die Blaupause für ein Verzahnen aus politischer Geschichtsschreibung und Bohrungen in den Abgründen der menschlichen Seele findet das Drehbuchteam, wie schon so viele zuvor, dabei in der griechischen Tragödie – und im Alten Testament. Boardwalk Empire ist durchzogen von uralten Diskursen um Macht, Anstand, Sex und Gewalt, von ödipalen Konflikten und Bruderzwisten.

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Doch erhält dieses tragische Element auch im Kern das eigentliche Faszinosum der Serie und den Grund, warum man sie unbedingt schauen sollte. Denn vielleicht wird auf allen Bühnen des Politischen, und auf allen des Privaten, in jedem Bild und auf jedem Set vor den Augen des Zuschauers nur immer wieder das gleiche, uralte Stück gespielt. Dies ist das Einzigartige an Boardwalk Empire: Hier wird die vergangene Epoche nicht  rekonstruiert, um unsere heutige Situation – die Zukunft der Handlungszeit – besser verstehen zu lernen. Viel eher soll durch die Linse einer nahen Vergangenheit, die in einem durchaus beredtem Verhältnis zum Heute steht, eine tiefere Vergangenheit beobachtet, sollen Konstanten der conditio humana freigelegt werden. Die Beziehung zur Geschichte in Boardwalk Empire ist nicht geprägt von Nostalgie, funktioniert nicht als historisches Beispiel, sondern inszeniert einige der ewigen menschlichen Dramen auf den Bretterbuden-Bühnen der United States of America.  

Trailer zu „Boardwalk Empire“


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Kommentare


kabe

"funktioniert nicht als historisches Beispiel" und "Hier wird die vergangene Epoche nicht rekonstruiert, um unsere heutige Situation – die Zukunft der Handlungszeit – besser verstehen zu lernen."

Der Autor der Kritik hat eine Menge Ahnung von Film/Fernsehen und deren Kultur, aber sein Geschichtswissen offenbart eine Oberflächlichkeit, die sich orientiert an der offiziellen Geschichtsschrebung und Mythenbildung der Sieger.

Die abgebilete Handlung mag im Detail fiktiv sein, aber diese zeigt hautnah und treffend die Funktionsweise und Symbiose von Politik, Verbrechen und deren manipulativen Charakter auf die Gesellschaft. Gestern wie Heute.






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