Super-Hypochonder

Danny Boon versucht sich an Klamauk im Stile von Louis de Funès.

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Wem wünscht man es, eine Erfolgskomödie zu drehen, wie es Dany Boon unerwarteterweise 2008 mit seiner zweiten Regiearbeit Willkommen bei den Sch’tis gelungen ist? 20 Millionen Zuschauer in Frankreich, immerhin 2 Millionen in Deutschland. Sich davon zu erholen ist schwierig, wird man doch immer am Überraschungserfolg gemessen und kann eigentlich nur scheitern. Nichts zu verzollen (Rien à déclarer, 2011) haben dann auch „nur“ noch acht Millionen Franzosen und eine halbe Million Deutsche gesehen. Ohne den gigantischen Erfolg des Vorgängerfilms wäre das zwar ein beeindruckendes Ergebnis. Doch Frankreichs Feuilletonisten sahen Dany Boon auf einer Talfahrt – und diese mit seinem vierten Film Super-Hypochonder (Supercondriaque) nun fortgesetzt. Doch das wird dem Film nicht gerecht.  Bereits der Vorspann, in dem all unsere modernen Leiden – von Handystrahlung über Vogelgrippe bis zum Plastik in Fischmägen – vorgeführt werden, ist echt originell.

Action, Klamauk und fiktive Staaten

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Romain Faubert (Dany Boon) ist der titelgebende Hypochonder, ein eingebildeter Kranker mit inniger Beziehung zu seinem Hausarzt Dimitri Zvenka (Kad Merad). Dieser gibt offen zu, seinem treuesten Patienten den materiellen Wohlstand zu verdanken, schließt den einsamen Außenseiter in sein Herz – und macht den Fehler, ihm eine Frau finden zu wollen. Doch nach einigen gescheiterten Anläufen verliebt sich Romain ausgerechnet in Dimitris Schwester Anna (Alice Pol), die sich für politische Flüchtlinge engagiert und Romain für den Revolutionsführer Anton Miroslav (Jean-Yves Berteloot) aus der Heimat der Großeltern hält. Da kann das Chaos seinen Lauf nehmen …

Vom temporeichen Prolog an zieht Dany Boon bei Kameraführung, Schnitt und Dialogen alle Register. Er nimmt die bourgeoisen Kaviarsozialisten seines Landes („Ich bin Sozialist, kein praktizierender“) und ihre literarischen Referenzen (Flaubert, Hugo, Rostand) aufs Korn und zieht die Schraube aus Action, Klamauk und Verwechslungsspiel bis zur Peripetie im postsozialistischen Militärgefängnis eines fiktiven Balkanstaates gehörig an. Natürlich geht es bei der Inszenierung karnevalesker Festlichkeit nicht nur um die Pointe – und schon gar nicht um Realismus. So wie sich Louis de Funès in Die Abenteuer des Rabbi Jacob (Les aventures de Rabbi Jacob, 1973) als jüdischer Rabbiner verkleidet und im Pariser Marais-Viertel auf der Straße tanzt, hüpft Dany Boon als vermeintlicher Balkan-Revolutionär in Springerstiefeln durch ein bürgerliches Wohnzimmer.

Die Komödie als kollektive Therapie

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Es gehört zur Strategie der Komödie, sich als Spiel zu zeigen, indem sie etwa – wie hier – ein Spiel im Spiel inszeniert und Gegenweltlichkeit durch Verkleidung bewirkt. Will man der anthropologischen Perspektive von Helmuth Plessner folgen, ist die Komödie die beste Form, um auf kognitiv nicht beantwortbare Situationen zu reagieren: Im Lachen übernimmt der Körper die Antwort auf eine intellektuell nicht zu bewältigende Situation. Auf nationaler Ebene dient die Filmkomödie somit auch dem Erzählen kollektiver Verluste oder Traumata – im französischen Kontext verdeutlichen das besonders die Filme mit Louis de Funès. In Brust oder Keule (L’aile ou la cuisse, 1976) ist das der Niedergang des Essens als französisches Weltkulturerbe, in Die Abenteuer des Rabbi Jacob die gefühlte Überfremdung der französischen Gesellschaft, in Die große Sause (La Grande vadrouille, 1966) die Kollaboration während des Zweiten Weltkriegs. Und nun also Super-Hypochonder, der in der psychischen Labilität seines Protagonisten die Verwundbarkeit der gesamten Grande Nation inszeniert. Aus dieser Perspektive reiht sich der Film bestens in die Tradition französischer Komödien im Stile von Gérard Oury und Claude Zidi ein.

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Hypochondrie ist eine psychische Störung, bei der der Betroffene unter Ängsten leidet, eine ernsthafte Erkrankung zu haben – für die sich jedoch kein objektiver Befund finden lässt. Laut einer Studie der OECD wurden 2011 in Frankreich doppelt so viele Antibiotika verschrieben wie in Deutschland. Jedoch stehen die Franzosen auch beim Verbrauch von Antidepressiva seit Jahren an der Weltspitze. Angeblich gibt es in Frankreich 8,5 Millionen Hypochonder, das wären über 13 Prozent der Bevölkerung. Auch Molière glaubte im 17. Jahrhundert bereits zu wissen, dass seine Landsleute zu eingebildetem Kranksein neigen, und schuf die Komödie Der eingebildete Kranke. Frankreich, ein Land der uneingestanden psychisch Leidenden? Wenn Lachen die beste Medizin ist, dann könnte es Dany Boon mit Super-Hypochonder durchaus gelingen, seinen Landsleuten die Hypochondrie auszutreiben.

Trailer zu „Super-Hypochonder“


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