Lourdes

Der berühmte französische Wallfahrtsort wird in Jessica Hausners neuem Film Lourdes zum Spielfeld eines auf sein Außen hin fast perfekt abgedichteten Autorenkinos.

Felicita e tenersi per mano
andare lontano la felicita.
E il tuo squardo innocente
in mezzo alla gente la felicita.
E restare vicini come bambini
la felicita
felicita...

Glück
sich an den Händen zu halten, weit fort zu gehen
das ist das Glück
Dein unschuldiger Blick inmitten der Menge
das ist das Glück
Eng zusammen zu bleiben so wie die Kinder
das ist das Glück
das Glück...

Lourdes

So beginnt „Felicita“, ein italienischer Schlager aus den frühen 80er Jahren, ursprünglich vorgetragen von Albano & Romina Power. Lourdes, der neue Film der Österreicherin Jessica Hausner, endet mit diesem Lied, das eine Form von unbeschwertem Glück beschwört, die im Rest des Films abwesend ist. Da gibt es keine weltliche, vitale „felicita“, höchstens die religiös-verbrämte „grazia“, einen Zustand der Gnade, den man nicht als aktiv Handelnde(r) erarbeiten kann, sondern dem man sich ergeben muss wie einem Schicksal. Die „felicita“ ist lange Zeit der unsichtbare Fluchtpunkt des Films. Wenn sie am Ende in Gestalt eines großartig-kitschigen italienischen Schlagers auftaucht, wirkt sie zwar nicht nur – vor allem: nicht für alle Beteiligte – befreiend. Aber sie ist doch das einzige Moment der Freiheit, den der Film anzubieten hat.

Lourdes

Jessica Hausners Film beginnt mit einem noch menschenleeren Speisesaal, die Kamera bleibt auf Abstand. Dann, während er sich zu füllen beginnt, führt ein langsamer Zoom in die Einstellung hinein, ein Zoom ohne festes Ziel, ohne Fixierung ist das allerdings. Eine Einstellung, in der der gesamte Film enthalten ist, ein Kamerablick der systemischen Kontrolle, nicht des identifizierenden Zugriffs. Noch mindestens zweimal wird sich diese Einstellung fast identisch wiederholen. Der Speisesaal ist der räumliche Mittelpunkt des Films. Er gehört nicht zu einer Alpenpension wie im Vorgänger Hotel (2004), an den diese erste Einstellung unmittelbar erinnert, sondern zu einem kirchlichen Pflegeheim im französischen Lourdes, das von kranken Gläubigen aufgesucht wird, die hoffen, im Wallfahrtsort von ihren Gebrechen befreit zu werden.

Lourdes

Ein Film in den französischen Nationalfarben: Christine (Sylvie Testud), die Hauptfigur, trägt eine blaue Jacke, eine weiße Bluse und die immer gleiche rote Kappe. Die Schwesterntracht ist rot-weiß, der Himmel blau. Wunderbar klare, exakte Bilder komponiert Hausner, gefilmt ist Lourdes mit der digitalen Kamera Red One, mit deren Hilfe Steven Soderbergh zuletzt in seinen Che-Filmen (Che – Revolucion; Che – Guerilla, beide 2008) hinreißend plastische Dschungelpanoramen aufnahm. In glasklarer High Definition erbaut Hausner ihre Welt; die Räume erscheinen nicht ganz so beengend und paranoid wie in Hotel, dennoch spielt auch Lourdes an wenigen, ständig wiederkehrenden Schauplätzen: dem Speisesaal, Christines Krankenzimmer, der Wallfahrtskirche, zweimal gibt es einen Fototermin, einmal einen Ausflug ins Grüne.

Lourdes

Über diese Schauplätze und über die minimalistische Geschichte, die sie erzählt, verteilt Hausner ihre Figuren. Erstaunlich viele Figuren sind das, und erstaunlich gut lernt man sie im Laufe des Films kennen: Christines Leidensgenossen, mehrere Krankenschwestern, eine davon Christines Antipode und Konkurrentin, männliches Sicherheitspersonal, einer davon taugt eventuell als Christines love interest, Geistliche. Im Stile eines Ensemblefilms geht es Lourdes nicht darum, alle Nebenfiguren der einen Hauptfigur unterzuordnen, eher konstruiert der Film ein nicht unbedingt soziales, aber jedenfalls mehrdimensionales, interpersonales System. Durch Blick- und Bewegungsachsen, durch vulgärtheologische Dialoge, durch Zooms und Schwenks, durch Wiederholungen und Abweichungen. Der Ort gibt die rudimentäre Handlung vor: Kommerzialisierte Religiosität, Marienstatuen im Sonderangebot, Heilung und Gnade müssen an diesem Ort einfach käuflich sein, die „felicita“ ist es wahrscheinlich nicht. Irgendwann geschieht ein Wunder. Oder auch nicht.

