Das Kino atmete, als wäre es aus Fleisch

Silvia Szymanski sucht in Brüssel ein altes Pornokino und geht mit Herzklopfen in ein anderes. Ein Erlebnisbericht.

Silvia ABC 2

Im letzten Frühling suchte ich am Brüsseler Boulevard Adolphe Max nach dem ABC Cinema, einem der letzten Pornokinos alter Schule. Es lag in einem kurzen Abschnitt von kleinen Sexläden in der Nähe des Südbahnhofs und sah so hinreißend altertümlich aus, dass es einem ins Herz schnitt. Hier wurden bis September 2013 noch 35mm Filme gezeigt, und Tänzerinnen strippten live dazu. Wir lasen im Internet darüber, als es schon passé war. Brüsseler Kinofans wollten es wieder auf die Beine bringen. Das Kino hatte, als es schloss, noch eine große Sammlung alter Filme im Lager.

Dem ABC gegenüber liegt immer noch das Paris Cinema. Die beiden Filme, die ich dort schließlich sah, waren allerdings keine Projektionen, sondern gebeamt, stilecht schäbig, mit sichtbarem Menü. Alleine hätte ich mich, glaub ich, nicht hineingetraut, aber mein Freund kam mit.

Anfangs war es nicht so spektakulär, wie ich es mir gewünscht habe. Eher so schäbig wie manche Bahnhöfe. Ich hatte mir BatfXXX: Dark Night Parody (2010) ausgeguckt, dessen Plakat in den Schaukästen hing, aber der freundliche Kassenmann aus dem Iran sagte, dass der noch nicht laufe.

ABC 2

Er geleitete uns nach ziemlich weit vorne in einen sehr dunklen, abgewrackten Kinosaal (den zweiten, oben, hab ich nicht gesehen), in dem gerade … ich weiß nicht mehr, was lief. Ich hatte mir den Namen nicht gemerkt, weil ich anscheinend ziemlich aufgeregt war, Supercineastin, die ich bin. In dem ersten Film, ganz ohne Rahmenhandlung, fickte auf einer nachmittäglichen Terrasse ein Mann mit einem sehr großen Schwanz sehr lange eine Frau. In dem zweiten Film rieben die Frauen erstaunlich oft ihre nylonbestrumpften Füße an den Gliedern der Männer.

Paris Cinema

Der Kassenmann kam einmal nach uns schauen. Als er zum zweiten Mal gucken kam, fragte ich ihn, ob er mir zeigen könne, wo die Toilette ist. Er nahm mich bei der Hand, drückte sie warm und führte mich in ein Kabäuschen hinter der kleinen, von tristen Männern besetzten Bar im Foyer, wo er mich höflich allein ließ. Auch hier war die Bausubstanz marode, wie überall im Paris, die Renovierungen waren notdürftig und billig, man fühlt sich schnell zu Hause.

cinema nova 1

Anfangs waren mein Freund und ich fast allein im Kinosaal, aber dann kamen immer mehr Männer. Überall hinter uns hörten wir die Stühle ächzen, Gürtelschnallen klimpern, Reißverschlüsse zippen, verhaltenes Stöhnen. Ein Mann in der Reihe vor uns wichste, ich konnte seinen Schwanz sehen. Auch an die freie Seite neben mich setzten sich, auf Lücke, öfter Männer. Einmal streckte einer von ihnen seinen Arm nach mir aus und streichelte mich an der Schulter, fragend, ob ich etwas mit ihm machen wollte, aber ich winkte freundlich ab. Er war ein glatzköpfiger, kleiner, knubbeliger Mann, älter als ich. Auch neben der Tür stand ein Junge an der Wand und wichste.

Das Kino atmete, als wäre es aus Fleisch. Mein Freund flüsterte mir zu, ob ich auf den Mann neben mir nicht eingehen wolle, aber ich sagte vorsichtig nein. Mir ging erst später auf, dass mein Freund sein überraschendes Angebot sowieso wohl eher sarkastisch gemeint hatte.

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cinema nova 2

So sexy wie im Paris war es im ABC in noch viel stärkerem Maße gewesen. Man ließ das Draußen hinter sich, heterosexuelle Männer fummelten miteinander, viele unerwartete Dinge passierten. Davon erzählten im Frühling dieses Jahres Stripteasetänzerinnen und ehemalige Besucher des ABC bei der ausverkauften „Tribute to the ABC Cinema“-Veranstaltung im Cinemanova in Brüssel. Innerhalb des alljährlich stattfindenden Offscreen-Festivals sahen dort 250 Leute Dokumentationen über das ABC, Stripteasevorführungen und alte Pornofilme. Vertreter der Cineact Foundation, die sich zur Rettung des ABC gegründet hat, erzählten, dass sie dank 600 Unterstützern 60.000 Euro sammeln und den Kinoerben 600 Filmkopien abkaufen konnten. Das Kino selber konnte leider trotz aller Initiativen und solidarischen Bemühungen nicht gerettet werden; die Erben haben es an eine Immobilienfirma verkauft, die inzwischen alle Relikte abreißen ließ. Man will die Wände hochgehen vor Bedauern.

Homepage des ABC Cinema: http://www.abc-cinema.be/

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