The Wire - Sophokles in Baltimore

Diese Woche endete in den USA die fünfte und letzte Staffel der Polizeiserie The Wire. Eine Eloge.

Howard „Bunny“ Colvin (Robert Wisdom) war lange Jahrzehnte Polizeibeamter. Zermürbt von end- und hoffnungslosen Auseinandersetzung mit dem Drogenproblem wagt er kurz vor seiner Pensionierung ein soziales Experiment, in das er keinen seiner Vorgesetzten einweiht: In einigen größtenteils verlassenen Straßenzügen Baltimores werden Drogen faktisch legalisiert, nicht per Gesetz, sondern per unverbindlicher Verordnung. Die Handlung eines einzigen Polizeibeamten auf der mittleren Führungsebene beeinflusst die Ökonomie einer ganzen Stadt.

Am untersten Ende der Nahrungskette stehen die Junkies: für sie schafft das Experiment ein Land, in dem Milch und Honig fließen. Doch der Heroinveteran Bubbles (Andre Royo) macht sich Sorgen um seinen weniger erfahrenen Mitstreiter Johnny Weeks, auf den sich die neue Freiheit ungünstig auswirkt. Die Streifenpolizisten, seit Jahren gewohnt, Kleinkriminelle und Drogensüchtige gleichermaßen zu terrorisieren, sind mit der neuen Regelung größtenteils nicht einverstanden. Sozialarbeiter möchte hier niemand sein. Nur Ellis Carver (Seth Gilliam), ein junger, schwarzer Sergeant, zeigt Interesse an dieser neuen Form von Polizeiarbeit. Auch die Drogendealer haben ein gespanntes Verhältnis zu ihrer neuen Situation. Zwar besteht mehr Planungssicherheit, aber die Macht über die Kundschaft schwindet.

Währenddessen wird Bunnys Projekt zum Politikum. Mit einem Schlag sinkt die Verbrechensrate in West-Baltimore rapide ab. Dagegen hat niemand etwas einzuwenden, aber die schönen Zahlen bringen den alternden Gesetzeshüter in eine Erklärungsnotlage. Seinem Vorgesetzten Ervin Burrell (Frankie Faison) ist der plötzliche Erfolg nicht geheuer, gleichzeitig freut er sich jedoch, dass er aus der Schusslinie der öffentlichen Kritik gerät. Ähnliches gilt für den Bürgermeister Clarence Royce (Glynn Turman). Dieser muss sich gegen seinen parteiinternen Widersacher, den jungen, aufstrebenden Tommy Carcetti (Aidan Gillen) verteidigen, da kommen ihm die positiven Zahlen der Kriminalstatistik gerade recht. Carcetti wiederum ist ein Idealist, der sozialpolitischen Experimenten dieser Art gegenüber grundsätzlich aufgeschlossen ist. Aber vor allem Idealismus steht der Realismus der Machtpolitik.

Diese komplexe, multidimensionale Struktur ist das Kernstück der dritten Staffel der amerikanischen Polizeiserie The Wire. Auf dem Pay-TV-Sender HBO konnte man über sieben Jahre verteilt zwischen Juni 2002 und März 2008 verfolgen, wie Schritt für Schritt eine komplette Stadt auseinandergenommen und wieder neu zusammengesetzt wurde.
 

Neue Formate

Das Fernsehen ist im Gegensatz zum Kino kein Medium der Regisseure. Die entscheidenden Akzente setzen Produzenten und Drehbuchautoren, beziehungsweise die „Creators“, wie die Schöpfer von Fernsehserien in den USA genannt werden. Die Creators von The Wire heißen David Simon und Ed Burns. Simon arbeitete lange Jahre in Baltimore als Journalist und Romanautor. Eines seiner Werke diente in den neunziger Jahren der Serie Homicide: Life in the Streets (1993 – 1999) als Vorlage. Auf der Basis eines weiteren Romans entstand seine erste Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Polizisten Ed Burns: The Corner, eine HBO-Miniserie aus dem Jahr 2000 über das Leben einer von Drogenkonsum zerrütteten Familie in einem Slum Baltimores, war bereits eine eindrucksvolle Vorstudie zu The Wire.

