Neue Kritik für neue Medien?

Der Zug fährt ab, doch ist die Kritik an Bord? Warum dokumentarische Formen im Netz der Kritik bedürfen und wie sich die Kritik ihrer Verantwortung entzieht. Eine Artikelreihe.

The Horse in Motion-Muybridge

Einleitung: Die Gegenwart übertrumpfen

Vorbei sind die Zeiten des vermeintlichen Gegensatzes von virtuellem und echtem Leben. Das Internet ist überall. Kein Wunder also, dass kaum eine Diskussion über die Zukunft des Dokumentarischen ohne den Verweis auf das Potenzial des Non-Linearen auskommt. Es soll eine Alternative sein zum klassisch an einem Stück erzählten Film, etwa durch die Vernetzung oder räumliche Anordnung von Bewegtbildern.

Die Devise ist: Technologie und formale Konzepte von Medienkombinationen müssen ihren Beitrag für das Dokumentarische leisten. Sie sollen dem Abbilden, Zusammenstellen und Erzählen der Welt zum Zwecke der Erkenntnis neues Leben einhauchen. Es werden Programme aufgesetzt, Förderungen und Stipendien ausgeschrieben, Festivals organisiert, Konferenzen abgehalten – um das Neue zu reflektieren und es überhaupt erst zu schaffen. Denn noch ist es nicht etabliert, noch muss es konzipiert, ausprobiert, herbeiphilosophiert werden. Angesichts der gut fünfzehn Jahre Internet im Mainstream der Gesellschaft scheint es dafür höchste Zeit. Stichwort: Crossmedia und Transmedia. Dahinter, etwas abgeschlagen, aber nicht vergessen: Multimedia.

Frühe Phase der Entwicklung

Offensichtlich sind wir noch in einer frühen Phase der Entwicklung, mitten im Umbruch, ein Moment, das unweigerlich Unsicherheiten mit sich bringt. Diese zu begleiten und zu kontrastieren, das wäre Aufgabe der Kritik. Eine solche Auseinandersetzung ist jedoch nicht zu beobachten. Stattdessen dringlich klingende Begründungen. Fallen die Wörter Crossmedia oder Transmedia, dann vergeht kein Atemzug, ehe die Motive für deren Bedeutung geliefert werden: Partizipation und Interaktion, zwei Begriffe, die zwar alles andere als neu sind, aber ihr Heilsversprechen immer noch nicht eingebüßt haben.

Es entspricht dem von einigen Seiten, von Institutionen, Sendern, Förderern, aber auch Technikern und Künstlern eingebrachten Fortschrittsbedürfnis: Lasst uns etwas anders machen. Lasst uns etwas erfinden. Neue Wege gehen und überraschen. Neue Wege gehen und beeindrucken. Das sind sehr menschliche und nachvollziehbare Impulse: die Gegenwart zu übertrumpfen mit der Hoffnung auf Zukunft. Aber sind dies auch Impulse, die uns zu engagiertem Erzählen, dem Kern des Dokumentarischen, führen? Und was bedeutet der Innovationsdrang für die Kritik, die keinem Technopessimismus anheimfallen will?

In einer Artikelreihe wollen wir uns auf critic.de diesen Fragestellungen in den nächsten Tagen widmen. Verwiesen sei bereits hier auf die Publikation des Sammelbandes Der Dokumentarfilm ist tot, lange lebe der Dokumentarfilm im Schüren Verlag, herausgegeben vom Internationalen Dokumentarfilmfestival München. Dort wird in Kürze unter dem Titel „Neue kritische Praxis für neue Medien“ ein Teil dieser Artikelreihe erscheinen.

Teil eins steckt den Rahmen ab: Was heißt das überhaupt: Cross- und Transmedia? Und: Sitzt die Kritik dem perversen Versprechen des Fortschrittsglaubens auf?

Teil zwei widmet sich konkreten Beispielen: Berlinfolgen und das Korsakow-System stehen für eine Marktnische – und die Krise in der Bilderproduktion.

Im dritten Teil geht es um die Schattenseite der Interaktivität: die Interpassivität.

Teil vier ist ein Rundumschlag – mit fünf Thesen zum Status quo der Webdoku.

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