Goyas Geister

Aus der Perspektive des großen spanischen Malers erzählt Milos Forman in seinem opulenten Historiendrama eine Opfer- und Schurkengeschichte zur Zeit der spanischen Inquisition mit überraschender politischer Aktualität.

Goyas Geister

Erstmals seit seinem Welterfolg Amadeus (1984) interessiert sich Milos Forman in seinem neuen Film wieder für einen historischen Künstler und dessen Epoche. Was Mozart den Deutschen in der Musik, ist Goya den Spaniern in der Malerei: eine nationale Institution – zum Beispiel ist der wichtigste spanische Filmpreis nach ihm benannt. Der brillante Portraitist und erste Hofmaler unter Carlos IV. prägte mit seinem Stil nicht nur das 18. Jahrhundert, sondern gab auch den Kunstrichtungen der Romantik und des Impressionismus wichtige Impulse. Mit seinen berühmten Druckserien Caprichos und Desastre de la Guerra stigmatisierte er die ewige Misere der Menschheit und prangerte die Grausamkeiten der napoleonischen Kriege an.

Goyas Geister (Goya’s Ghosts) ist aber nur vordergründig ein Film über Malerei. Sicherlich wird Goya malend in seinem Atelier gezeigt und Forman dokumentiert ausführlich die zeitgenössische Herstellung eines Drucks. An anderer Stelle durchwandern die französischen Invasoren bei der Auswahl lohnender Beutekunst die königliche Gemäldesammlung, wobei Napoleons Bruder Joseph Velasquez’ Meninas als Meisterwerk bezeichnet. Auch ist Goyas Geister kein biopic über den großen spanischen Maler, über dessen Leben sehr wenig erzählt wird. Eine filmästhetische Auseinandersetzung mit (unter anderem) seinen Gemälden unternimmt beispielsweise Jean-Luc Godard in Passion (1982) und Carlos Saura hat in Goya in Bordeaux (Goya en Burdeos, 1999) den Maler als Greis im französischen Exil über sein Leben und seine große Liebe reflektieren lassen.

Goyas Geister

Forman aber interessiert sich weniger für die Person und ihr Werk, als für deren Epoche. Nicht Goya (Stellan Skarsgård) steht im Mittelpunkt, sondern – und das wird schon durch den Filmtitel deutlich – dessen „Geister“, das heißt die Modelle seiner Portraits, deren Wege sich schicksalhaft in seinem Atelier kreuzen. Einer seiner potenten Auftraggeber ist der zwielichtige Pater Lorenzo (Javier Bardem), unter dessen Initiative überkommene Praktiken der Inquisition wieder eingeführt werden: Die katholische Kirche bangt um ihre Macht, denn als Bibel getarnte Voltaire-Schriften und Ideen der Aufklärung sickern vom revolutionären Frankreich ins Spanien des ausgehenden 18. Jahrhunderts.

Eines der ersten Opfer dieser neuen Inquisitionswelle wird Goyas bildhübsche und strengkatholische Muse Inés (Natalie Portman), der absurderweise „jüdische Praktiken“ vorgeworfen werden. Um ihre Freilassung zu erwirken, vermittelt Goya vergeblich zwischen ihrer reichen Familie und Pater Lorenzo. Von Inés’ Vater (José Luis Gómez) bestochen und beim Großinquisitor (Michael Lonsdale) in Ungnade gefallen, flieht Lorenzo nach Frankreich, um 15 Jahre später triumphierend mit Napoleons Armee ins unterworfene Spanien zurückzukehren. Als gebrochene Frau von den französischen Besatzern befreit, bittet Inés Goya um Hilfe bei der Suche nach ihrer im Kerker geborenen Tochter und deren Vater: Pater Lorenzo.

Goyas Geister

Goyas gesellschaftliche Stellung, sowie seine überragende kunsthistorische Bedeutung können in Formans Film nur erahnt werden. Goyas Geister begreift das Malerauge vor allem als Beobachterauge und die Kunstwerke als Zeitdokumente, auf die sich die fiktive Geschichte insbesondere im Vor- und Abspann beruft. Einige Einstellungen zitieren Motive aus Goyas Gemälden. Der Künstler ist die Nebenfigur, die fassungslos das Zeitgeschehen malerisch festhält und das individuelle Schicksal der Protagonisten kommentiert. Die eigentliche Entwicklungsgeschichte wird Lorenzo zuteil, der sich vom nachäffenden Fanatiker – zuerst katholischer Geistlicher, dann Napoleons Exekutor – zum echten Helden wandelt und im Tod über sich hinaus wächst. Javier Bardem verkörpert diesen abgründigen Charakter überragend, und Natalie Portman spielt den tragischen Fall eines unschuldigen Mädchens zur körperlich und geistig gebrochenen Frau überzeugend.

