Wolfskinder

„Wach auf, Mutti ist tot.“ Waisenkinder auf der Flucht – oder wie ein deutscher Historienfilm beim Festival von Venedig von einem identitätsstiftenden Erbe des Zweiten Weltkriegs erzählt.

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Wolfskinder ist ein böser Film. Nein, ein fieser. In Großaufnahme immer wieder Kindergesichter, dreckig, wundgeschoren. Und die ein oder andere Träne kullert die Wangen herunter. Auf der Überlebensflucht von Ostpreußen durch das 1946 überwiegend sowjetisch besetzte Osteuropa auf dem Weg nach Litauen müssen ein paar elternlose Kinder eine Entbehrung nach der anderen auf sich nehmen. Drama um Drama schleicht sich der Film voran, hinein in den finsteren Wald der deutschen Geschichte. Roh wird das Fleisch des Vogels gegessen, abgestumpft sind die Gefühlsnerven von Hans Uwe Arendt (Levin Liam). Nur vergessen hat er nicht, was ihm die Mutter buchstäblich auf dem Sterbebett noch mitgegeben hat: den Stolz des eigenen Namens, der Herkunft. Das Familienamulett trägt er um den Hals. Erbarmungslos entreißt ihm der Film alles andere und spielt ihm vor, was es bedeuten könnte, auch noch die Identität zu verlieren. Die Hölle auf Erden, das ist der Krieg oder vielmehr: das sind dessen Folgen auf der psychologisch-persönlichen Ebene.

Das Grauen als protestantisches Actiondrama

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Rick Ostermann fokussiert in seinem Spielfilmdebüt einen Nebenpfad der Geschichte des Zweiten Weltkriegs, womöglich mit aufklärerischem Ziel, in jedem Fall mit Inbrunst und Konsequenz. Der die Sepia-Palette bedienende Retrolook bestätigt, wie ernst es Wolfskinder mit der Historie ist. Und das nackte Plotskelett, das nur wenige Abwege und Ruhestationen kennt, präzisiert das Anliegen: das Grauen als protestantisches Actiondrama, als Stoff zum Schlechtfühlen und sich darin suhlen. Um zu wissen, wo die Deutschen herkommen. Was auch sie durchgemacht haben. Sie als Opfer darzustellen ist ein beliebtes Sujet im hiesigen Kino. Ostermann treibt diesen Ansatz auf die Spitze. Kinder sind schließlich unschuldig. Sie töten, um zu überleben. Sie haben keine Ideologie. Wolfskinder gibt sich entsprechend abstrakt, als existenzielles Drama, das jederzeit und auch andernorts spielen könnte. Die Gefahren lauern überall, die Soldaten bleiben gesichtslos, und auch die Landbevölkerung spielt nur eine Nebenrolle. Alle Augen richten sich auf die Kinder, ihre Tricks, ihre Solidarität, ihre Pragmatik.

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Bei Historienfilmen gibt es eine einfache Regel, um Pflichterfüllung von selbstbewusstem Kino zu unterscheiden: Sie müssen auch ohne Kontext, ohne Legitimierung durch die Wirklichkeit sehenswert sein. Wolfskinder ist dies nicht, vielmehr ist er geradezu abhängig vom Glauben an die Bedeutsamkeit der Geschichte. Und doch schwelgt er nie in Kulisse oder präziser Verortung. Zunächst wirkt es dann auch mutig, dass die Protagonisten blass bleiben, als wären sie bloße Platzhalter. Sie bewegen sich durch den Raum als Traumatisierte, sind auf keine psychosozialen Erklärungen angewiesen. Freilich liefert der Film diese dennoch, wenn auch nur in wenigen und zumeist stilsicher zurückgenommen inszenierten Szenen. Überhaupt besticht Leah Strikers Bildgestaltung in Cinemascope, die eine feine Balance zwischen weiten Naturbildern und dem nötigen Figurenfokus findet. Ostermanns Drehbuch kann sie damit durchaus effektiv in seinem Bestreben nach affektiver Distanz unterstützen. Schwerlich zu vereinbaren ist aber beides mit der Bedeutungskeule, die stets hinter der Ecke lauert.

Die Geburt einer Welle?

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Das zentrale, religiös zu deutende Motiv des irdischen Daseins als Prüfung verbindet Wolfskinder mit den Filmen von Matthias Glasner (etwa Gnade (2012) und Der freie Wille (2006)), für den Ostermann mehrfach als Regieassistent tätig war, und bietet auch eine Parallele zum diesjährigen deutschen Cannes-Beitrag Tore tanzt (2013) von Katrin Gebbe, bei dem Glasner wiederum als Drehbuchberater mitgewirkt hat. Vielleicht beobachten wir gerade die Geburt einer Welle, gefördert von den großen internationalen Filmfestivals? Ihre Gemeinsamkeit ist vor allem eine ethische: in den Zumutungen, die sie ihren Figuren und Zuschauern gleichermaßen aufbürden. Und in ihrem unverhohlenen Sadismus. Den Unerbittlichen gelingt dabei eine Aktivierung der Zuschauer auch gegen deren Willen. Die Gefühlswallungen verlaufen nicht parallel mit denen der Protagonisten, aber sie richten sich in Solidarität mit ihnen gegen deren Schöpfer. Und so befinden wir uns schon bald in der Falle: Wenn man sich erstmal auf die Seite der Figuren schlägt, dann ist man den Filmemachern bereits auf den Leim gegangen. Das zu akzeptieren ist nicht ganz leicht.

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Zu den großen Stärken von Wolfskinder gehört seine Sprachlosigkeit. An vielen Stellen bleiben die Kinder, die sich gegenseitig bei der Flucht helfen, stumm. Das ist schon auf der Ebene des Schauspiels ein Vorteil. Und es verringert die psychologische Last des ohnehin schwerfälligen Stoffs. Wer schweigt, kann nichts Falsches sagen. Wiederholt aber wird die Sprachlosigkeit damit motiviert, dass die Kinder sich so schützen wollen, um nicht die eigene Herkunft zu verraten. Weil Ostermann zugleich das explizite Namens- und Sprachenerbe als entscheidenden Identitätsanker verklärt, erscheint zuletzt als größte Entbehrung der deutschen Kinder, dass sie auf ihr Deutschsein verzichten müssen. Die Lektionen der Unerbittlichen sind erzkonservativ, vor lauter Revisionismus und kalkulierter Trübsal schmerzen sie. Ich will sie nicht wahrhaben.

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