Resturlaub

Ein Oberfranke findet nach Bestsellerautor Tommy Jaud auf einem Trip nach Buenos Aires alles, was sein Spießerherz begehrt: die Bestätigung, dass zu Hause alles besser ist. 

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Es ist eine Schlüsselszene von Resturlaub, als sich Protagonist Pitschi (Maximilian Brückner) in der Flughafentoilette selbst verletzt. Er schlägt sich mit der Faust auf die Nase, seinen Kopf auf Armaturen, eine Klotür ins Gesicht. Warum er das tut? Weil er seiner langjährigen Freundin Sabine (Mira Bartuschek) nicht in den Mallorca-Urlaub folgen und stattdessen die Beziehung mit ihr überdenken will. So radikal die Szene, so trivial seine Motive: Pitschi strebt nach einem Ausbruch aus seinem Leben, nach einem Neuanfang. Dabei fällt er auf das Klischee von Argentinien als ebenso heißer wie heißblütiger Nation herein, in der die Verwirklichung des individuellen Freiheitsdrangs möglich ist und außerdem an jeder Ecke attraktive Latinas warten. Auf der Suche nach dem Flugziel, das möglichst weit weg ist, verschlägt es ihn nach Buenos Aires. Dort angekommen, wird seine Vorstellung von dem Land Lügen gestraft: eine Temperatur nahe dem Gefrierpunkt, die dicke deutsche Touristin Adelheid aus der Heimatstadt und ein unfreundlich-exaltierter Vermieter, der zugleich als Tierfriseur arbeitet. Bis hierhin bedient Resturlaub nicht unbedingt die gängigen Bilder von Südamerika, ruft gar ein paar Lacher hervor, die sich aus unerwarteten Verwicklungen ergeben.         

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Außerhalb dieser raren Momente, die nicht nur Pitschi aus seinem provinziellen Leben, sondern auch den Film aus der Klischeekiste der Komödien-Selbstfindung ausbrechen lassen, bedient sich Resturlaub der inhaltlichen Versatzstücke von peinlichen Momenten und stereotypen Kumpelfiguren dafür umso schamloser. Eine kieksende Bekannte, die auf ihrer Hochzeit mit einem der besten Kumpels ihr Fett wegbekommt, Tango und Sex mit einer argentinischen Sprachlehrerin und der überstürzte Rückflug nach der Läuterung der Hauptfigur passen ebenso in den dramaturgischen Bausatz wie das verlogene Happy End. Das Problem dabei: Protagonist Pitschi ist nie sympathisch, immer eine ebenso charakterlose wie aufgeblasene Witzfigur. Das passte zum Plot von Vollidiot (2007), der ersten Verfilmung eines Romans von Tommy Jaud, viel besser. Dort war die machohafte Arschloch-Hauptfigur tief im Proll-Humor des Buches verwurzelt, Resturlaub dagegen versucht, seine Herkunft konsequent zu verdecken und lässt Pitschi als netten, strebsamen, lediglich leicht pubertär gebliebenen Mann dastehen, dem die Eskapaden fast schon unverschuldet zustoßen. Scharfe Soße im Anus zur Potenzsteigerung oder eine Sex-Szene mit Adelheid sind nur wenige, dafür kalkulierte Ekligkeiten, die spätestens seit Tom Gerhardt in die deutsche Blödel-Komödie Eingang gefunden haben und auch hier nicht fehlen dürfen. In Sachen Stilmittel liegt Resturlaub nur unwesentlich höher auf dem Niveau einer losen Abfolge von Fernseh-Sketchen, die zu keiner erzählerischen Einheit findet, obwohl diese durch ausdeklinierten Minimalplot suggeriert wird.

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Elemente wie lautmalerisch gestaltete Wischblenden, Flug-Animationen über virtuellen Landkarten und Split Screens wirken hier eher altbacken und abgedroschen als witzig. Resturlaub glaubt, mit gewollt skurrilen, aber schlicht flachen Charakteren und einigen Garstigkeiten, wie sie in den Büchern Jauds häufiger zu finden sind, state of the art im deutschen Komödiengenre zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Auch die Bekenntnisse zur oberfränkischen Mundart, Bierkultur und Provinzialität, die zunächst durchaus originell anmuten, dienen nur dazu, ein ganzes Arsenal an mäßigen, aber erwartbaren Kalauersalven um in Sachen Marketing bornierte regionale Bierfabrikanten, die unverständlichen Ausführungen eines Mitarbeiters des Ordnungsamts oder die auch zum Junggesellenabschied in Bamberg sich treu bleibenden Kumpels abzufeuern. Resturlaub ähnelt in diesem beliebigen Gestus leider nur allzu sehr seiner opportunistischen Hauptfigur, die in ihren Entscheidungen stets den Weg des geringsten Widerstands geht.

