Stillleben

Ein Leben auf Autopilot. In seinem letzten im Iran gedrehten Film erzählt Sohrab Shahid Saless von einem alten Ehepaar, das sich ein Gefängnis aus Routinen gebaut hat.

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Bahngleise zerteilen eine karge Winterlandschaft. Die Züge, die auf ihnen fahren, bringen keine Menschen hierher, sondern rasen einfach nur durch. Warum sollte man in dieser Ödnis auch verweilen? Obwohl die Gleise in diesem provinziellen Nirgendwo eigentlich nur von Schafen überquert werden, muss der alte Bahnwärter Mohamad (Zadour Bonyadi) zwei- oder dreimal am Tag die Schranke herunter- und dann wieder hochfahren. In der Zwischenzeit kehrt er – je nach Länge der Pause –  entweder zu seiner Frau zurück oder in sein Bahnhäuschen, das mit den nackten Wänden und der klapprigen Pritsche fast aussieht wie eine Miniaturversion seines Zuhauses.

Arbeiten, Essen, Rauchen und Schlafen

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Lediglich zwei Totalen benötigt Sohrab Shahid Saless in seinem zweiten Langfilm, um dem Zuschauer die spezielle Zeitlichkeit seines Schauplatzes und seines Helden zu vermitteln. Zunächst sehen wir einen Zug, der mit hoher Geschwindigkeit von links nach rechts fährt. Und dann, nachdem Mohamad die Schranke wieder geöffnet hat, seinen schwerfälligen Gang von den Gleisen rechts zu seinem Häuschen links. So gegensätzlich wie die Richtungen sind auch die Tempi. Während der Zug nach vorne prescht, vermutlich in eine moderne Großstadt und damit auch irgendwie in die Zukunft, humpelt der alte Mann zurück zu seinem vorindustriellen Leben ohne Fernsehen, Radio und Zeitungen. Gerade weil es kaum äußere Einflüsse gibt (nur einmal werden Auswärtige nach einer Überschwemmung im Nachbarort gefragt), wird der Alltag von den immer gleichen Ritualen bestimmt: Arbeiten, Essen, Rauchen und Schlafen. Und am nächsten Tag geht es wieder von vorne los. Ein Vorgesetzter fragt Mohamad in einer Szene, wie alt er denn sei. Doch er hat darauf keine Antwort. Dort, wo er lebt, spielt es einfach keine Rolle.

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Stillleben (Tabiate bijan, 1974) zeigt eine Abfolge von Gewohnheiten, die sich langsam etabliert haben, dem Menschen aber eigentlich nicht guttun. Ein Sinnbild dafür ist der rauchende Mohamad, der immer wieder einen teuflischen Hustenanfall bekommt, nur um gleich darauf wieder an seiner Zigarette zu ziehen. Durch die Routine entfremdet sich der Geist langsam von der körperlichen Tätigkeit. Mohamad führt ein Leben auf Autopilot. Und auch seine Frau (Zahra Yazdani) lebt eher neben als mit ihm. Sie konzentriert sich auf das Nähen von Teppichen oder darauf, ihrem Mann zu dienen, ihm Tee zu kochen und Essen zuzubereiten. Das Wenige, was die beiden miteinander reden, ist gut einstudiert und rein funktional. Man bekommt den Eindruck, das Paar sei nicht durch sein hohes Alter so gebrechlich geworden, sondern durch die endlose Wiederholung ermüdender Handlungen. Vielleicht ist es nur einem Übersetzungsfehler zuzuschreiben, aber einmal wird erwähnt, dass Mohamad wohl um die sechzig ist. Er sieht jedoch locker zwanzig Jahre älter aus.

Ausbruch aus dem Gefängnis der Routinen

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Ein dreißigjähriger Regisseur, der vom monotonen Alltag eines gebrechlichen Paares erzählt, läuft Gefahr, leichtfertig über eine ihm fremde Lebenswelt zu urteilen. Wenn der Drang zur Veränderung noch das eigene Dasein bestimmt, ist es nun mal keine Selbstverständlichkeit, Menschen zu verstehen, für die selbst kleinste Veränderungen einen ungemeinen Kraftakt darstellen. Saless aber bringt seinen Figuren nicht nur Verständnis entgegen, sondern zeigt auch, dass ihre kleinen Gesten, Ticks und Macken nicht allein Symptome einer Entfremdung von sich selbst sind, sondern auch eine stabilisierende Funktion haben, Sicherheit bieten und den Alltag strukturieren. Wenn wir die alten Leute weder belächeln noch verurteilen, so deshalb, weil der Film ihnen Respekt entgegenbringt – und auch, weil er jüngere, reichere und zumindest ein bisschen urbanere Leute von auswärts zeigt, die das nicht tun. Bevor Saless seine offizielle Laufbahn als Regisseur begann, hat er für das iranische Kulturministerium zahlreiche Dokumentationen gedreht. Man glaubt, die Spuren dieser Arbeit noch in Stillleben zu erkennen; durch einen niemals aufdringlichen Blick, der genau beobachtet, wie die Leute schauen, wie sie sich bewegen und wie sie sprechen.

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Allerdings bedient sich Saless keines klassischen dokumentarischen Stils. Die nächstliegende Herangehensweise bei so einem Sujet wäre es, die Zeit in quälender Langsamkeit verstreichen zu lassen und die Monotonie durch eine schnell durchschaubare Erzählstruktur zu betonen. Stillleben zeigt die Wiederholung zwar, versucht aber nicht, sie mit den immer gleichen Einstellungen auch filmisch nachzuvollziehen. So sehen wir zum Beispiel immer wieder einen Wecker aus unterschiedlichen Perspektiven – sein Ziffernblatt und sein Klingeln bleiben uns aber verborgen. Und obwohl man den Film durchaus als minimalistisch und langsam bezeichnen könnte, wirkt die Montage geradezu dynamisch. Dass es Saless ohnehin nicht nur darum geht, die Eintönigkeit des Alltags einzufangen, wird klar, wenn Mohamad plötzlich nach der Hälfte des Films gegen einen jüngeren Kollegen ausgetauscht werden soll. Die Bekanntschaft mit dem Konkurrenten und ein Ausflug in die Stadt erweisen sich dabei als dramatische Versprechen, die nie eingelöst werden.

Am Ende sehen wir, wie das Ehepaar sein Hab und Gut zusammenräumt, um weiterzuziehen. Auf den ersten Blick wirkt es wie eine Niederlage. Doch eigentlich verbirgt sich hinter dieser aufgezwungenen Veränderung die Chance, endlich aus dem Gefängnis der Routinen auszubrechen.

Trailer zu „Stillleben“


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