Lourdes

Der Film zielt, manchmal vielleicht etwas zu ausgestellt, auf die Ambivalenz in seinem Inneren. Nicht mehr, wie Hotel, auf ein Rätsel, das seine Lösung auch außerhalb des Films haben könnte. Wenn Lourdes, ein extrem eleganter, atmosphärisch wie thematisch dichter Film einen am Ende unsicher zurücklässt, dann deswegen: Hausner definiert zunächst und schon in der ersten Szene ein Spielfeld sowie Spielfiguren und schiebt letztere dann mit viel technischer Finesse auf ersterem hin und her. Dabei entstehen immer wieder sehr interessante Konstellationen, aber das System bleibt ein geschlossenes, abgedichtet gegen sein Außen: die Welt. Andererseits ist genau das vielleicht auch Thema des Films. Und dann gibt es diese letzte Szene des Films und die „felicita“. Und die letzte Ambivalenz ist dann vielleicht doch eine Art Öffnung. „E cantare a due voci / quanto mi piaci la felicita, felicita ...“ („Mit zwei Stimmen zu singen, wie sehr ich Dich mag / das ist das Glück, das Glück...“)

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Kommentare


Marc Biskup

Mir scheint ein viel tiefer liegendes Problem über dem ganzen Film zu schweben, was mit Sicherheit heftige Kritik in Kirche und Religion auslösen wird. Schließlich sind es gerade die eigentlichen geistlichen, die den wahren Glauben verloren haben. Die selbst kranke Oberschwester (Cecile) erdrückt Christine fast mit ihrer Rede dazu, dass es keine Wunder gäbe. Die drei äkteren (unter ihnen der Pater) lehnen das geheiligte Lourdes-Wasser dankend ab. Auf die Frage nach Allmächtigkeit und Güte Gottes, gibt es von ebenjenem Pater nur fadenscheinliche Antworten. Letztlich die "Heilung" selbst, die ungewöhnlich, aber möglich ist. Es ist eine Hinterfragung des Glaubens und der Religion und - man darf darüber denken, wie man mag - die Auswirkungen von festem Glauben. Der Film liefert diesbezüglich großen Diskussionsbedarf - und das macht ihn letztendlich zu einem guten Film. Denn er wandelt zusätzlich auf dem (wie Beschriebenen) Weg zwischen Kommerzialisierung und Glaube. Was siegt, bleibt dem Betrachter überlassen. Für mich, selbst nicht religiös, zeigt sich hier eine klare Kritik an der Religion. Aber vielleicht geht es auch nur mir so.


gassner

Der Film Lourdes hat mich sehr berührt und betroffen gemacht. Es ist ein sehr anschauliches Lehrstück, wie das Umfeld dem heiligen, sensiblen Geschehen einer Heilung durch negative Gedanken, falsche Worte und Taten im Wege stehen kann. Jeder wünscht sich Heilung. Aber obwohl alle um Heilung beten, wird nur halbherzig geglaubt, dass bei Gott alles möglich ist. Viele können nicht einmal glauben, wenn die Heilung vor ihren eigenen Augen passiert. Kurze Freude darüber… aber dann kommen schon wieder die Zweifel, Neid und viele Fragen. Durch diesen Film wird einem ein Spiegel vorgehalten, der anregt, sich selber, die eigenen Gedanken und den eigenen Glauben zu überprüfen. Eine Kritik sprach von einem langweiligen Film. Dies hat mich besonders gereizt, den Film zu sehen. Erfahrungsgemäß sind die ruhigen Filme meistens die besten. Ich finde es sehr spannend und lehrreich, Menschen und ihr Verhalten zu studieren. Ein sehr schöner, ruhiger Film, der zum Nachdenken anregen sollte.


elisabeth staudenmaier

ich fand den film sehr gut,menschen sind ua auch so,alle hoffen auf ein wunder und wenn es dann tatsächlich eintritt,können sie nichts damit anfangen.großartig gezeigt,wie die einzelnen pilger reagieren,bei vielen hat man den eindruck,sie wissen gar nicht,warum sie in lourdes sind.man darf nur nicht den fehler machen,zu verallgemeinern,es gibt gewiss auch ganz andere pilger und malteser sind meistens empathischer,obwohl der flirtfaktor sicher auch eine rolle spielt






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