Let’s Misbehave!

Vor der Sittenstrenge. Bis Ende Juli widmet sich das Kino Arsenal in Berlin einem freizügigen und sozialkritischen Hollywood-Kino, dem 1934 mit dem katholischen Hays Code der Garaus gemacht wurde.

Gold Diggers of 1933

Verliebt blickt der hochnäsige Millionärssohn Barney Hopkins (Ned Sparks) dem Showgirl Carol (Joan Blondell) in die Augen und sagt: „Everytime you say cheap and vulgar I’m going to kiss you.“ Und so geschieht es dann auch, immer und immer wieder. Es ist einer von vielen gar nicht so harmlosen Momenten in einem scheinbar doch recht harmlosen Musical mit dem Namen Goldgräber von 1933 (Gold Diggers of 1933, 1933). Filme, in denen es keine Beleidigung ist, billig und vulgär zu sein, in denen Sexualität nicht nur als verklemmte Andeutung auftaucht und auch die harte soziale Realität Einzug findet, waren in den frühen 1930er Jahren keine Seltenheit. Die amerikanische Traumfabrik befand sich damals in einer fast utopischen Ära, in der, durch sämtliche Genres hindurch, kleinere und größere Grenzüberschreitungen möglich waren. Schon 1934 verabschiedete die Catholic League of Decency den Hays Code und wollte verhindern, dass die Zuschauer nicht mit Anzüglichkeiten und moralischen Ambivalenzen auf dumme Gedanken gebracht werden. Zwar war der Code nicht im Gesetz verankert, einen Kinoboykott wollten die Studios aber nicht riskieren. Filme durften nach dieser Wende noch vieles sein, sicher aber nicht mehr billig und vulgär.

Gold Diggers of 1933 2

Unter dem Titel „Let’s Misbehave – Hollywood vor dem Hays Code 1930–1934“ zeigt das Berliner Kino Arsenal nun bis Ende Juli dreißig Filme aus dieser Zeit. Und weil sich damals nicht nur gerne Damen vor der Kamera umzogen, sondern auch viel über doppeldeutige Dialoge funktionierte, wurden für einige Filme der Retrospektive extra deutsche Untertitel in Auftrag gegeben. Revolutionär war das damalige Kino auch deshalb, weil es sich häufig positiv besetzten Figuren widmete, die nicht unbedingt ehrenwerte Berufe oder Anliegen hatten. In Goldgräber von 1933 werden zunächst ein fescher, grundanständiger Junggeselle und ein Showgirl, das für diesen Beruf eigentlich viel zu bieder dreinschaut, als fades Traumpaar etabliert. Doch Regisseur Mervyn LeRoy lässt die beiden schon bald links liegen und interessiert sich plötzlich viel mehr für den heuchlerischen Bruder Barney und die aufreizende Carol, die ihn zwar liebt, sein Vermögen aber auch als willkommenen Anlass sieht, ihre Garderobe mit ein paar exklusiven Hüten aufzubessern. LeRoy präsentiert hier eine fragwürdige Zukunftsperspektive für junge Frauen, die man sich zwei Jahre später schon nicht mehr auf der Leinwand vorstellen konnte. Auch der großartig krude Thriller Night Nurse (1931) wimmelt nur so vor Figuren, die ihre Ecken und Kanten selbstbewusst nach außen tragen. Ausgerechnet während der Zeit der Prohibition wird ein zwielichtiger Alkoholschmuggler ohne Ambitionen, sich zu ändern, zum Sympathieträger. Und einen durch und durch grausamen Bösewicht wie Clark Gable in Reiterstiefeln, der Frauen schlägt und Kinder verhungern lässt, sieht man auch nicht alle Tage.

Night Nurse

Teilweise wirken die Filme auf den ersten Blick unscheinbarer, als sie wirklich sind. Goldgräber von 1933 verpackt seine Subversion in ein fluffiges Musical, zwischen eingängigen Gesangsnummern von Harry Warren und Al Dubin sowie atemberaubenden Choreografien von Busby Berkeley. Wenn Ginger Rogers am Anfang „We’re in the Money“ singt, ist das in Zeiten der Großen Depression natürlich purer Sarkasmus. Dementsprechend hängt LeRoy am Ende, wenn sich alle gefunden haben und glücklich miteinander vereint sind, eine Musicalnummer hintendran, die so finster ist, dass man kaum glauben kann, noch im selben Film zu sitzen. Während die Frauen davon singen, wie der Krieg ihnen die Männer weggenommen hat („Remember my forgotten man. You put a rifle in his hand“), marschieren die verarmten Veteranen zu einem düsteren Ballett der Wirtschaftskrise auf. Eine Lektion für alle, die meinen, Musicals würden sich nur von der Wirklichkeit abwenden.

Wild Boys of the Road

In mehrfacher Hinsicht herrschte in der Pre-Code-Ära Ausnahmezustand. Während man sich auf der Leinwand von moralischen Zwängen befreite, musste man im Alltag schauen, wie man gerade so über die Runden kam. In der Hochzeit der Großen Depression herrschte eine gewisse Solidarität untereinander, die stärker war als eiserne Gesetzestreue. Die arbeitslosen Showgirls, die eine Flasche Milch vom Nachbarn klauen, kommen ebenso ungeschoren davon wie die obdachlosen Jugendlichen in William Wellmans neorealistischem Vagabunden-Blues Wild Boys of the Road (1933), die auf einer Müllkippe einfach ihre eigenen Gesetze machen. Dass die Freiheit vor dem Hays Code auch ihre Grenzen hatte, zeigt sich am Ende von Wild Boys of the Road, wenn plötzlich ein verständnisvoller Richter auftaucht und alles, was schiefläuft, in Minutenschnelle wieder geradebiegt. Doch auch die Propaganda von einem Staat, der sich um alle sorgt, kann die zuvor gesehene, bittere Reise durch ein verwahrlostes Amerika nicht mehr ungeschehen machen. Interessanterweise beginnt die Retrospektive mit der unzensierten Fassung eines Films, der selbst während der Pre-Code-Zeit nur gekürzt zu sehen war. Es wird sich lohnen, Barbara Stanwyck dabei zuzusehen, wie sie in Baby Face (1933) die Männerwelt nach ihrer Pfeife tanzen lässt. Immerhin war der Film einer der Gründe, warum der Hays Code überhaupt eingeführt wurde.

Das gesamte Programm gibt es hier

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