Existenzielle Orientierungslosigkeit – Christoph Hochhäusler in Berlin

Ab Donnerstag zeigt das Kino Arsenal eine Retrospektive, die Christoph Hochhäusler gewidmet ist. Als Orientierungshilfe laden wir zu einem Rundgang durch unser Textarchiv und durch (fast) alle Filme des Regisseurs.


Der Tod wird kommen
(2024)
läuft am 3. und 23. September

In der Struktur eines klassischen film noir ist Der Tod wird kommen die melancholische Bestandsaufnahme einer allgegenwärtigen Wirklichkeit: Alle bekommen einen Wust von Informationen, doch lässt sich daraus bestenfalls ein Bild der eigenen Verlorenheit erstellen. […] Trotzdem: Im Kleinen ist der Film nicht so bitter und kalt wie er es im Allgemeinen vermittelt. Die allgegenwärtige Eleganz, die vereinzelten kruden Pointen und die atmosphärisch knisternde Musik Nigji Sanges‘ verleihen ihm trotz der existentiellen Orientierungslosigkeit der Figuren ein genussvolles Erscheinungsbild. […] Vor allem aber finden sich in seinem bitteren Ganzen immer wieder wunderschöne inszenatorische Einzelmomente.

Zum Text von Robert Wagner geht es hier

 

Falscher Bekenner (2005)
läuft am 5. und 21. September

„Pferde!“, sagt die Mutter wohlig zum Vater im Auto. „Ponys“, differenziert der Vater, der es genauer nimmt. Das Smalltalkrauschen, dieser Singsang […] Sie sind sich so einig, dass sie nichts anderes wollen und müssen als so zu sein und so zu leben. […] Vater und Mutter um einen heranwachsenden Jungen, der vor Grauen vor diesem vorgefundenen Erwachsenenleben ganz schlaff und ohnmächtig wird. Er unterläuft Gespräche scheu und störrisch. Wenn er mit einem Mädchen im Imbiss sitzt, scheint ihm der kleine Kentucky Fried Chicken Mann auf den Pappbechern wichtiger als sie. […] Am Computer beginnt er seine tägliche Bewerbung – und schlägt auf einmal einen anderen Weg ein. Auf dass ihn irgendwann die geile, fetischisierte Polizei abholt und aus seiner Familie und den Forderungen rettet.

Zum Text von Silvia Szymanski geht es hier

 

Eine Minute dunkel (2011)
läuft am 6. und 20. September

Die Romantiker zitterten in verwachsener Düsternis, die Nazis bauten Panoramastraßen durch den Hort der deutschen Seele. Wohin also legt man einen imaginären Ort „irgendwo in Deutschland“, der möglichst überall sein kann, von wo spricht man am tiefsten zu dem Volke vor dem Fernseher? […] Der entflohene Mörder Molesch (Stefan Kurt), den Hochhäusler in seinem Dreileben-Beitrag Eine Minute Dunkel durch die Nadelwälder irren lässt, ist in guter Gesellschaft beim Freischütz und dem Räuber Hotzenplotz. […] Bei keinem Film des Dreiteilers ist dabei der Bezug zum Irrationalen, Bedrohlich-Weihevollen der Natur stärker als hier. Viel mehr noch als seine Kollegen inszeniert Hochhäusler Atmosphären, viel stärker betont er Valenzen und Stimmungen gegenüber der exakten Komposition. Während die Kamera bei Petzold eingesetzt wird wie ein Präzisionswerkzeug und bei Graf einfach nur wie Werkzeug, erscheint sie bei Hochhäusler als Katalysator für Staunen und Erschrecken.

Zum Text von Nino Klingler geht es hier

 

Unter dir die Stadt (2010)
läuft am 8. und 18. September

Hier, im Herzen der Finanzwelt, ist Hochhäusler auf der Suche nach dem Herzen der Banker. Hier, im nüchternen Niemandsland der gläsernen Aufzüge, der grauen Teppichkorridore und der verkabelten Großraumbüros, will er von der Liebe erzählen. Den menschlichen Trieb der Selbstzerstörung meint er dort am besten sichtbar machen zu können, wo – zumindest scheinbar – am meisten zu verlieren ist. […] In der Chefetage, über der Stadt. Mit diesem Setup freilich ist er nicht weit von dem der klassischen Tragödie entfernt. Mit dem wichtigen Unterschied jedoch, dass bei Hochhäusler nicht Hybris den Niedergang bedingt, sondern der Fall von den Figuren selbst heraufbeschworen und durchaus gewünscht wird.

