Helden des Polarkreises

Rabenschwarze Nacht mit kleinen Leuchtfeuern.

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Alle großen Dramen verstecken sich in Kleinigkeiten. Oder wie dereinst Blumentopf orakelten: „Bin schon gespannt woran’s zu Ende geht / Ich tipp ganz grob auf die falsch ausgedrückte Blend-a-Med“. Im Falle von Helden des Polarkreises ist allerdings keine Zahnpastatube, sondern ein Digitalreceiver der Zünder, der die versteckten Bomben in Jannes (Jussi Vatanen) und Inaris (Pamela Tola) Beziehung hochgehen lässt. Und die sind ebenso privater wie gesellschaftlicher Art: Nicht nur kriegt Janne nie was auf die Reihe, pennt den ganzen Tag, verpennt sogar die Umstellung von Analog- auf Digitalfernsehen, nein, alle Männer im pechschwarzen Winter von Lappland sind arbeitslose, versoffene, desillusionierte Versager, die nur eine Sache konsequent zu Ende zu bringen wissen: ihr eigenes Leben. Also entweder bekommt Inari bis zum nächsten Morgen einen neuen Digitalreciever, oder Schluss. Da bleibt Janne keine wirkliche Wahl, und seine Kumpels Kapu (Jasper Pääkönen) und Räihänen (Timo Lavikainen) haben ohnehin nix zu tun.

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Helden des Polarkreises vermischt klassische Mechanismen des Roadmovies mit jenem speziellen, depressiv-lakonischen Humor skandinavischer Komödien des letzten Jahrzehnts. Die Geschichte des männlichen Lappen erzählt ein Voice-over Kapus zu Beginn als Geschichte des Selbstmords: Das Leben in seinem Heimatkaff verdichtet sich in einem einsam am Hügel stehenden Baum, an dem immer ein Strick bereithängt. In der polaren Nacht geht nämlich sowieso alles in die Hose: Das Vieh wird krank, das Getreide wächst nicht, die Kinder erfrieren. Bleibt Suff und Galgenhumor. Dabei setzt Regisseur Dome Karukoski weniger auf einen Reduktionismus im Stile seines Landsmanns Kaurismäki, des Großmeisters der zynischen Melancholie, sondern will vor allem kurzweilige Unterhaltung mit einem Touch Skurrilität – was manchmal gut funktioniert, manchmal sehr berechnend wirkt.

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Wie viele Roadmovies krankt Helden des Polarkreises an seiner simplen Motivationslogik und der daraus resultierenden simplen Dramaturgie – es gibt ein primäres Ziel (den Digitalreceiver zu bekommen / die Freundin zu behalten), das mit sekundären Zielen (die drei Jungs müssen ihr jeweiliges Leben wieder auf die Reihe bekommen) verwoben ist. Das gestaltet sich wesenhaft als abwechselndes Auftreten eines bös- und eines gutwilligen Deus ex machina: Der eine legt Hindernisse (weibliche Unterwasser-Rugby-Mannschaften, arktische Eisstürme, berauschte Russen mit Handfeuerwaffen, schmierige Nebenbuhler), der andere verteilt Bonbons (liebeshungrige Damen, echte Freundschaft, ehrbare superreiche Russen, abgeblitzte Nebenbuhler).

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Dabei schaut man dem Situationen-Abklappern der drei Jungs jedoch meist gerne zu. Die ewig schwarze Nacht gebiert eher Fieberfantasien als Wirklichkeit, weshalb alle Episoden eine künstliche, erdachte Aura auszeichnet. Karukoski will eben vor allem „Strangeness“ erzeugen, und manches Mal gelingt ihm das auch mit einigem Erfolg. Wenn sich einmal die knallgelbe Karre, mit der Janne und Co. durch den Schnee heizen, zu chansonartiger finnischer Volksmusik in Zeitlupe wie ein Korkenzieher in der Luft dreht oder wenn sich die drei ihre Depression mit einer anderen Gang von Verlieren vor einem Imbiss aus der Seele prügeln können, während die Kamera gemütlich am Tresen verweilt, dann passt alles sehr gut zueinander. Das Versagen, die Unterhaltungssehnsucht, der Style, ein bisschen menschliche Aufmüpfigkeit, ein bisschen mehr Resignation: Helden des Polarkreises mag insgesamt etwas egal sein, aber im richtigen Mischverhältnis funktioniert er in Momenten ausgesprochen gut. Wie gesagt, es sind die Kleinigkeiten, die das Leben spannend halten ...

Trailer zu „Helden des Polarkreises“


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