Filmfest Hamburg 2014: Sehtagebuch (5)

Die Familie spiegelt die Gesellschaft und das Kino deren Ängste: Gewalt, Wut und blockierte Gefühle im griechischen Krisenfilm. Eine britische Komödie schüttelt die Faust der Solidarität. Notizen zum Festival.

Die Theorie besagt, dass in Krisengesellschaften die spannenderen Filme entstehen. Wir sollten also dankbar sein, dass Deutschland kein aufregenderes Kino hat. Wie sich in griechischen Filmen die Probleme des Landes widerspiegeln, ließ sich auf dem Filmfest Hamburg in vier Beiträgen beobachten. Dabei ging es viel um Vergewaltigung, Suizid, Gewalt, Rache und eine allgemeine Gefühl- und Orientierungslosigkeit. Harter Stoff, in dem viele Energien toben, die ex- oder implodieren – schwer zu sagen, was bedrohlicher ist. Zwei der Filme habe ich gesehen, in beiden springt jemand vom Balkon. Es sind die Geschichten zweier Familien, in denen Ohrfeigen ein gängiges Kommunikationsmittel sind, die Hausgemeinschaft zum Gefängnis wird, das aufgesprengt werden muss, in denen die Emotionen einfrieren oder verbrennen.

 

Miss Violence (Regie: Alexandros Avranas; Griechenland 2013)

Miss Violence 2

Miss Violence ist das Eis. An ihrem elften Geburtstag trägt Angeliki ein jungfräulich weißes Kleid und ein trauriges, wissendes Gesicht. Während die anderen – das sind die Großeltern, eine Mutter und drei weitere Kinder – mit Torte und Feierlichkeit beschäftigt sind, klettert sie auf die Balkonbrüstung und springt. Nach dieser Irritation gilt es, die Familie noch stärker zusammenzuhalten. Anstelle von Trauerarbeit wird Angelikis Schrank ausgeräumt: alles in den Müll. Dann die Behördengänge: Durch den Tod gibt es 170 Euro Kindergeld weniger, vermeldet kühl das Amt. Sozialarbeiter kommen und kontrollieren, ob alles in der Wohnung seine Ordnung hat. Ordnung hat es: im Regal, in den Küchenschränken und bei den Schulnoten der Kinder. Die rigide Ordnung in der familiären Hierarchie wird im Spielfilm von Alexandros Avranas schnell klar. Welches Ausmaß die Macht des Großvaters und seine Unterdrückungsmechanismen haben, schockiert allerdings mit zunehmender Wucht. Miss Violence – der auf einen realen Fall zurückgeht – zeigt das System Familie als Gewaltregime. Kommunikation findet nur als Demütigung statt, der Rest ist Schweigen und stille Ohnmacht. Das Soziale, der Staat, Gesellschaft oder Freunde bieten keinen Schutz. Wie eine Terrorzelle schottet sich die Familie ab und lenkt ihre Zerstörung nach innen: „Schließ die Tür ab!“ Sich zu öffnen, Hilfe zu suchen, das System zu stürzen kommt nicht in Frage. Eher fließt Blut.

 

A Blast (Regie: Syllas Tzoumerkas; Griechenland, Deutschland, Niederlande 2014)

A Blast 01

A Blast ist Feuer. Hier herrscht nicht das Schweigen der Unterdrückten, sondern die lautstarke Wut der Hauptfigur Marie, die so nicht leben will: die Steuerschulden der Eltern am Hals, die Alleinverantwortung für ihre drei Kinder auf dem Rücken, während ihr Mann Yannis zur See fährt und nur ab und an für wilden Sex zurückkehrt. Das Studium weiterzuführen ist aussichtslos, Bank und Finanzamt geben sich gnadenlos. Die Familie hat Krise, das Land hat Krise, Maries Schwester und ihr Freund wenden sich wie viele andere dem Hakenkreuz zu. Während in Miss Violence der ordnungsliebende Patriarch ein faschistisches Regiment in den eigenen vier Wänden aufzieht, zeigt A Blast von Syllas Tzoumerkas Fernsehbilder von den Hetzjagden auf Migranten in Athen. Der erste Film schnürt dem Publikum nach und nach die Luft ab, entfaltet das familiäre Elend langsam chronologisch; der zweite ist wie sein Titel – explosiv, impulsiv, in Zeitsprüngen und Rückblenden erzählt. Es wird ein Feuer geben, das steht von Anfang an fest. Und Marie ist nicht der Charakter, der die Tür verschließt, um sich stumm selbst zu verletzen. Ihre Lebenswut ist viel zu groß. Regisseur Tzoumerkas sieht in ihr auch die B-Movie-Heldin, die ohne Rücksicht auf Verluste den Ausbruch wagt.

Kein Gefühl – kein Mitgefühl

A Blast ist der erste Film im Programm, bei dem ich lustvollen Sex zwischen Erwachsenen sehe. Wo sonst oft Sexualität als Instrument der Erniedrigung und Vernichtung gebraucht wird (Miss Violence), tobt hier zwischen Marie und Yannis tatsächlich Leidenschaft – die allerdings auch schon einen verzweifelten Kern in sich trägt. In einer der verblüffendsten Szenen des Films geht Marie in ein Internetcafé, um sich, mitten in dieser Halböffentlichkeit unter fremden Männern, Pornos anzusehen. Auch das Begehren ist in die Krise geraten; Gefühle sind schleichend verschwunden oder an zuviel Emotion erstickt. In der Familie, in der Gesellschaft kämpft jede der Figuren allein.

 

Pride (Regie: Matthew Warchus; Großbritannien 2014)

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Die Krise Europas spielt im Hier und Jetzt. Aktuelle Filme geben den frei fließenden negativen Kräften und der Desorientierung unserer Gegenwart Ausdruck. Abgeschlossene Geschichten können sie (noch) nicht erzählen, sondern welche, die weiterbrodeln. Mit meinem letzten Festivalfilm dreht sich die Sache um: von den zerfallenden Gemeinschaften in Extremsituationen zu einer britischen Komödie, die den solidarischen Handschlag zwischen Ausgegrenzten als historischen Triumph feiert. In Pride von Matthew Warchus wird nicht allein gekämpft, sondern gemeinsam. Gegen die Kollateralschäden des Thatcherismus im Großbritannien der 1980er Jahre, gegen soziale Kälte und Polizeigewalt, für Respekt und Würde der Arbeiter, aber auch gesellschaftlicher Minderheiten. Es solidarisieren sich ausgerechnet Homosexuelle und streikende Bergarbeiter, trotz aller Differenzen und Vorurteile. Auch diese Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten. In Pride fließen die Emotionen ungehindert, vor allem löst der Film Freude aus: über einen geglückten Handschlag der Geschichte. Weil alle Akteure – zumindest moralisch – gewonnen und sich ihr Selbstwertgefühl zurückgeholt haben. Solche Momente sind wirkungsvoll auf der Leinwand und noch kostbarer im Leben. Wenn es drum herum weiterbrodelt.

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