National Bird

Tod per Knopfdruck: Sonia Kennebeck nähert sich in ihrem Dokumentarfilm dem Präzisionsversprechen des unbemannten Krieges – und vollzieht dabei gleich in zweierlei Hinsicht eine Umkehr des Drohnenblicks. 

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„Wie ein Adler, der immer wieder auf deinem Arm landet“, heißt es geradezu zärtlich im Air-Force-Werbeclip, während die Drohne geschmeidig durch die Lüfte braust. Die Sonne scheint über den Bergen, die Bewegungen des unbemannten Flugkörpers haben etwas von einem spielerischen Taumeln, als stünde irgendwo auf der Erde ein Kind, das sein Spielzeug fernsteuert, angestiftet vom alten Menschheitstraum des Fliegens. Diese Drohne aber löst ein ganz anderes Versprechen ein, oder gibt zumindest vor, eines einzulösen: das einer präzisen, sauberen Kriegsführung, die mit chirurgischer Genauigkeit und aller Härte das trifft, was es zu treffen gilt, während sie den Rest unversehrt und unbescholten lässt. Das erweist sich hier natürlich als großer Trug. Der Nationalvogel ist keine Friedenstaube.

Den Augen ins Auge schauen

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National Bird ist die Geschichte einer Umkehr, ein Auge, das auf ein anderes schaut; das auf die schaut, deren Beruf es war, zu schauen. So zum Beispiel auf Heather, ehemalige drone imagery analyst bei der Air Force, deren Tätigkeit darin bestand, Live-Aufnahmen auszuwerten und Handlungsempfehlungen auszusprechen – die nicht selten tödlich endeten für die Abgebildeten. Heather drückte auf keinen Knopf, sie gab lediglich ihr Ja und sah zu, wie dieses Ja auf einem unscharfen Schwarzweiß-Bild dicke Rauchschwaden auslöste und Körperteile in alle Richtungen schoss. National Bird ist von solchen Drohnenaufnahmen durchzogen, verschwommene, verwackelte Aufnahmen, die sich dem Mythos des Präzisionsinstruments widersetzen. Dass nicht nur der Zuschauer, sondern auch der Soldat hinterm Bildschirm Schwierigkeiten haben kann, Bewaffnete und Unbewaffnete, Männer, Frauen und Kinder auseinanderzuhalten, wird an vielen Stellen deutlich. Nur dass wir hier nicht in einem Experimentalfilm sind, der die Verwirrung feiert und die Grenzen unserer Wahrnehmung herausfordert, sondern auf der Grundlage dieser Bilder Menschen in die Luft gejagt werden.

Das große Bild rekonstruieren

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Das alles hat etwas Absurdes, Ungreifbares, auch wenn sich Sonia Kennebeck bemüht, die gesamte Kette zu rekonstruieren und der gepriesenen Gefahr- und Emotionslosigkeit der Drohnentechnik Lüge zu strafen. National Bird dekonstruiert die Idee eines unbemannten Krieges, zeigt zum einen, dass der Drohnenkrieg eine Reihe menschlicher Handlanger hat, zum anderen, dass dieser Drohnenkrieg etwas mit diesen Menschen macht. Es ist ein Film über die Bedingungen von Betroffenheit, über Nähe und Distanz, über das, was es in einem bewirkt, aus der Ferne eines abgesicherten Kontrollraums Menschen zu töten und das auf Bildern live verfolgen zu können. Dabei zeigt National Bird auch, dass diese Art des Tötens mitunter mehr Nähe zum Opfer schaffen kann als das klassische Gefecht. Du weißt alles über das Leben dieser Menschen, sagt Heather eingangs. Sie hat das Militär inzwischen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung verlassen und kämpft nun für ebendiese Anerkennung: dass das Töten hinterm Bildschirm auch krankmachen kann.

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Die Regisseurin folgt drei ehemaligen Soldaten, jeder setzt eigene Akzente: Heather klagt eine Armee an, die kein Gehör hat für die seelischen Probleme seiner Drohnenkrieger; Lisa versucht, mit der Schuld umzugehen, am Töten von Zivilisten beteiligt gewesen zu sein; Daniel droht eine Anklage und möglicherweise jahrzehntelange Haft wegen Offenlegung militärischer Informationen. Kennebeck lässt sie sprechen, greift nicht ein, weist sie nicht zurück in die Schranken der (nicht mitgeschnittenen) Fragen. Es gibt zaghafte Versuche, die Angst, in der sie leben, in Bildern einzufangen – etwa das wiederkehrende Motiv des an der Decke ratternden Ventilators, das an einen Helikopter erinnert –, aber der Film setzt größtenteils auf das Gesagte und auf die Drohnenaufnahmen. Weniger als um die Darstellung der seelischen Not, in der sich die Befragten allem Anschein nach befinden, geht es in National Bird darum, das große Bild zu rekonstruieren, den Drohnenkrieg von seinem Anfang, von einer am Schreibtisch sitzenden Heather, bis zu seinem Ende, dem beinamputierten Afghanen, zu denken, zu begreifen. Das Medium Film ist dafür wie geschaffen, geschickt führt Kennebeck die Bilder zusammen, in einer atemberaubenden Sequenz koppelt sie sogar die Original-Aufnahmen eines Drohnenangriffs auf Zivilisten an Interviews ebendieser Überlebenden.

Die Blickrichtung umkehren

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National Bird nimmt dabei in zweierlei Hinsicht eine Umkehr des Blickes vor. Zum einen, indem der Film meistens auf die schaut, die mit den Augen der Drohne schauen; zum anderen, indem es eben diesen Blick der Drohne, diesen allmächtigen, unheilvollen, allumspannenden Blick auf bislang unversehrtes Gebiet lenkt, nämlich US-amerikanische Städte von oben streifen lässt. Immer wieder gibt es Luftaufnahmen. Die bleiben unkommentiert, allerdings hallen Lisas Worte nach: Die von den USA so eifrig eingesetzten Drohnen könnten sich schließlich gegen die USA wenden. Dass Kennebeck in ihrem Film das dem Kriegsdrohnenauge bislang verborgen gebliebene Heimatgebiet diesem Blick ausliefert, macht nicht nur die diffuse Drohung des „Todes vom Himmel“ greifbarer, sondern rüttelt auch an der Selbstverständlichkeit, mit der einige Länder andere überfliegen. National Bird ist ein Film über die Macht der Bilder, über die Macht über die Bilder, über die Macht derjenigen, die Bilder machen; die Weltordnung, zeigt dieser Film, teilt sich in die, die Bilder machen und die, die bebildert werden.

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