Nicht zufällig arbeitet Simon seit dem Jahr 2000 mit HBO zusammen. Als Pay-TV-Sender mit fester Kundenbasis ist die zum Time-Warner-Konzern gehörende Sendeanstalt von allwöchentlichen Quotenschwankungen weniger abhängig als die rein werbefinanzierte Konkurrenz. Infolgedessen haben die Programmverantwortlichen mehr Geduld und die Serienproduzenten mehr Planungssicherheit. Und seit dem Erfolg der Sopranos (1999-2007) scheint plötzlich fast alles möglich zu sein. David Milch entwickelte in Deadwood (2004-2006) seinen ganz persönlichen Gründungsmythos des amerikanischen Kapitalismus, John Milius begeisterte mit einer blutrünstigen, politisch hoffnungslos unkorrekten Reimagination der römischen Antike (Rome, 2005-2007), Seinfeld-Schöpfer Larry David kreuzt in Curb Your Enthusiasm seit dem Jahr 2000 Reality-TV und Sitcom. Die Erfolge dieser innovativen Formate hat inzwischen das Pay-TV-Ghetto verlassen. Längst versuchen sich auch werbefinanzierte Sender höchst erfolgreich an innovativen Formaten wie Lost (seit 2004) oder dem runderneuerten Battlestar Galactica (seit 2004). In Sachen Kreativität und Risikobereitschaft stellt das zeitgenössische US-Fernsehen nicht nur Hollywood, sondern auch das amerikanische Independentkino mit Leichtigkeit in den Schatten.

Möglich wird dies durch eine Befreiung der Fernsehserie von der episodischen Erzähllogik. Setzte man früher auf jeweils eine in sich geschlossene Geschichte pro Serienfolge, so bestimmen heute sogenannte „Storyarcs“, die sich über einen längeren Zeitraum entfalten können, die Struktur der interessantesten Produktionen.
 

Eine Stadt entsteht

Vergleichsweise harmlos ist The Wire in dieser Hinsicht zu Beginn, doch schon hier weitaus radikaler als der Rest selbst der ambitionierteren Fernsehproduktionen. Von Anfang an steht der Kampf gegen das Drogenproblem im Mittelpunkt. The Wire verfolgte in der ersten Staffel diese Auseinandersetzung aus drei Perspektiven: Polizei, Dealer, Süchtige. Den Leiden des alternden Junkies Bubbles wird genau dieselbe Aufmerksamkeit gewidmet wie D´Angelo Barksdale (Larry Gilliard Jr.), einem Drogendealer mit Gewissensbissen oder dem trinkfesten Polizisten Jimmy McNulty (Dominic West). Dramatische Höhepunkte oder Cliffhanger am Ende einer jeden Folge sucht man vergebens, die einzelne Episode ist Romankapitel, nicht Teaser für die nächste Woche.

Der tatsächliche Umfang des Projekts wird erst in der zweiten und dritten Staffel deutlich: Eine ganze Stadt soll neu zusammengesetzt werden. Unter anderem beschäftigt sich The Wire mit einer korrupten Hafengewerkschaft. Die zweite Staffel wird zu einem epischen, melancholischen Abgesang auf die amerikanische Arbeiterschaft. Doch nicht länger begnügt sich die Serie mit einem einzelnen Narrativ. Das soziopolitische Panorama erweitert sich in mehrere Richtungen.

Erst recht in Staffel drei. Obiges Szenario umfasst nur einen kleinen Teil der Verwicklungen und Seitenverbindungen, die über zwölf Serienfolgen erarbeitet werden. Die letzten beiden Staffeln intensivieren dieses Konstruktionsprinzip ein weiteres Mal. Nicht einmal ein eindeutiges Zentrum ist mehr auszumachen, verhandelt werden kleinteilige Machtverschiebungen in der Mikrostruktur einzelner Institutionen. McNulty, in den ersten beiden Staffeln noch zumindest etwas ähnliches wie eine Hauptfigur, wird trockengelegt und ist nur noch ein Bürger Baltimores unter vielen. Einer unter sehr vielen, wohlgemerkt. Das fiktive Universum der Serie umfasst gut und gerne 200 Figuren und unter den Tisch fällt dabei niemand. Selbst scheinbar unwichtige Nebenfiguren durchlaufen im Verlauf der fünf Staffeln erstaunliche Verwandlungen.

Die Erzählstränge werden in The Wire nie fein säuberlich aufeinander abgestimmt und per Drehbuchkniff zusammengeführt. Mehrdimensional und polyvalent ist die Serie zuerst aus Respekt vor dem mehrdimensionalen und polyvalenten Material, mit dem sie sich beschäftigt.

