Genug gesagt

Nicole Holofcener inszeniert romantisches Dialog-Kino, das intelligent und witzig über Wirkung und Macht des gesprochenen Wortes nachdenkt.

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„Oh no, I’ve said too much, I haven’t said enough“, sang R.E.M.-Frontmann Michael Stipe zu Beginn der 1990er Jahre in einem der vermutlich berühmtesten Lovesongs der jüngeren Rock-Geschichte (im damals für viel Aufsehen sorgenden Video lassen sich übrigens bereits die folkloristisch-märchenhaften Filmwelten von The Fall-Regisseur Tarsem Singh entdecken). Die ewige Liebesmüh um das zu viel bzw. zu wenig Gesagte wird am Ende des Musikstücks als lediglich gedankliches Spiel einer Wunschfantasie, als Produkt einer heimlichen Verehrung enttarnt: „But that was just a dream.“ Im Gewand einer Romantic Comedy tritt diese verbale Unausgewogenheit nun ganz konkret in die erzählte Welt und wird zum komödiantischen Motor. Entsteht der Wortwitz in diesem Genre dabei klassischerweise aus auf den Punkt genauen schnippischen Dialoggefechten, geht es in Nicole Holofceners (Friends with Money, 2006) neuem Film Genug gesagt (Enough said, 2013), der Titel macht es bereits deutlich, nicht um die pointierte Reduzierung, sondern gerade um den Überschuss der Wortfolgen. Es wird nicht nur genug, sondern zumeist sogar zu viel gesagt.

Zu viel Ehrlichkeit

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Das beginnt bereits in der ersten Szene des Films, wenn die geschiedene und alleinerziehende Mutter Eva (Julia Louis-Dreyfus) auf einer Gartenparty zuerst im Gespräch mit der Autorin Marianne (Catherine Keener) ins Kunst-ist-kein-Beruf-Fettnäpfchen tritt – „I’m a poet.“ „Oh, and I’m a dreamer.“ –, um wenig später in einer Vorstellungsrunde mit dem ebenfalls geschiedenen Albert (James Gandolfini in seiner vorletzten Filmrolle, für 2014 ist noch ein Thriller namens Animal Rescue angekündigt) von einem gemeinsamen Freund bloßgestellt zu werden: „She was just telling me that there’s not one guy on this party she is attracted to.“

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Nun ist Marianne tatsächlich eine spirituelle Wohlfühl-Künstlerin der Upper Class, und die Anziehung zum behäbigen, aber sanftmütig-witzigen Albert ist eben doch da, sodass die als Masseurin arbeitende Eva nicht nur eine neue Kundin gewinnt, sondern sich auch neu verliebt. Die beiden Beziehungen, die sich alsbald und, um die komische Wucht aufzubauen, für den Zuschauer etwas früher als für die Figuren als Dreiecksgeschichte entpuppen, werden konsequent auf sprachlicher Ebene charakterisiert. Genug gesagt wird so zu einer schillernden Reflexion über das (Nicht-)Aussagen, jeder Konflikt ebenso wie seine Überwindung wird evoziert durch ein Gespräch. Albert und Eva irritieren sich immer wieder gegenseitig mit ihrer jeweils spezifischen Ironie oder einer Portion zu viel verbaler Ehrlichkeit. Der komische Dialog legt Geschlechterdifferenz wie romantische Anziehungspunkte des Liebespaares frei, sorgt aber auch an anderen Stellen für Inklusions- und Ausschlussprozesse, die vor allem über die Nebenstränge der Erzählung entfaltet werden. Evas Gespräche mit Marianne, die den Beginn einer ehrlichen Freundschaft versprechen, werden mit dem egozentrischen Nonsens-Gossip einer anderen Kundin kontrastiert, die Kommunikationsprobleme mit ihrer in Kürze aufs College gehenden Tochter kompensiert Eva in Sofarunden mit der Nachbarstochter. Der ständig mitlaufende Subtext des Films, der durchaus nuanciert soziale Differenzen aufzeigt, wird mit der zweiten Tochter-Figur, einer hochnäsigen Möchtegern-Lady, auf die Spitze getrieben – man hat sich schlicht nicht viel zu sagen.

Worte werden zum nachgeholten Vorurteil

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Seine dramatische Zuspitzung erfährt Genug gesagt dann aber doch in seiner Liebesgeschichte, dann nämlich, wenn das Gesagte eines anderen zum persönlich Gemeinten wird (oder zu werden droht). Just ab dem Zeitpunkt, an dem Eva erfährt, dass ihr neuer Freund Albert der Ex ihrer neuen Freundin Marianne ist, über den diese vorher zwar viele, aber kein einziges gutes Wort verloren hatte, gerät die neue Liebe aus den Fugen. Worte werden zum nachgeholten Vorurteil und beeinflussen entschieden Evas Habitus: „She’s like a human TripAdvisor. If you could avoid staying at a bad hotel, wouldn’t you?“ Und dann wird plötzlich nicht nur das Tun, sondern auch das Gesagte verletzend, gefolgt von noch mehr Worten, die alles nur noch schlimmer machen. Manchmal muss dann eben eine Weile geschwiegen werden.

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