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Ein Schultag im Leben von sechs Teenagern, an dem sich einer von ihnen umbringt. Nur wer? Grund genug haben sie alle. Der australische Debütfilm ist ein Selbstmord-Whodunit. Ein Exploitation-Drama, das es gut meint.

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Eine verschlossene Toilettentür in einer Schule. Davor ein aufgebrachter Lehrer und eine nervöse Schülerin. Der Mann ruft: „Bist du das, Junge?“ Die Tür wird gewaltsam geöffnet. Blicke Richtung Fußboden. Entsetzte Schreie. Es ist 14:37 Uhr.

Rückblende zum Beginn des Tages. Die Selbstmordkandidaten werden der Reihe nach vorgestellt, ihre Namen auf der Leinwand eingeblendet. Eine bewegliche Kamera heftet sich an ihre Fersen und folgt ihnen durch die Korridore einer High School, streift über den Schulhof und steigt Treppen hinauf, verlässt den einen und begleitet den nächsten. Das sieht nicht nur zufällig aus wie die ausgiebigen Steadicam-Streifzüge in Elephant (2003), Gus Van Sants fiktiver Verarbeitung des Columbine-Amoklaufs. Der junge australische Autor und Regisseur Murali K. Thalluri dankt seinem amerikanischen Vorbild im Abspann.

In beiden Filmen konzentriert sich die Narration innerhalb eines Zeitfensters weniger Stunden nacheinander auf unterschiedliche Protagonisten. Spult häufig in einem langen, kaum geschnittenen Erzählfluss bereits gezeigte Ereignisse noch einmal aus wechselnden Perspektiven ab, wie in einer Endlosschleife. Doch obwohl sich Thalluri in seiner ästhetischen Umsetzung sehr offensichtlich an der von Van Sant orientiert, oder diese weitgehend schlicht kopiert - sowohl Funktion als auch Wirkung der zwei Inszenierungen driften weit auseinander.

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Van Sant zeigt die meisten Schüler bei ihren alltäglichen, oft profanen und unspektakulären Ritualen und bringt sie dem Zuschauer Runde für Runde näher. Nebenfiguren werden zu Hauptfiguren und umgekehrt. Dagegen addiert Thalluri bei seiner wiederholten Wiedergabe derselben Handlungsabläufe wichtige Hinweise, die er bis dahin zurückgehalten hat. Das anfängliche Weglassen und spätere Hinzufügen von Informationen, das Entblößen von prekären Geheimnissen, dient in erster Linie dem Aufbau von Spannung, nicht dem von Nähe. So erfährt der Zuschauer dann schrittweise, einem Whodunit-Krimi ähnlich, dass ein vorgeblich Heterosexueller eigentlich schwul ist, oder dass eine ungewollt Schwangere vergewaltigt wurde. Vieles hiervon wird als Aha-Erlebnis präsentiert, dass man meint, im Hintergrund einen Tusch hören zu können.

Wer von den allesamt problemgebeutelten Jugendlichen wird sich am Ende wohl als jener entpuppen, der in der Eingangssequenz auf dem Toilettenflur verblutet ist?, scheint der Regisseur sein Publikum zu fragen. Auf wen tippen Sie? Gleichzeitig bemüht er sich aber um eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Leiden seiner Figuren und versucht, ein enthusiastisches bis manchmal drastisches Statement zum Thema Seelenqualen heutiger Teenager abzugeben. Diese heikle Verbindung führt zu zwiespältigen Eindrücken und wachsendem Unbehagen. Thalluris Werk ist auch aufgrund seines handwerklichen Geschicks über eine gewisse Strecke durchaus spannend, es erreicht dies allerdings auf Kosten seiner Figuren. Es möchte sich einerseits auf deren Seite schlagen, instrumentalisiert andererseits aber ihre persönlichen Dramen, um Interesse aufrecht zu erhalten oder Effekte zu erzielen.