Konsequenterweise verzichtet die Serie auf erzählerische Extravaganzen wie verschachtelte Rückblenden, Splitscreentechnik oder ähnliches, mit welchen andere Qualitätsserien der letzten Jahre glänzen. The Wire entwickelt sein urbanes Universum mehrstimmig linear, in gleichmäßiger, vor allen Dingen nie hektischer Geschwindigkeit. Kommt man mit der Serie das erste Mal in Kontakt, fordert sie den Zuschauer heraus: Sie erwartet von ihm dieselbe Geduld und Aufmerksamkeit, die sie selbst ihren Figuren widmet.

Der zugrundeliegende ästhetische Modus ist ein realistischer. Aber einer, der auf eine Vielzahl der derzeit gerne eingesetzten Realismusmarker verzichtet, so zum Beispiel auf Handkameraeinsatz, wie sie The Shield, eine weitere äußerst interessante Polizeiserie dieses Jahrzehnts, prägen. Die Kamera in The Wire ist tendenziell objektiv, verzichtet auf stilistischen Exzess und wählt meist einen mittleren Abstand zu den Schauspielern. Großaufnahmen werden weniger häufig eingesetzt als man es aus Fernsehserien gewohnt ist, Postkartenpanoramen oder auch nur traditionelle Establishing shots sind ebenfalls eine Seltenheit. Im Ergebnis werden Menschen in die soziale Umgebung eingeschrieben und Interaktionen der Individuen untereinander oder zwischen Individuum und Stadt präpariert.

The Wire konstruiert soziale Räume von Grund auf neu. Das Baltimore von David Simon und Ed Burns ist keines, das von vorn herein gegeben ist und darauf wartet, mit Melodrama und Verbrechen aufgefüllt zu werden. Ganz im Gegenteil: Die Stadt wird erst hervorgebracht durch die Blickkontakte zwischen Dealer und Kunden, durch die Streifenfahrten der Polizisten, durch die Wahlkampfbemühungen der Politiker sowie durch zahllose andere soziale Aktivitäten. Ein ganz und gar synthetisches und gleichzeitig im besten Sinne realistisches Baltimore entsteht Stück für Stück, Folge für Folge, Staffel für Staffel.

Dass die beste Polizeiserie dieses Jahrzehnts in Baltimore spielt, in einer heruntergekommenen Industriestadt voller Probleme und ohne wirkliche Perspektive und nicht in Los Angeles oder New York, ist mit Sicherheit nicht nur der Tatsache zu verdanken, dass Simon und Burns Lokalpatrioten sind. Simon weist in Interviews darauf hin, dass Baltimore in The Wire für mehr steht als nur für Baltimore. Verhandelt werden die Probleme eines anderen, medial vernachlässigten Amerikas, des Amerikas der verrosteten Industriehäfen und verwahrlosten Wohnungsbauprojekte. Das Amerika der Afroamerikaner, die fast 65% der Einwohnerschaft der Stadt ausmachen, was sich in der Besetzung der Serie spiegelt. Doch es geht nicht nur darum, dieses andere Amerika sichtbar zu machen. The Wire bezieht Position innerhalb einer politischen Debatte. Die Serie ist ein Plädoyer für klassisch linksliberale, interventionistische Sozialpolitik, für Dialog und Experiment, gegen Repression und neoliberale Sparpolitik.

The Wire ist didaktisch und parteilich ohne manipulativ zu sein. Vorläufer dieser Ästhetik finden sich im politisch-diskursiven Kino des späten Roberto Rosselini, des frühen Francesco Rosi, bei John Sayles und vielleicht sogar bei Ousmane Sembene, dem unlängst verstorbenen Vater des postkolonialen afrikanischen Films. Simon weist außerdem auf die literarischen Wurzeln seines Projekts hin. Der Imperativ Hollywoods und eines Großteil des Fernsehens: „Entertainment and nothing else!“ interessiert ihn nicht. Der ursprüngliche Impetus ist ein journalistischer, den Modus der Fiktionalisierung vergleicht Simon mit Tolstoi und Sophokles. Wer sich über solche Ambitionen lustig macht, hat das Ende der dritten Staffel noch nicht gesehen.
 

Yo, Bubbles! What's up?