Forman leistet sich eine aufwändige Ausstattung und ein opulentes Dekor an Originalschauplätzen in Madrid, doch es geht um mehr als um die historische Präzision eines Kostümdramas. Indem er die Grausamkeiten gegeneinander ausspielt, die im Namen des katholischen Glaubens und der französischen Revolution begangen wurden, zeigt Forman, der als gebürtiger Tscheche selbst in einer Diktatur aufwuchs, den Wahnsinn, dem jede Ideologie mit Totalitätsanspruch verfallen ist. In einer einleuchtenden Demonstration überführt Inés’ Vater die Dummheit der Klerus-Justiz. Und mit trockenem Zynismus kommentiert der Film visuell die Revolutionsideale der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der historische Rahmen mit seinen Machtwechseln führt vor, wie schnell sich Wahrheiten ablösen können. Ob die Assoziation gewollt ist oder nicht: bei der willkürlichen Verhaftung und Folterung von Inés muss man an gewisse Praktiken der Terrorbekämpfung und bei ihrem rechtlosen Dahinvegetieren im Kerker an Guantánamo denken. Die Menschheit hat von Voltaire nichts gelernt. Deswegen gewährt Forman seinem Publikum im bitteren Schlussbild auch keine Versöhnung.

 

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Kommentare


Denisa Kurowska

Ich bin auch eine Tschechin, wie Milos Forman, eins wurde mir wieder klar, es ist egal ob du gut oder schlecht bist, du kannst genauso oben, wie unten landen .Mein Vater ist nach der Wende sehr religiös geworden und lebt nur auf seine "Siebte Wolke", ich fand das Handeln von Ines Vater hervorragend und tapfer,aber der Lorenzio hat trotzdem nicht gelernt. Es ist alles die Realität, man muss einfach lernen immer wieder mit verschiedenen Menschen umzugehen und schauen, wo man selber bleibt und sein Herz auch. Ich fand es super, traurig, aber alles sehr nachvollziehbar.


Martin Z.

Vom Titel her steht die geschundene und gequälte menschliche Kreatur im Mittelpunkt des Films. Deswegen sehen wir gleich in der Anfangszene viele Zeichnungen von Goya, die das veranschaulichen und werden außerdem in die Problematik der Inquisition mir ihrer hochnotpeinlichen Befragung, üblicherweise auch Folter genannt, eingeführt. Forman entwickelt einen prallen Bilderbogen der Gewalt, mit Anleihen an der Geschichte Europas um 1800. Teils um fiktive Figuren, teils um historische Größen herum entwickelt er seine dramatischen Bilder.
Daneben bilden noch zwei Hauptfiguren das zentrale Trio: vor allem Natalie Portman- bis zur Unkenntlichkeit verhässlicht - beeindruckt in einer Doppelrolle, die die unendliche Fortsetzung des Elends darstellt, sowie Javier Bardem als zynischer Opportunist, der vom Priester zum Vergewaltiger mutiert und erst am Ende wegen seiner Verbrechen zur Rechenschaft gezogen wird. Nie langweilig, ohne erhobenen Zeigefinger hinterfragt der Film Fanatismus und das Recht auf Glück im Wandel historischer Ereignisse. Historische Vorkenntnisse sind hilfreich


Gerd Liebhardt

Mit Verlaub: als Entschuldigung für die leider unzutreffende Filmkritik von Frau Almut Steinlein könnte der aufmerksame Leser vermuten, dass die Verfasserin entscheidende Szenen von "Goyas Geister" versehentlich nicht angeschaut hat, bevor Sie Ihre Kritik verfasste. Ihr ist offensichtlich entgangen, dass Pater Lorenzo der Vater des Kindes von Inés war und zwar wurde das Kind während der Kerkerhaft gezeugt, wobei Pater Lorenzo die verzweifelte Situation von Inés vollkommen schamlos ausnutzte. Mitnichten wandelt sich Pater Lorenzo "zum echten Helden", sondern er ist den ganzen Film hindurch ein bösartiger Triebtäter, der kaltblütig darauf bedacht ist, die Zeugen seiner Schandtaten zu beseitigen und dabei jede Machtposition schamlos ausnutzt, egal ob als Pfarrer oder als Revolutionär. Nur im Augenblick seines Todes wird Ihm eventuell seine Boshaftigkeit bewusst. Im Film bemerkt Goya nicht, dass er selbst in Lebensgefahr war, nachdem Lorenzo herausgefunden hatte, dass der Maler über die Zusammenhänge der Vaterschaft Bescheid wusste. Außerdem besteht natürlich der Verdacht, dass die gesamte Familie von Inés (Vater, Mutter, Brüder) im Auftrag von Lorenzo ermordet wurde um Mitwisser zu beseitigen. Dass Lorenzo von Inés Vater "bestochen" worden sein soll, ist ganz offensichtlicher Unsinn. Der Vater wollte nur seine Tochter zurück, er hatte gar keine Motivation Lorenzo zu bestechen. Ganz im Gegenteil hat der Vater außerordentlichen Mut bewiesen, als er vergeblich versuchte, seine geliebte Tochter aus dem Kerker frei zu bekommen. Der Film ist ein eindringlicher Aufruf zur Wachsamkeit und Sensibilität. Bitte mehr Sorgfalt beim Kritisieren.


Almut Steinlein

Sehr geehrter Herr Liebhardt, vielen Dank für Ihren Kommentar. Eine Kritik ist keine Nacherzählung der Geschichte. Wenn einige inhaltliche Aspekte bewusst nicht genannt wurden, lässt sich daraus nicht der Vorwurf ableiten, der Film sei nicht gründlich angeschaut worden. Im Gegenzug bitte ich Sie um mehr Gründlichkeit beim Lesen von Filmkritiken. Dass Pater Lorenzo der Vater von Inés' Kind ist, lässt sich sehr wohl in der Kritik nachlesen. Ansonsten haben wir die "Message" des Films beide offensichtlich ähnlich verstanden.






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