Eine verpasste Chance für heimische Kinematheken

Eines der größten Hollywood-Studios wurde von einem schwäbischen Flüchtling mitbegründet. Das Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna widmete seinem Sohn Carl Laemmle Jr. eine Reihe. Erstaunlich zu sehen, was unter diesem Produzenten im ohnehin schon freizügigen Pre-Code-Kino alles möglich war.

 

A House Divided 1

Mit einer stummen und beklemmenden Beerdigungsszene führt uns William Wyler in die raue Welt eines kleinen Fischerdorfs. Vater und Sohn tragen dabei ihre Frau beziehungsweise Mutter zu Grabe und müssen sich damit abfinden, dass nun die Wärme aus ihrem Leben verschwunden ist. A House Divided (1931) erzählt von zwei Männern, die sich nicht ausstehen können, aber durch das Bewusstsein, niemand anderen zu haben, trotzdem miteinander verbunden sind. Beim Leichentrunk in der Hafenkneipe lässt Wyler schließlich die unvereinbaren Haltungen der beiden in schmerzhafter Ausführlichkeit kollidieren: Während der sensible Matt (Douglass Montgomery) still in sein Schnapsglas trauert, überspielt sein Vater Seth (Walter Huston) mit grober Kraftmeierei den Schmerz, den er zwar spürt, aber nicht akzeptieren kann. Ein Deal verspricht einen Ausweg aus dem Dilemma: Wenn Matt seinem Vater eine neue Frau besorgt – was in der harten Welt der Fischer so viel wie ein Arbeitstier mit Beischlafoption bedeutet –, darf er endlich in die lang ersehnte Freiheit.

Natürlich kommt es anders als geplant: Die Frau (Helen Chandler), die wenig später vor der Tür steht, ist nicht nur ungewöhnlich jung, sondern auch ausgesprochen hübsch. Aus einem Anflug von Verliebtheit, aber auch aus dem Pflichtgefühl, das zerbrechliche Mädchen nicht in die Krallen des Vaters zu lassen, entschließt sich Matt erst mal zu bleiben – und provoziert damit eine Tragödie.

Ethnografischer Blick für Alltagsrituale

A House Divided 2

Man mag kaum glauben, dass in Hollywood einmal solche Filme entstanden sind: so spröde und kompromisslos, mit einem geradezu ethnografischen Blick für Alltagsrituale abseits der großen Städte und einer finsteren romantischen Ästhetisierung familiärer Brutalität. Seine unheimliche Wucht bekommt der Film nicht nur durch die aggressive Körperlichkeit des wütenden Patriarchen, sondern auch durch seine konzentrierte, geradezu minimalistische Inszenierung. A House Divided braucht keine Nebenfiguren, keinen Soundtrack und auch kaum Dialoge, um das Melodram, das in ihm steckt, zu einem hochspannenden Horrorfilm mutieren zu lassen.

Dass solche Filme damals möglich waren, ist unter anderem dem Produzenten Carl Laemmle Jr. zu verdanken, Sohn des gleichnamigen schwäbischen Mitbegründers der Universal-Studios. Die ohnehin schon beeindruckende inszenatorische Freiheit und moralische Ambivalenz des Pre-Code-Hollywood bekam in seinen Produktionen sogar noch mehr Spielraum. Laemmle war bekannt für seine Offenheit gegenüber filmischen Wagnissen – leider aber auch dafür, dass er nicht besonders gut mit Geld umgehen konnte. Nach weit über hundert Filmen und einer längeren finanziellen Durststrecke beendete schließlich der finanzielle Misserfolg des Musicals Show Boat (1936) seine Karriere für immer.

Eine Woche ganz analog

Laughter in Hell 1

Auf dem Retrospektiven-Festival Il Cinema Ritrovato in Bologna war nun eine Reihe zu sehen, die einige Beispiele aus Laemmles Schaffen präsentierte: eine Auswahl an Melodramen, Gangsterfilmen, Komödien und vielem, was sich nicht so genau kategorisieren lässt. Der Fokus lag dabei vor allem auf den weniger bekannten, dafür aber umso außergewöhnlicheren Produktionen.

Schon seit längerer Zeit widmet man sich in der italienischen Renaissance-Stadt unter anderem dem frühen amerikanischen Studio-Kino. Zu sehen sind dabei Reihen, wie sie auch hierzulande wünschenswert wären. Il Cinema Ritrovato mag das Festival mit den schlechtesten Klimaanlagen und den nachlässigsten Vorführern sein, es ist aber auch das Festival mit dem schönsten Programm und der entspanntesten Stimmung. Nicht zuletzt ist es auch eines der wenigen verbleibenden Veranstaltungen dieser Art, auf denen Film nicht nur als Medium, sondern auch als Material präsent ist. Zwar ist auch Bologna schon digitaler geworden, aber man kann immer noch ohne Probleme eine Woche auf dem Festival verbringen, ohne sich eine einzige digitale Projektion anzusehen. Erfreulicherweise wurde auch die Laemmle-Reihe bis auf zwei Ausnahmen analog bestritten.