Vielleicht das Großartigste an The Wire sind die Dialoge. Mit minutiöser Genauigkeit stellen Simon und Burns gemeinsam mit ihren Schauspielern den Ostküstendialekt der Gegend nach. Letzten Endes geht es auch hier nicht um einen fragwürdigen Begriff von Authentizität, sondern darum, durch das gesprochene Wort Zugriff auf die sozioökonomische Position der Figuren zu gewinnen. Aus diesem Grund weisen die Dialoge stets über die Alltagssprache hinaus, nutzen den Dialekt, wie auch den Gestus der Schauspieler nur als Material, um etwas neues zu erschaffen. Der aufstrebende Dealer Stringer Bell (Idris Elba) verbindet in den Predigten an seine Untergebene Ghettoslang und Unternehmervokabular zu einer sonderbaren Kunstsprache. McNulty kommuniziert an einem Tatort mit seinem Partner „Bunk“ Morland (Wendell Pierce) fünf Minuten lang nur durch Variationen des Wortes „Fuck“.

Die Figuren, die diese großartige Sprache sprechen, nimmt The Wire gerade in ihrer Unfähigkeit, sich von ihrer Umgebung zu emanzipieren, ernst. Und obwohl Institutionen und soziale Zwänge in dieser Welt stets stärker sind als Individuen, finden sich doch einige einsame Wölfe, die zwischen den Fronten ihren eigenen Weg gehen. Da wäre zum Beispiel Omar Little (Michael K. Williams), ein schwuler Supergangster, der Drogendealer bestiehlt und längst zur Kultfigur avanciert ist. Oder Dennis „Cutty“ Wise (Chad Coleman), ehemals Gangmitglied, der nach seiner Freilassung zum Boxtrainer wird. Diese Individualisten öffnen neue Perspektiven und schaffen Freiräume, ohne dass dadurch der prägende Einfluss gesellschaftlicher Strukturen geleugnet würde.

Und dann wäre da noch der Junkie Bubbles. Bubbles wohnt in einem Abrisshaus und vagabundiert durch Baltimore, verkauft aus den Einkaufswägen, die er vor sich herschiebt, Klopapier und andere Haushaltswaren, verdingt sich als Polizeispitzel und versucht sich als Geldfälscher. Bubbles ist so weit unten angekommen, dass er niemandem mehr schaden kann. Auch das schafft Freiräume. Bubbles Freiheit ist die Freiheit ganz unten an der Nahrungskette. Tag für Tag zieht er durch die Straßen Baltimores und verwandelt sich im Verlauf der Serie in eine Art poetischen Zombie, in das wandelnde schlechte Gewissen einer von Grund auf korrupten Stadt. Kaum einen der Bewohner des fiktiven Baltimores wird man mehr vermissen als ihn. 

The Wire war bislang nie im deutschen Fernsehen zu sehen. Auch DVD-Veröffentlichungen existieren hierzulande nicht. Im Import-Handel sind die ersten vier Staffeln auf Code-2 DVDs erhältlich.

Angaben zur Serie:

The Wire
USA 2002-2008
5 Staffeln, 60 Folgen, 10-13 Folgen pro Staffel, je ca. 60 Minuten
Creators: David Simon, Ed Burns

 

Weiterführende Links:

Komplette Angaben bei IMDB
Essay über ein Gespräch mit David Simon im New Yorker
Interview mit David Simon, geführt von Nick Hornby in The Believer

Kommentare zu „The Wire - Sophokles in Baltimore“


Jacklo

Meiner Meinung nach die beste Serie, die jemals produziert wurde. Wer sich auf die komplexe Handlung einlässt wird auf seine Kosten kommen. Einige Szenen brennen sich ins Gedächtnis und sind einfach einizigartig in ihrer Tiefe. Nach dem Ende jeder Staffel habe ich das Gefühl ein gutes Buch gelesen zu haben. Erstaunlich, dass so etwas heutzutage noch produziert wird und das in Amerika.


hubertz

Dem kann ich zustimmen - die Serie hört nicht auf zu inspirieren, selbst lange nachdem man sie gesehen. Im Original mit englischen Untertiteln ansehen-die Dialoge transportieren zuviel für eine adäquate Synchronisation


Nico

Unfassbar gut.
Durch die ersten Folgen musste ich mich durchkäpfen, zumal ich gerade zuvor die 7 Staffeln "The Shield" gesehen hatte.

The Wire geht einem nach, die Charactere haben eine unglaubliche tiefe und man denkt noch sehr oft über die Serie nach. Sopranos war schon genial, The Wire toppt sogar dies.






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