Gordos - Die Gewichtigen

Was hat Liebe eigentlich mit unserem Körper zu tun? Daniel Sánchez Arévalo stellt in seinem Karussell des Begehrens zwischen Komödie und Tragödie lauter richtige Fragen.

Gordos – Die Gewichtigen

Dass Übergewicht nicht immer glücklich macht, sei es, weil man sich in seiner eigenen Haut nicht mehr wohlfühlt, sei es wegen der Erwartungen anderer, all das ist ja kein Geheimnis, und natürlich machen nicht wenige Hersteller von Schlankheitskuren, -diäten und -mittelchen ihr gutes Geschäft mit diesem Leiden.

Manche begeben sich deshalb auch in eine Therapie, und das ist der Moment, in dem Gordos – Die Gewichtigen (Gordos) von Daniel Sánchez Arévalo einsetzt: Da versammeln sich unterschiedlich schwergewichtige Menschen (zwischen leicht übergewichtig und ernsthaft adipös) beim smarten Therapeuten Abel (Roberto Enríquez), weil sie schlanker, leichter werden wollen. Und Abel fordert sie als Erstes auf, sich ganz auszuziehen, geht auch mit gutem Beispiel voran. Nur wenige seiner prospektiven Patienten bleiben – diese aber, wir ahnen es, werden rasch mehr als nur ihren Körper freilegen.

Gordos – Die Gewichtigen

Die Therapie dient Regisseur und Drehbuchautor Sánchez Arévalo vor allem als Rahmen (um nicht zu sagen: Vorwand), um vom Seelenstriptease der therapeutischen Sitzungen aus immer wieder die Geschichte der einzelnen Figuren weiterzuerzählen. Der Stuhlkreis wird so zum Zentrum des Films, und einmal filmt Kameramann Juan Carlos Gómez während eines solchen Treffens die Gruppe aus verschiedenen Positionen außerhalb des Kreises; das Bild springt immer weiter von einer Einstellung zur anderen, von einem Patienten zur nächsten.

Wie ein Karussell wirkt das, und Sánchez Arévalo hat aus dieser Konstellation konsequenterweise einen Ensemblefilm destilliert; anhand seiner Figuren fragt Gordos, immer an der Wahrnehmung des je eigenen Körpers und des Körpers anderer entlang, nach Liebe und Begehren, nach den Grenzen, die wir uns selbst setzen, und jenen, die wir uns nicht eingestehen wollen.

Gordos – Die Gewichtigen

Die unterschiedlichen Patienten Abels stehen daher in Unordnungen ganz unterschiedlicher Natur. Enrique (Antonio de la Torre) hat vorher, gertenschlank und sportlich, im Fernsehen Diätpillen beworben, und nun ist er wieder hier, ganz Opfer des Jo-Jo-Effektes, von seinem Karriereende unmittelbar bedroht – und zugleich ein Meister darin, sich seine eigene Verlogenheit schönzureden. Leonor (María Morales) hingegen hat zugenommen, während ihr Freund im Ausland war, und glaubt nicht, dass er sie so noch mögen könne, während Sofía (Leticia Herrero) vielleicht gar nicht vor allem abnehmen möchte, sondern vor allem mit ihrem Verlobten Alex (Raúl Arévalo) ins Bett. Der aber will, ganz braver spanischer Katholik, keinen Sex vor der Ehe.

Die Auseinandersetzungen zwischen Alex und Sofía, ihre fast schon ritualisierten Diskussionen über immer wieder ähnliche Fragen, geführt unter einem großen, fluoreszierenden Kruzifix; schließlich Alex’ Versuchungen an einem seiner Arbeitsplätze als Elektriker, einer Peepshow: All das setzt Sánchez Arévalo je nach Situation ernsthaft, verspielt oder hochkomisch in Szene. Und so wie er sich bei diesem Paar als äußerst sensibel für Struktur und Ton erweist, so sehr gelingt es ihm auch, die anderen Konflikte zwischen Drama und sanfter Ironie changieren zu lassen, wo immer das geboten ist.

Gordos – Die Gewichtigen

Es bewegt sich so einiges während der Therapie, und Ausschnitte aus Enriques Werbevideo gliedern den Film in vier Diätphasen, die für die Handlung auch Entwicklungsschritte markieren: Selbsterkenntnis und Veränderung, gefolgt von einer Phase der Stagnation oder des Durchhaltens … bis hin zum großen Finale. Auf dem Weg dorthin bleibt in den Beziehungen der Übergewichtigen kaum ein Stein auf dem anderen, gibt es psychische wie erotische Irrungen und Wirrungen aber auch beim Therapeuten und seiner Frau Paula (Verónica Sánchez), und Sánchez Arévalo scheut sich nicht, uns das alles zu zeigen.

Und auch wenn man natürlich sagen kann, dass die Schauspieler hier vollen Körpereinsatz zeigen, so wird das doch nie exploitativ, im Gegenteil. Durch die Bank (und besonders gilt das vielleicht für Leticia Herrero) schenken sie ihren Figuren jene Mischung aus Stolz und Verletzlichkeit, Unsicherheit und Übermut, die so oft unseren Umgang mit dem eigenen Körper kennzeichnet.

Während Bild und Handlung sich zum Schluss ins ganz und gar Metaphysische heben, hat der Film zu diesem Zeitpunkt ausgelotet, wie das Irdische immer wieder Stolperfallen stellt, wenn man nicht bereit ist, seine Liebe auch unabhängig von Körperfragen zu denken und zu schenken.

Trailer zu „Gordos - Die Gewichtigen“


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Kommentare


Christoph

Fabelhafter Film, glänzende Mischung aus Witz und Ernst. Kleine Längen im 3. Teil (Stagnation), aber grundsätzlich sehr empfehlenswert. Die Spanier machen derzeit die aufregendsten Filmne in Europa. Kleine deutsche sympathische Lowbudget Filme wie "Renn, wenn du kannst" halten dagegen


Martin Z.

Der Originaltitel drückt es direkter aus ’Die Dicken’. In dieser Groteske steht eine Therapiegruppe im Mittelpunkt, deren Ziel es ist abzunehmen (’Kilo Away!’). Die einzigen Aspekte der Gewichtsreduktion sind allerdings nur die Auswirkungen auf das Sexualleben der Teilnehmer. Die sind recht kunterbunt ausgewählt und bieten somit ausgiebigen Raum für Komik in Wort und Bild: z.B. ein religiöser Fundamentalist vor der Eheschließung, ein Schwuler von Frauen verfolgter oder ein Polizeibeamter mit zweifelhafter Vaterschaft. Bei allen Probanten gibt es Partnerprobleme - auch beim Therapeuten selber. Nach viel nackter Haut und ebenso vielen Liebesabenteuern verlaufen sich die diversen Schwierigkeiten in der Eintönigkeit der Wiederholungen. Wer mit wem? Aus Spaß an der Freud oder von Amts wegen?! So geht auf Dauer viel an Witz verloren, trotz überraschender Wendungen und einem Parallelschnitt von Zeugung und Geburt (Sic!) Tränenreiche Szenen folgen welchen mit Pathos, Albernheiten wechseln sich mit allgemeiner Menschlichkeit ab oder die fette Proll-Family provoziert durch diffamierende Beschimpfungen. Die skurrile Spirale dreht sich dann in Richtung Dialog mit einem Toten und eine Gesangseinlage am Sarg des Ehemanns. Man verfolgt das alles, weil die Schauspieler total überzeugen und gegen die aufkommende Langeweile erfolgreich anspielen.






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