Marfa Girl

Zärtlichkeit am Grunde des Höllenschlunds: Larry Clark setzt seine Erforschung kaputter jugendlicher Lebenswelten fort – diesmal leider nicht im Kino.

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„… but it’s OK / we love you anyway“, so singen Dead Moon über den Abspann von Marfa Girl und setzen damit in gewisser Hinsicht den Maßstab dafür, was es heißt, einen Film von Larry Clark zu schauen. Dabei waren es vordergründig stets die Skandale, die Clark – sicher nicht absichtslos – durch seine Werke regelmäßig provozierte, mit denen man ihn instinktiv in Verbindung brachte. Ob in Fotobänden wie seinem legendären Debüt Tulsa (1971) oder später in seinen filmischen Arbeiten im Anschluss an den nicht weniger donnerschlagartigen Kids (1995), der ganz nebenbei auch noch einem jungen Drehbuchautor und multitalentierten Künstler namens Harmony Korine den Weg in das amerikanische Gegenwartskino ebnete: Stets suchte Clark nach Wegen, ungeschönte, aber durch und durch zärtliche Blicke auf eine Jugendkultur inmitten eines Infernos aus Drogen, Verwahrlosung, Gewalt und entfesselter Sexualisierung – irgendwo zwischen allgegenwärtigem Missbrauch und, als Gegenreaktion, ungezügeltem, libertärem Hedonismus – zu erheischen.

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Diese durchaus explosive Mischung im Gewand adoleszenter White-Trash-Milieustudien legte sich seit Kids immer wieder wie eine Schutzhülle um das zutiefst humanistische, sanfte Zentrum von Clarks Filmen, in dem verletzliche, verletzte Individuen nach Fluchtlinien aus ihren kaputten Lebenswelten heraus suchen und sich immer wieder auf ihre bloße Körperlichkeit zurückgeworfen finden, die sie sich dann aber großzügig zum gegenseitigen Geschenk machen. Während diese Verbindung in Kids noch in nicht unproblematischer Weise durch die Fokussierung auf sexuelle Manipulationsmechanismen und vor allem durch die Konfrontation mit dem HI-Virus als dräuendem Strafgericht unterlaufen wird, kommt Clarks (und Korines) Kino in der Schlusssequenz ihres Meisterwerks Ken Park (2002) – der wohl schönsten, romantischsten, berührendsten Gruppensexszene, die je auf einer Leinwand zu sehen war – ganz zu sich und wird zur schmerzlich intimen Sexualutopie: everything’s not lost.

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Clarks neuer Film Marfa Girl – seine erste lange Regiearbeit seit Wassup Rockers von 2005 – knüpft im Tonfall weitgehend an diese Sequenz an, die wohl die schönste ist in Larry Clarks filmischem Werk, schraubt aber den Hitzegrad seiner Provokationsgesten über weite Strecken spürbar zurück. Auch wenn letztlich dann doch alles wieder da ist: allein gelassene Jugendliche, omnipräsenter Drogenkonsum, der hier allerdings weniger bis zum Exzess zugespitzt und somit gekippt wird denn vielmehr als ständiges Hintergrundrauschen in den Alltag der Protagonisten eingebettet erscheint – und vielfältige sexuelle Begegnungsgeflechte unterschiedlicher Eskalationsgrade.

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So ist der sechzehnjährige Protagonist Adam, der über weite Strecken im Zentrum dieses allerdings eher lose strukturierten Films steht, zwar verliebt in seine gleichaltrige Freundin Inez, lässt sich jedoch auch immer einmal wieder von der älteren Nachbarin Donna, deren Freund im Knast sitzt, ins Bett ziehen. Zudem wird er von einer freigeistigen Künstlerin auf den nächsten, siebzehnten Geburtstag – das age of consent – vertröstet und bekommt von seiner hochschwangeren Lehrerin ein Geburtstags-Spanking verpasst. Besonders Letzteres nährt eine seltsame, sacht, aber auch nachdrücklich beunruhigende Sequenz, in der sich eine nicht ganz angemessene, erotisch aufgeladene, aber doch von einer zugewandten Sorge und Sanftheit geprägte Beziehung zwischen dem Teenager und der erwachsenen Frau andeutet.

Das Skandalisierungspotenzial von Marfa Girl bleibt über weite Strecken in einer Spannung zwischen angedeuteten, aber merkwürdig unterdeterminierten Verstörungen und jener grundlegenden Entspanntheit, die den Blick des Überlebenden – Clark selbst entstammt einem vergleichbaren Milieu wie die Protagonisten all seiner Filme – prägen. Niemand behauptet, es wäre einfach dort zu leben, aber Zärtlichkeit und Menschlichkeit finden sich in der Welt von Larry Clark noch am Grunde des tiefsten Höllenschlundes, im (sub)urbanen Milieu oder wie hier in der provinziellen Einöde des Borderlands von Marfa, Texas.

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Während Clark also mit Marfa Girl seine Werkreihe freizügiger Gesellschafts- und Jugendporträts um eine neue Facette erweitert, betritt er in Bezug auf die Vertriebswege, über die sein neuer Film verfügbar sein wird, gleich völliges Neuland. Nach der Premiere im Wettbewerb des Filmfestivals Rom – den Marfa Girl prompt gewann – stellte der Regisseur seinen Film nur wenige Tage nach der Erstaufführung auf seiner Website zur Verfügung. Für 5,99 Dollar kann man dort ein 24 Stunden gültiges virtuelles Ticket erwerben, das Zugang zu einem legalen HD-Internet-Stream, wahlweise auch mit spanischen oder italienischen Untertiteln oder, für langsamere Rechner, in SD-Auflösung, bietet. Kino- oder DVD-Auswertungen, so Clark, solle es auch zukünftig nicht geben, auch die großen Video-on-Demand-Plattformen wie iTunes oder Netflix sollen zugunsten der reinen Direktvermarktung außen vor bleiben.

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Nun ist ja diese Form der Auswertung mutig und wohl auch hellsichtig, stimmt aber gleichzeitig auch ein wenig traurig. Einerseits stellt sich der bald 70-jährige Larry Clark damit einer sich radikal verändernden Filmkultur und wagt, wohl auch angesichts von illegalen Downloads und immer häufiger resignierten und mutlosen Kinomachern, das Experiment mit alternativen Vertriebsformen. Andererseits wünschte man sich schon, auch jenseits der Premiere in Rom, die Chance, den auch visuell reizvollen Marfa Girl in einem Kinoraum zu sehen, auf einer Leinwand – dort, wo ein großer Film noch immer sein wahres Zuhause findet. Und selbst der größte Kinopessimist müsste sich dann doch die Frage stellen lassen, ob es wirklich wünschenswerter oder angenehmer ist, nach der Entrichtung eines kinokartenähnlichen Entgelts erst einmal eine Dreiviertelstunde lang an seinem Laptop herumzubasteln und nach Updates und dem perfekten Browser zu suchen, nur um einen zunächst hakeligen Stream endlich fehlerfrei zum Laufen zu bringen, als sich einen vergleichbaren Zeitraum lang im Multiplex mit Werbeblöcken bombardieren zu lassen.

Gegen ein Entgelt von $ 5,99 erhält man auf Larry Clarks Website einen 24-stündigen Zugang zu einem Stream, in dem man den Film sehen kann: larryclark.com/marfagirl/

Trailer zu „Marfa Girl“


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