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Die zeitgemäße deutsche Geschlechterkomödie ist, wie auch Resturlaub, eine nationalspezifische Antwort auf ur-amerikanische Screwball-Comedies. Sie setzt stets mehr auf platte Peinlichkeiten, Zweideutigkeiten und sketchartig vorgetragene Gags als pointierten Wortwitz und sich behutsam aufbauende Situationskomik. Die Stereotype von der anstrengenden Matriarchin, die schließlich doch dem Charme ihres Verehrers erliegt, oder von verweichlichten Männern, die nicht mehr ihre körperliche Kraft, sondern mentale Stärke beweisen müssen, sind stets dieselben. Diese Risse im archaischen Bild von Männlichkeit, die in Resturlaub in peinlichen Situationen der Hauptfigur zum Ausdruck kommen, scheinen ebenfalls ein zeitgemäßes Symptom des Genres zu sein. Die Schwächen des triebgesteuerten starken Geschlechts – etwa eine unkontrollierte Erektion beim Sprachkurs – dienen dem doppelten Zweck, dass Männer über die eigenen sexuellen Unzulänglichkeiten abfeiern können und auch Frauen im Kino mal so richtig über ihn lachen dürfen. Dabei stellen sich schnell Abnutzungserscheinungen ein. Auch darin wird das spießige Humor-Regelwerk offenbar, an dem Tommy Jaud sich in seinem Drehbuch entlanghangelt. Nomen est omen: Der Verfilmung des „Zweitbuchs“ merkt man seine Zweitklassigkeit an.

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Kommentare


Martin

Gute Zusammenfassung des Films. Ich möchte dazu anmerken, dass das Buch um Welten witziger, intelligenter und charmanter ist. Der Film ist einfach nur flach und verucht slapstick zu sein.


Stefan

Habe das Buch nicht gelesen, sondern nur den Film gesehen.
Muss sagen ich habe mich schon lange nicht mehr so gelacht im Kino!
Einfach gemacht, was aber nicht schlimm ist.
Das Geld ist aufjedenfall gut angelegt.


Kayazo

Tolle und erstklassige Kritik. Nicht so der Film. Zu viele platte Witze, alle irgendwie schon gesehen und vorhersehbar. Es gab nur einen Lacher, als Taxi wiederbelebt werden sollte. Obwohl eigentlich klar war, dass der Hund als slow-runnig Gag nur auf dem Bett liegen konnte. Ansonsten als Drama recht lustig, als Komödie nur Apokalypse... "Das Grauen". Wer darüber lacht schaut auch gerne Doku Soaps und DSDS. Schade um die vertane Zeit.


Dani

Ich schaue keine Doku Soaps und DSDS, bin selber Oberfränkin und finde den Film einfach klasse. Zum Entspannen und Lachen wirklich super. Wem es nach Anspruchsvollem ist, der sollte sich einen dementsprechend anderen Film aussuchen.


Vollstrecker

Die Bücjer von Jaud lasen wir alle. "Vollidiot" fanden wir mit Pocher passend besetzt. Auch wenn "Filmkritik" den P. überfordert fand; nein, wir sind da anderer Meinung. Eigentlich höfften wir ja auf die Verfilmung von Millionär. Na gut. Resturlaub. Kritik gelesen, dennoch ins Kino gegangen, weil wir das eben sehen wollten. Wir finden Mario Barth nicht lustig und auch nicht diese medienernannten Komiker. Und wir konnten auch über diesen Film echt nicht lachen. Geht echt nicht. nein. Richtig schlecht. Als einzelne Sketche könnten vielleicht einige Sequenzen genommen werden. Aber nicht diese dämliche Aneinanderreihung von gepresstem Witz. Peinlichpeinlich. Was soll das? Was dachten sich die Macher dabei? Sind wir schon so verblödet? Ohoh. Was sollte übrigens das Lama auf dem Zimmer? Und wer in diesem Alter wichst noch auf'm Klo? Es ist ziemlichz daneben. Witz funktioniert, wenn er nah an der Wahrheit ist. Hier nicht.






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