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Und mit (Melo-)Dramatik geizt 2:37 nicht: Zwei Schwule und ein Inzestopfer, eine Bulimikerin und ein Vergewaltiger, ein inkontinenter Außenseiter, der zudem noch humpelt. Das überwiegend stereotype Randgruppen-Ensemble bricht darüber hinaus, einer nach dem anderen, entweder in (männliche) Wutanfälle oder in (weibliche) Heulkrämpfe aus. Zwischendurch schiebt Thalluri in Schwarzweiß gefilmte, im Dokumentarstil angelegte Szenen ein, in denen die Teenies in extremen Nahaufnahmen einem unsichtbaren und nicht identifizierten Gegenüber davon berichten, dass sie als Kind mit ansehen mussten, wie der Vater die Mutter einfach so „auf dem Sofa gefickt“ hat, oder dass sie „Tiere und Kinder lieben“, zwar behaupten „auf Muschis und Titten abzufahren“, eigentlich aber „auf Schwänze stehen“.

Die finale Selbstmordsequenz - in ihrer expliziten Darstellung an sich schon dramatisch genug - unterlegt der Regisseur zusätzlich mit einem Frauengesang, der den Bildern mehr Theatralik als aufrichtige Emotionalität verleiht. Und er benutzt die Auflösung als Ass im Ärmel: Gucken Sie mal, der oder die bringt sich um. Hätten Sie das gedacht? Zugleich scheint er mit ihr aber wieder eine ernst und gut gemeinte Aussage treffen zu wollen, was in dieser Kombination erneut einen schalen Beigeschmack hervorruft. Kommt die letzte Offenbarung für den Zuschauer dann tatsächlich überraschend, verlangt Thalluri in diesem Fall von ihm, rückwirkend und im Schnellverfahren Empathie zu entwickeln. Somit wird das Ende allerdings für manch einen überforderten Betrachter fast ausschließlich über den Kopf funktionieren und nicht wie beabsichtigt auch auf der Gefühlsebene.

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Van Sants Elephant wurde von einigen Seiten vorgeworfen, er sei distanziert und unterkühlt, wirke unbeteiligt und würde keine Stellung beziehen. Auf Thalluris 2:37 trifft eher das Gegenteil zu. Der Debütfilm ist in seinem ungebremsten Eifer zu massig, zu plakativ, zu vorführend. Er greift zu fragwürdigen Methoden, um seinen Standpunkt zu vermitteln und ist ein Beispiel dafür, dass die besten Absichten nicht zwangsläufig die besten Resultate nach sich ziehen. Elephant lässt dem Zuschauer Platz für Projektionen, 2:37 ist hierfür zu eindeutig festgelegt und überladen. Er springt einen so aufdringlich an, dass man ihn unwillkürlich abschütteln und auf Abstand halten möchte.

 

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Kommentare


MatriX

Ich finde den Film so realitäts-nah, dass man glauben kann, was auch mit Sicherheit so ist ohne es selber zu bemerken, das es leider die Realität ist :[

Note 1 von mir ^^


Moi88

Also ich muss sagen, der Film ist keine leichte Kost. Ein Drama, das ein Leben zeigt, dass jeder von uns kennt. Und während des Films kommen teilweise mehr oder weniger schreckliche Geheimnisse auf den Tisch und man rätselt bis zum Ende welches wohl das schlimmste Geheimnis ist, um Selbstmord zu begehen. Doch dann kommt alles anders. Denn der oder die jenige der/die sich umgebracht hat, damit rechnet der Zuschauer nicht, weil sie unscheinbar wirkt und keine melodramatischen Geheimnisse von ihr ans Tageslicht kommen.
Und genau das, will der Film uns mitteilen, das die jenigen die vielleicht am unscheinbarsten wirken und immer lieb und hilfsbereit sind, auch Grund haben sich das Leben zu nehmen, auch wenn sie nicht vergewaltigt worden sind oder sich als schwul oder lesbisch outen. Es gibt eben oft Gründe die keiner verteht, aber für den jenige so unheimlich erdrückend sind um freiwillig mit dem eigenen Leben abzuschließen.






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