B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989 – Kritik

Die Tanzfläche kocht, hier trifft sich die Scene. Auch Spätgeborene und zu spät Zugezogene sind auf dieser furios montierten historischen Stadtführung willkommen.

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Jahr für Jahr gibt es mehr Menschen, für die David Bowies Zeit in Berlin die geilste ihres Lebens war. Vielleicht zeichnet das alle magischen Momente und Orte der Popkultur aus: dass die Erinnerung an sie nicht verblasst, sondern sich im Lauf der Zeit im Kollektivgedächtnis immer weiter ausbreitet. So ist der etwas abgegriffene Spruch von den 1980ern, die man nicht erlebt habe, wenn man sich an sie erinnern kann – den sich auch B-Movie – Lust & Sound in Westberlin 1979–1989 als Plakat-Slogan klaubt –, erst recht wahr, wenn man ihn anders betont: Man muss sie nicht erlebt haben, um sich an sie zu erinnern – nicht, wenn man mit so offenen Armen zur Teilhabe empfangen wird wie in diesem Film.

Gut, wieder da zu sein

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Dabei kann B-Movie zuversichtlich an bereitliegende Synapsen des Kollektivgedächtnisses andocken – einiges seiner Wirkungskraft verdankt er selbst schon dem Eindruck eines Wiedersehens. Spätestens seit Jürgen Teipels breit rezipierter Steinbrucharbeit Verschwende Deine Jugend, vor auch schon wieder fast 15 Jahren als Buch und CD erschienen, ist die Ära des deutschen Punk und New Wave historisiert und bis in entlegene Winkel ausgeleuchtet. Und ihr (neben Düsseldorf) zentraler Schauplatz West-Berlin wurde im Grunde sogar schon im zeitgenössischen Ideal-Hit „Berlin“ (1981) für die Nachwelt kartografiert. Der Song, in B-Movie eine zentrale Referenz, ruft gleichsam Zeile für Zeile schon seit über 30 Jahren die Bilder wach, die hier nun im Kino zu sehen sind, und doch: In so praller Fülle sieht man sie eben zum ersten Mal im Kino.

Dass die unzähligen Filmschnipsel, aus denen die drei Regisseure Jörg A. Hoppe, Klaus Maeck und Heiko Lange ihre Dokumentation kreiert haben, zu einem homogenen Ganzen verschmelzen, das ist – neben Alexander von Sturmfeders furioser Montageleistung, einer De-facto-Collage, die in jedem Moment ihr Collage-Sein vergessen macht – vor allem der Hauptfigur zu verdanken: Der britische Musiker und Produzent Mark Reeder, der Ende der 1970er, angezogen von elektronischer Musik made in Germany, von Manchester nach West-Berlin zog, ist für Außenperspektive und Insiderblick zugleich der ideale Gewährsmann, ein vor Neugier brennender Fremdenführer, dessen Begeisterung ansteckt. Stetig als Off-Stimme präsent, ist der schlaksige Uniformfetischist auch in zahlreichen Filmszenen zu sehen, marschierend vorm Reichstag und beim Radeln durch Kreuzberg; und immer dann, wenn eine Sequenz doch ein wenig unter Nachinszenierungsverdacht gerät, taucht irgendein Szeneprotagonist – etwa ein blutjunger Jörg Buttgereit, der in der legendären Bar Risiko enthusiastisch der Kamera zuprostet – als Authentizitätsbürge neben Reeder auf. (Tatsächlich dürften viele Szenen mit Reeder aus Buttgereits frühen Super-8-Filmen stammen.)

Ein eingemeindender Sog

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Kumpel vom wahren Heino und von Blixa Bargeld, Soundmixer bei den frühen Toten Hosen (den Düsseldorf-Berlin-Gap sieht der Brite eher lax), Manager von Gudrun Guts Band Malaria!, Organisator des einzigen deutschen Joy-Division-Konzerts, WG-Gastgeber für Nick Cave, Schauspieler bei Buttgereit: Auf diesem Who-is-who-Parcours mutiert der sehr häufig in der „Wir“-Form sprechende Reeder fast zu einer überpersonalen Erzählinstanz, die stets zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein scheint, eine Brücke von der verfallenen Joy-Division- und-The-Fall-Stadt Manchester ins noch verfallenere Einstürzende-Neubauten-Berlin schlägt, das SO 36 besucht und mal sieht, was im Dschungel läuft, an der Mauer entlang ihrem Einsturz entgegensaust und schließlich bei Westbam und Dr. Motte in der Techno-Ära strandet (in der Reeder denn auch seinen Platz als Produzent findet).

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Die Kombination von Einblicken in eine seinerzeit nur Szeneangehörigen zugängliche Welt mit einschlägiger West-Berliner Ikonografie – dem Grenzkontrollirrsinn an der Transitstrecke, den abgewrackten Kreuzberger Altbauten, der Gedächtniskirche (mit kurzem Auftritt der unvergessenen Helga Götze), den Mauer-Touristen und dem unerreichbar hinterm Schutzwall aufragenden Fernsehturm – trägt erheblich zum eingemeindenden Sog des Films bei, und anders als in Oskar Roehlers Tod den Hippies – Es lebe der Punk, mit dem er viele Schauplätze und Protagonisten teilt, spielt die Konfrontation mit den alten und neuen Spießer-Gegenwelten, von etwas Straßenschlacht-Folklore abgesehen, kaum eine Rolle: West-Berlin scheint dem von Reeder evozierten „wir“ tatsächlich zu gehören.

Warmherziger Blick auf kaltes, klares Wasser

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Wo der vielstimmige Zeitzeugenchor in Verschwende Deine Jugend auch viele Widersprüche und Distinktionsbewegungen offenlegte, da ist der Gestus dieses Films tendenziell homogenisierend, werden etwa die Klangexperimente der Neubauten unter Autobahnbrücken und der kometenhafte Aufstieg Nenas zum internationalen Superstar in einen „Wir waren alle eine große Familie“-Erzählstrom eingebettet, der zwar berauschend schnell, aber letztlich harmonisch fließt – selbst David Hasselhoff wird, wenn er vor der gefallenen Mauer „Looking for Freedom“ schmettert, irgendwie weniger aus- als angelacht.

Obwohl die für die Post-Punk-Ära so typische urbane Kühle in Bild und Klang (und im durchweg großartig zusammengestellten Soundtrack) stets präsent ist, wirkt der Grundton des B-Movie selbst beinah warmherzig. Im Gegensatz zu Roehlers Film sucht er nicht mal zum Schein die Provokation, tut nie so, als wisse er nicht, dass er ein Publikum von eingemeindungswilligen Freunden vor sich hat. Doch das, was er zeigt, hat sich einen nostalgischen Blick eben auch verdient: ein dank seiner besonderen politischen Situation einmaliges Biotop, das neben Rausch und Exzess auch einige künstlerische Eruptionen von einer noch (oder gerade) heute faszinierenden Modernität hervorbrachte – so gemahnen etwa die Interview-Sequenzen mit den Frauen von Malaria! daran, wie viel weiter die so vielgeschmähte 80er-Jahre-Popkultur mit ihren androgynen Figuren genderpolitisch schon war. Auch ein möglicherweise etwas zu affirmativer Rückblick auf diese Zeit ist deshalb nicht weniger als ein Gewinn.

Trailer zu „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979-1989“


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