Lola

Neben dem in Cannes preisgekrönten Kinatay (2009) startet noch ein weiterer Film des philippinischen Regisseurs Brillante Mendoza in unseren Kinos. Das Sozialdrama Lola erzählt davon, wie viel Geld und Mühe der Tod kosten kann.

lola-2

Die letzte Einstellung zeigt zwei alte Frauen beim Verlassen eines Gerichtsgebäudes in Manila. Der Enkel der einen soll den der anderen ausgeraubt und getötet haben. Während sich die Kamera immer mehr in die Vogelperspektive zurückzieht, erscheint eine Statue der Justitia im Bild. Justitias Augenbinde steht heute für die Unparteilichkeit der Justiz, Ende des 15. Jahrhunderts galt sie jedoch als Spott für deren Blindheit. In einer früheren Szene lässt eine der zwei Frauen Passfotos von sich machen, die sie für die Verpfändung ihrer Rentenkarte benötigt. Sie muss zweimal 50 Pesos zahlen, weil auf den ersten Bildern ihre Augen geschlossen sind.

lola-4

In Lola (die respektvolle Anrede für „Großmutter“ auf Tagalog) hat alles seinen Preis: Rentenkarten und Enteneier genauso wie der Sarg für den Enkel oder der mögliche Freispruch eines Totschlägers – der kostet hier genau 10.000-mal so viel wie ein Passfoto. Sterben ist vor allem teuer und Gerechtigkeit kann zum Luxusgut werden, wenn man wie die Hauptfiguren zur philippinischen Unterschicht gehört. Die Handkamera sitzt den beiden Lolas oft buchstäblich im Nacken, wenn sie sich durch volle Straßen und heftigen Monsunregen kämpfen, um Geld für die Bestattung oder die Kaution ihrer Enkel aufzutreiben. Dass die Großmutter des Opfers, Lola Sepa (Anita Linda), bei ihren Gängen durch die Stadt oder den Fahrten auf einem Kanal von einem kleinen Jungen, einem weiteren Enkel, begleitet wird und ebenso wie Lola Puring (Rustica Carpio) mehr als nur die Rentenkarte einbüßt, erinnert wohl nicht zufällig an Vittorio De Sicas neorealistischen Klassiker Fahrraddiebe (Ladri di biciclette, 1948).

lola-1

Das Einbüßen von Unschuld oder Integrität, meist aufgrund ökonomischer Zwänge, verbindet eine Vielzahl der Protagonisten in Brillante Mendozas sozialkritischen, unabhängig produzierten Werken, die auf internationalen Filmfestivals erfolgreicher laufen als im Heimatland des Regisseurs. Am drastischsten erfährt dies ein frisch verheirateter junger Polizeischüler in Kinatay (2009), der zum Mittäter einer Vergewaltigung und „Schlachtung“ einer Prostituierten wird. Die Gewalt von Kinatay, der bei uns zeitgleich mit Lola in die Kinos kommt, ist in einigen Szenen grafisch, viel mehr aber äußert sie sich verbal durch die menschenverachtenden Kommentare der Täter und akustisch durch die dominanten Geräuscheffekte. Obwohl in Lola die Tonspur weniger eindringlich ist, wirkt sie bisweilen auch wie ein physischer Angriff, wenn die Großmutter des Opfers gerade ihren aufgebahrten Enkel im Beerdigungsinstitut gesehen hat und anschließend an eine lärmende Hauptstraße tritt. Die Gewalt, die in Kinatay von korrupten Polizisten verübt wird, geht in Lola von einem Rechtssystem aus, das beide Augen zudrückt, wenn genügend Geld fließt. Bezeichnenderweise funktioniert im Gerichtsgebäude nicht einmal die Toilette.

Hat sich Mendoza in seinem Debüt Der Masseur (Masahista, 2005) auf die rituellen Handlungen des Protagonisten und in Kinatay auf das Gesicht der Hauptfigur konzentriert, so stehen diesmal die Bewegungen der alten Frauen im Mittelpunkt. Häufig filmt er sie beim Laufen, auf dem Weg zur Polizeistation, zu Behörden oder zum Pfandleiher, wie sie langsam Wohnungstreppen herauf- oder Gefängnistreppen heruntersteigen. Der auch für die Szenenbilder verantwortliche Regisseur ist dafür bekannt, dass er seine Figuren über ihre Umgebung definiert. Nach den schachtelhaften Sexmassageräumen mit Jesusbild in Der Masseur, dem heruntergekommenen Pornokino von Serbis (2008) und dem dunklen Inneren eines Autos in Kinatay ist es in Lola unter anderem ein Holzhaus am Kanal, in dem Lola Sepa mit ihrer Familie lebt und das nur mit einem Ruderboot zu erreichen ist. Per Boot wird der Sarg des Enkels transportiert, der auf dem schiefen Boden der engen und unsicheren Behausung umzukippen droht, und rudernd wird von den Nachbarn Geld für die Bestattung eingesammelt. Der Ort verlangsamt und verkompliziert den Alltag seiner Bewohner, sorgt manchmal aber auch für kurze Glücksmomente, wenn ein paar Fische als nächste Mahlzeit angespült werden.

lola-3

Mendozas Geschichten spielen nicht nur an genau umrissenen Schauplätzen, sondern größtenteils auch zu besonderen Zeiten, die das Geschehen mitunter etwas überdeutlich kontrastieren oder unterstreichen: während des Wahlkampfes (Tirador, 2007) oder einer Gebetswoche (Serbis), nach der Hochzeit (Kinatay) oder wie hier zur Regenzeit, die die mühsamen Gänge der Großmütter noch zusätzlich erschwert und deren Auswirkung sich zum Beispiel in einer akuten Arthritis der Lola Puring zeigt. Auch die moralischen Botschaften und die Kapitalismuskritik, die der Regisseur vermitteln will, tendieren sowohl in Kinatay als auch in Lola in einigen Szenen zum Plakativen: Ein T-Shirt-Spruch vom unwiderruflichen Integritätsverlust ist ebenso wenig subtil wie eine Fernsehsendung mit dem Titel „Kredit oder Schulden“ oder das Werbeplakat einer Versicherung, die umfassende Sicherheit verspricht.

lola-5

Das Sehenswerte an Lola ist, wie detailliert, geduldig und weitgehend unsentimental er die Lebenssituation seiner Protagonistinnen einfängt und wie spürbar der Regisseur das Alter der Frauen inszeniert. Obwohl Mendoza reichlich Schicksalsschläge, Geld- und Familienprobleme auf sie niederprasseln lässt, vielleicht zu viele, werden die Großmütter dabei nie zu hilflosen Opfern. Stattdessen demonstrieren sie wie Lola Sepa in der Eingangssequenz eine Willensstärke, die selbst im Unwetter eine Kerze zum Brennen bringt.

Trailer zu „Lola“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.