Alipato - The Very Brief Life Of An Ember – Kritik

Ausgebrannt in Manila: Khavn de la Cruz kämpft mit einer Gang von Kleinkindern in den Slums der philippinischen Hauptstadt gegen eine Kohlekatastrophe an. Die beste Waffe ist die Partystimmung seiner Exploitation-Episoden.

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Manila ist im Jahr 2025 eine Stadt der Asche. In den Slums weht der Qualm, den zahllose Kohlenfeuer ausspucken. Was für die Bewohner zur immer größeren Belastung wird, ist für Khavn de la Cruz (kurz: Khavn) eine Energiequelle. Die Glutspritzer – im Philippinischen „Alipato“ genannt – bringen seinen filmischen Entwurf der philippinischen Hauptstadt zum Leuchten. Bunt und grell scheint ihr Licht durch die Rauchwolken, die zum Symbol eines Manilas der Zukunft werden.

Die Jugend von morgen

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Die Protagonisten der dampfenden Ghettos von Manila sind die Mitglieder der Kostka-Gang: Kotelett, Afro, Bulldog, Milchgesicht und schließlich der Boss (Marti San Juan) selbst. Um ihn schart sich die kostümierte Gang aus körperlich Versehrten, Kleinwüchsigen und Fettleibigen. Für Khavn sind sie keine Freaks, sondern schlicht die Bewohner des Milieus, aus dem er die Zukunft abbildet. Warum ist gerade diese Gang die Zukunft Manilas? Ganz einfach: Ihre Mitglieder sind allesamt Kinder. Sie rauchen, pinkeln ins Essen, plündern Supermärkte und ermorden im Vorbeigehen dessen Angestellte. Die Kamera zwängt sich mit ihnen durch ihre winzigen Hütten, die verrauchten Korridore und Müllberge der Stadt. Abstand gibt es dabei keinen, Stillstand auch nicht. Wenn das Bild einmal anhält, dann um die Beteiligten vorzustellen: mit einem Standbild, gesetzt wie eine große Comicseite und geziert von einer gezackten Sprechblase, aus der Musik dröhnt. Die mischt Khavn aus Industrie-Klangteppichen, Hip-Hop-Orgeltönen und seinen eigenen Kompositionen zusammen. Ein kleine Spitze setzt der Karaoke-Auftritt von Khavn-Kollaborateur Bing Austria, der sein Ende in einer Schießerei unter dem Dach einer Schlachthalle findet.

Mannequin Challenge auf der Mülllichtung

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Khavns schnelle und schmutzige Episodenstruktur schließt an einen Großteil seines Œuvres an. Schon in Filmen wie Mondomanila (2010) oder Squatterpunk (2007) wird das Leben in den Slums aus der Perspektive von Kindern erzählt. Nach der kurzen Unterbrechung durch die „Punk-Rock-Oper“ Ruined Heart (2014), die in Zusammenarbeit mit Kameramann Christopher Doyle und Starschauspieler Tadanobu Asano entstand, sind es in Alipato wieder die Kinder, die in den Slums allerlei brutalen und anstößigen Klamauk zelebrieren. Der artet mitunter in nervtötende Episoden voll bunter Polonaisen aus. Die sind aus dem Schaffen des Regisseurs ebenso wenig wegzudenken wie die hauchdünnen Plots, mit denen er seine Filme zusammenkittet. Ihre Kraft entfachen Khavns Filme nicht in der Erzählung.

Kurze, entgrenzte Episoden schaffen genug Raum für das ein oder andere unkontrollierte Feuerwerk. Etwa wenn Boss und die Kostkas ein Scharmützel mit der Polizei austragen. Auf einer Lichtung, die von Müll gesäumt ist, als wäre es Laub, begegnen die Kids einer Gruppe von Polizisten. Beide stehen – eingefroren wie in einer Mannequin-Challenge – auf ihren Rikschas und feuern in gespielter Superzeitlupe aufeinander. So bekommt die Kamera genug Zeit, frei durch den Kugelhagel zu schweben und das Gefecht aus allen Winkeln zu betrachten. Die Szene endet mit der Einblendung kleiner Namensplaketten auf der Sterbetafel des Films. Mit einem Glockenschlag werden die Gangmitglieder in der zweisekündigen Abschiedseinblendung betrauert. Eine Ellipse, die alle Episoden lose verbindet und eine Stilisierung zentraler Ereignisse der Geschichte umgeht. Ähnlich wird auch ihr eigentlicher Höhepunkt zurechtgestutzt, der Überfall der Kostkas auf die Landeszentralbank. Auf dem Weg dorthin zieht die Gang im Gänsemarsch an der Kamera vorbei und wird, Glockenschlag um Glockenschlag, mit Namen auf der Todeswand verewigt. Als einer der wenigen bleibt der Boss verschont: Statt einer Plakette bekommt er einen eigenen Zwischentitel, der ihn zu 28 Jahren Gefängnis verurteilt.

Eine gut gelaunte Punk-Dystopie

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Seinen dortigen Aufenthalt schildert der Film in einer Stop-Motion-Sequenz. Sie zeigt einen Straßenkünstler, der mit Farbklecksen auf einer Mauer eine Erzählung der Gefängniszeit malt, die der Boss durchlebt: Gitterstäbe, Schreie, Blut, Heroin, Vergewaltigung. Die Farbe läuft von der Wand auf einen Stuhl, auf dessen Sitzfläche sich die Pinselstriche fortsetzen, die von der Zeit hinter Gittern erzählen. Zum Abschluss der Sequenz läuft das Blut des toten Malers über den Boden seines offenen Slum-Ateliers. Die Malerei nimmt jetzt ohne sein Zutun die Kinoleinwand ein, bis der gealterte Boss (Dido De La Paz) auf die Straßen Manilas zurückkehrt. Die schönsten Momente des Films hat er nicht miterlebt. Denn Khavns temporeicher, multidisziplinärer Exzess braucht keinen Boss. Sein Exploitation-Ethos entfaltet sich am besten als schmutzige Party-Dystopie, zu der alle Bewohner des Slums eingeladen sind – solange ihr Feuer noch glüht.

Trailer zu „Alipato - The Very Brief Life Of An Ember“


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