Zum Text von Felix von Boehm geht es hier

 

Séance (aus dem Omnibusfilm Deutschland 09, 2009)
läuft am 8. und 18. September

Christoph Hochhäuslers Séance, der letzte Beitrag des Episodenfilms Deutschland 09', gehört zweifellos zu den besseren Beiträgen, allerdings hat seine an Chris Marker orientierte Science-Fiction-Parabel derart hohe Ambitionen, dass man sie lieber nicht an ihrem eigenen Anspruch messen sollte.

Zur Kritik von Lukas Foerster geht es hier

 

Bis ans Ende der Nacht (2023)
läuft am 10. und 24. September

Beim Zwiebelschneiden weint er, dieser Kommissar, der so heißt, wie nur Kommissare im Film oder Figuren bei Joseph Roth heißen. Robert Demant, im Nachnamen verstecken sich die Forderung und die Frage (demander), zugleich nichts weniger als der härteste Stoff der Welt (Diamant), aus dem jener Mann mit Kajalstrich und Lederjacke gelegentlich vorgibt zu bestehen, um sich in seiner Umgebung behaupten zu können. Ob das Gemüse die Schuld an den Tränen trägt, bleibt in Bis ans Ende der Nacht ein Geheimnis, das nicht aufgelöst wird. […] Bewegung strukturiert den Film, insbesondere ihre Einschränkung. Denn Leni hat einem Deal zugestimmt, um auf Bewährung aus dem Gefängnis entlassen zu werden. Von nun an begleitet sie eine elektronische Fußfessel während der undercover mission, die sie zusammen mit Demant bestreiten muss. [...]Wer wen darstellt und wie diese Figuren zueinanderstehen, was sie verbindet, ob der schwule Cop seine Cha-Cha-Cha-Partnerin nicht schon aus einer Zeit kennt, bevor sie sich dazu entschieden hat, als Frau das Leben zu bestreiten, das wird zur Auslegungssache, zum reizvollen Spiel der Vermutungen, Verdrehungen, zu dem Hochhäusler einlädt.

Zur Kritik von Anne Küper geht es hier

 

Die Lügen der Sieger (2014)
läuft am 11. und 22. September

Der demonstrative Gestus steckt schon im Titel, der einem Gedicht von Lawrence Ferlinghetti entlehnt ist und als pessimistisches Schlusswort eingeblendet wird: „Geschichte wird gemacht / aus den Lügen der Sieger. / Aber man würd’s nicht erkennen / an den Titeln der Bücher.“ […] Weil ein genauer Blick auf die sich tatsächlich hinter dem Rücken der Öffentlichkeit vollziehenden Verstrickungen von Medien, Politik und Wirtschaft nötig ist wie eh und je, kommt Die Lügen der Sieger, der dies im Gewande eines Paranoia-Thrillers versucht, vielleicht genau zur rechten Zeit. Ein Film, in dem Sieg und Niederlage, Lüge und Wahrheit bei aller Unentwirrbarkeit der Verstrickungen doch immer wieder von ganz banalen Entscheidungen menschlicher Akteure abhängen – etwa einem Chefredakteur, der aus Sorge um die Reputation seines Blattes vor der Wahrheit einknickt. […] Im Zentrum stehen „Die Woche“-Starreporter Fabian Groys (Florian David Fitz) und Volontärin Nadja (Lilith Stangenberg), die kurz vor der Aufdeckung eines Giftmüllskandals durch eine von den Lobbyisten eingeschleuste Fehlinformation auf die falsche Spur geführt werden. […] Dabei folgt der Film weniger einer Spannungsdramaturgie, als über die Inszenierung von Orten und Begegnungen einen Stimmungsraum zu entfalten. […] Das [...]Wechselspiel aus Transparenz und Opazität macht aus vertrauten Plätzen Berlins unsichere Orte, an denen man im Dunkeln tappt und fremden Blicken ausgesetzt ist.

Zur Kritik von Maurice Lahde geht es hier

Die Reihe läuft vom 3. bis zum 24. September im Berliner Kino Arsenal. Zum Programm geht es hier.

Kommentare zu „Existenzielle Orientierungslosigkeit – Christoph Hochhäusler in Berlin“

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