Der Dokumentarfilm ist tot

Ein neues Buch widmet sich der Dokumentarfilmpraxis und stellt Fragen zu den Folgen des Digitalen. Herausgegeben vom Dok.Fest München, mit Beiträgen u.a. von Jörg Adolph, Rudi Gaul und Florian Thalhofer sowie critic.de-Chefredakteur Frédéric Jaeger.

Der Dokumentarfilm ist Tot Cover

Unter dem Titel Der Dokumentarfilm ist tot – es lebe der Dokumentarfilm: Über die Zukunft des dokumentarischen Arbeitens ist im Mai im Schüren Verlag ein Sammelband anlässlich des Internationalen Dokumentarfilmfestivals München erschienen. Die Herausgeber Matthias Leitner, Sebastian Sorg und Daniel Sponsel haben Vertreter aus Theorie und Praxis eingeladen, um die beim Festival besonders im Branchentreffpunkt Dok.Forum aufkommenden Fragen zu beleuchten. Vor allem die Texte von Festivalleiter Sponsel, Publizist Kay Hoffmann und Professor Egbert van Wyngaarden bieten grundlegende Einführungen in die verschiedenen Bereiche von Cross- und Transmedia sowie Fragen von Gamification und hybride Formen zwischen Dokumentarischem und Fiktionalem. Auch die Interviews im vierten Teil des Buches über Finanzierung und Distribution sind vermutlich als Einführung in die Materie zu verstehen, allerdings sind sie selbst als solche leider zu generisch geraten und stellen die falschen Fragen, so dass sie eher die Umstände verschleiern, denn erkennen lassen.

Jörg Adolph, Rudi Gaul und Florian Thalhofer liefern jeweils sehr persönliche Einblicke in ihre Überlegungen bei der Arbeit. Jörg Adolph dokumentiert in seinem Beitrag das Ringen mit den Längenvorgaben bei einem Dokumentarfilm über Edgar Reitz, der selbst in dieser Hinsicht große Freiheiten beansprucht und genossen hat. Adolph montiert in seinem Text das Making-of von Die andere Heimat (2013), das kein Making-of sein sollte, mit einem leichtfüßigen Making-of des Making-ofs. Rudi Gaul (Regisseur von u.a. Wader Wecker Vater Land, 2011) perspektiviert seine eigene Arbeit als Dokumentarfilmer auf die Funktion der Montage und berichtet von der Zusammenarbeit mit seiner Editorin Carmen Kirchweger. Weil er dabei unablässig seine eigenen Einsichten und Erfahrungen schonungslos infrage stellt, ist sein Artikel der vielleicht erquicklichste des Bandes. In Nebenbemerkungen weist er ständig über die konkrete Arbeit hinaus auf die Bedingungen der Möglichkeit des Dokumentarischen und sucht eine Annäherung an den allseits inzwischen problematisierten Begriff des Authentischen. Florian Thalhofer ist kein klassischer Dokumentarfilmer, sondern macht non-lineare, interaktive Dokus. Seine Programmatik entschlüsselt er in einem sehr anregenden Beitrag, der sich an der filmischen Erzählung als zu engem Korsett für die Gedanken des Zuschauers abarbeitet. Obgleich Thalhofer mit seiner Abwehr des Linearen vor allem eine spezifische Filmtradition meint, die alles andere als repräsentativ fürs Kino ist, vermag sein Gedankengang durchaus Lust aufs Interaktive zu machen.

Mein Beitrag zum Buch ist in leicht abgewandelter Form – ergänzt von einem Artikel von Nino Klingler – auch auf critic.de erschienen: Neue Kritik für neue Medien.

Weitere Informationen zum Buch gibt es bei Schüren, dort kann es auch bestellt werden.

Kommentare zu „Der Dokumentarfilm ist tot“

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.