Unbedingte Solidarität unter den Armen

Laughter in Hell 2

Was für wahnwitziges Zeug von Laemmle Jr. produziert wurde, konnte man bei Edward L. Cahns ebenso niederschmetterndem wie durchgeknalltem Laughter in Hell (1933) erleben. Auch hier beginnt das Elend des Helden mit dem Tod der Mutter. Cahn reiht Zeitsprung an Zeitsprung aneinander, um innerhalb von nur ein paar Minuten zu zeigen, wie das Leben Barneys (Pat O’Brien) durch eine Verkettung unglücklicher Ereignisse den Bach runtergeht. Wir sehen Barney als Jungen, der von den gehässigen Perkins-Brüdern gemobbt wird, wie er als Erwachsener seine Frau kennenlernt, Jahre später von ihr mit einem seiner ehemaligen Peiniger betrogen wird, die beiden ermordet und schließlich in einem Gefangenenlager landet, in dem der andere Perkins-Bruder als sadistischer Aufseher sein Unwesen treibt.

Laughter in Hell 3

Das Leben ist für die meisten Figuren in Laughter in Hell eine endlose Abfolge an Demütigungen. Besonders grausam inszeniert Cahn die Unterdrückung der Schwachen in der chain gang. Einmal zeigt der Film etwa, wie drei Afroamerikaner vor einem schmierig grinsenden Perkins gelyncht werden – eine Szene, die man wohl selbst als Rassist nur abscheulich finden konnte. Interessant für die damalige Zeit ist, dass sich schwarze und weiße Gefangene zumindest fast auf Augenhöhe befinden. Barneys Befreiungskampf wird dabei fast ausschließlich mit schwarzen Worksongs untermalt. Überhaupt ist da eine unbedingte Solidarität unter den Armen, die sich gemeinsam nicht nur gegen die herrschende Klasse, sondern auch gegen den Staat und die Justiz verbündet haben. Laughter in Hell legt nahe, dass es in einer Welt wie dieser (die im Film jedoch – vermutlich, um nicht allzu große Probleme mit den Zensoren zu bekommen – die des späten 19. Jahrhunderts ist) unmöglich ist, seine Integrität zu bewahren, ohne sich strafbar zu machen. Einen Studiofilm, der seinen Helden ständig das Gesetz brechen und dann auch noch damit durchkommen lässt, sieht man nicht alle Tage.

Affären sind ernstzunehmende Beziehungen!

Back Street 1

Zumindest auf den ersten Blick sehr viel klassischer als A House Divided und Laughter in Hell sind die Filme von John M. Stahl. Laemmle Jr. produzierte Anfang der 1930er Jahre gleich mehrere Filme des Regisseurs; überwiegend Melodramen, die auch heute gerne noch als „weepies“ oder „Frauenfilme“ diffamiert werden. In Back Street (1932) zeigt Stahl, wie schnell man sich in den Falschen verlieben kann und wie leicht man sich damit das ganze Leben ruiniert. Die eigentlich sehr selbstbewusst mit den Männern spielende Ray (Irene Dunne) verfällt darin einem Kerl, der schon einer anderen versprochenen ist. Der erwidert Rays Liebe zwar, will aber auf den Wohlstand, den die Ehe mit einer Industriellen-Tochter mit sich bringt, nicht verzichten. Nun müssen wir als Zuschauer mit ansehen, wie die Heldin eine Möglichkeit nach der anderen ausschlägt, sich diesem entwürdigenden Abhängigkeitsverhältnis zu entziehen, bevor sie sich schließlich damit abfindet, ein Leben lang die zweite Geige zu spielen.

Back Street 2

Im Gegensatz zu Stahls teilweise progressiverem, ebenfalls in Bologna gezeigtem Only Yesterday (1933) beschränkt sich Back Street darauf, das Leiden an den herrschenden Verhältnissen zu zelebrieren. Das tut er jedoch auf ungemein effektive Weise. Obwohl man der Protagonistin in regelmäßigen Abständen an die Gurgel springen möchte, treibt es einem spätestens zum Finale das Wasser in die Augen. Stahl problematisiert zwar kaum, dass Ray ihr Leben für einen ziemlich egoistischen Schnösel vergeudet, kämpft dafür aber für den keineswegs selbstverständlichen Umstand, dass es sich auch bei einer Affäre um eine ernstzunehmende Beziehung handelt. Um wie ernst es Ray ist. Am Schluss legt sie ihren Kopf neben das Bild ihres Geliebten und stirbt – nicht, weil sie krank oder besonders alt ist, sondern einfach, weil sie es nicht mehr erträgt, zu leben.

Rays Eltern stammen, wie die von Carl Laemmle Jr., aus Deutschland. Im Hollywood-Kino der frühen 1930er Jahre entdeckt man immer wieder, wie viele Menschen bereits vor dem Zweiten Weltkrieg in die USA ausgewandert sind. Die ersten zwanzig Minuten von Back Street spielen etwa in Over-the-Rhine – einem von Deutschen gegründeten Arbeiterviertel in Cincinnati –, wo Bier aus großen Humpen getrunken wird und im Hintergrund die Blasmusik dudelt. Für die häufig nach aktuellen oder regionalen Bezügen suchenden heimischen Kinematheken ist es eine verpasste Chance, dass man für so eine Reihe nach Bologna fahren muss. Vielleicht passt es aber auch wieder ganz gut, dass man die Arbeit deutscher Migranten im Ausland kennenlernt.

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