Sidney Lumet - Empfehlungen

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Der Pfandleiher (The Pawnbroker, USA 1964)

 

Empfehlung von Roberto Dzugan

Sidney Lumets Der Pfandleiher ist einer der ganz wenigen Filme (und wahrscheinlich der erste überhaupt), der mittels einer komplexen und doch zugleich einfachen filmischen Gestaltung versucht, das Seelenleben eines Holocaust-Überlebenden verständlich zu machen. Der ehemalige Leipziger Professor Sol Nazerman hat die Shoah überlebt und arbeitet als Pfandleiher in einem New Yorker Elendsviertel. Ein brillanter Rod Steiger spielt diesen Nazerman mit grober Gleichgültigkeit und tiefer Resignation: ein traumatisierter Mann, der mit dem Schmerz der Vergangenheit und ohne jede Zukunft lebt, einer, der sich vollständig gegen seine Umwelt abgeschirmt hat. Kameramann Boris Kaufmann, der Bruder Dziga Vertovs, hat ein schmutziges, ödes New York dokumentarisch-realistisch aus der Hand" gefilmt und im Gegensatz dazu einen immer distanzierten Blick auf Nazerman, den er in seiner Pfandleihe immer hinter Gitterstäben, einem Gefangenen gleich, zeigt.

Nazermans Erinnerungen an Verfolgung und Konzentrationslager werden in Form von Rückblenden gezeigt. Der für den Schnitt verantwortliche Ralph Rosenblum hat diese jedoch ganz ungewöhnlich gestaltet. Zunächst sind nur Einzelbilder in den Film geschnitten, die das Aufblitzen" der Erinnerung Nazermans assoziieren. Erst langsam werden aus diesen Bildern Szenen, die für den Zuschauer Zusammenhänge verdeutlichen. Diese Technik funktioniert fast wie die Erinnerung selbst, sie stellt den Prozess der Erinnerung dar und versucht, sich mimetisch an diesen anzunähern, um ihn für den Zuschauer auch visuell nachvollziehbar zu gestalten.

In einer dieser - in der deutschen Fassung übrigens radikal gekürzten! - Sequenzen betritt Nazerman einen U-Bahn-Wagen und ist sofort zurückversetzt in einen überfüllten Viehwaggon, der die Insassen in ein KZ fährt. Wir sehen hier, wie Nazerman die Kraft verliert, seinen Sohn auf den Schultern zu tragen, wie dieser schließlich stürzt und in dem Waggon stirbt. Nazermans tiefe, selbstempfundene Überlebensschuld resultiert hieraus und zentriert sich um die Frage: Warum habe ich das Unheil überlebt, während meine Eltern, meine Frau, meine Kinder daran zugrunde gingen?

Lumets Film setzt damit Akzente, die in der psychologischen Forschung erst Jahre später unter den Termini survivor syndrome und survivors guilt gefasst wurden. Intuitiv ist er also - wie alle großen Kunstwerke - der Forschung voraus. Aber noch darüber hinaus zeigt Der Pfandleiher in einer seitdem nicht wieder erreichten Form und ganz anders als die fast konventionelle Romanvorlage, wie die Erinnerung an Verfolgung und Konzentrationslager in jedem Gedanken auch des alltäglichsten Lebens präsent ist und wie die Überlebenden ihrer Gegenwärtigkeit nicht ausweichen können.


Mit Rod Steiger, Geraldine Fitzgerald, Jaime Sanchez, Brock Peters, Baruch Lumet.
Drehbuch: David Friedkin und Morton Fine, nach dem gleichnamigen Roman von Edward Lewis Wallant (1961)
Laufzeit: 115 Minuten
Filmstart (Deutschland): 10.11.1967; 31.7.1995 (vom ZDF rekonstruierte Fassung)
Der Film ist als britisches Import-Video und als Code-1 DVD erhältlich.


Ein Haufen toller Hunde (The Hill, GB 1965)

 

Empfehlung von David Gaertner

Es war kein Zufall, dass sich Sean Connery Mitte der 60er, als der Höhepunkt des James-Bond-Kults erreicht war, entschied in Sidney Lumets Ein Haufen toller Hunde (The Hill) mitzuwirken. Ein Film, der sich deutlich von den James-Bond-Abenteuern absetzte, in denen der schottische Schauspieler als Playboy-Agent in Erscheinung getreten ist. Im Gegensatz zum fast zeitgleich gestarteten Bondspektakel Feuerball (Thunderball, 1965), hat dieser Schwarz/Weiß-Film nur einen Handlungsort, ist nicht in CinemaScope gedreht, hat keine Filmmusik und besitzt lediglich eine Monotonspur. Connery versuchte in der Rolle des einfachen Infanteristen Roberts, der in einem britischen Militärstraflager irgendwo in Nordafrika während des Zweiten Weltkriegs wegen Befehlsverweigerung interniert wird, erstmals gezielt sein Bond-Image abzustreifen.

The Hill versetzt den Zuschauer in eine Männergesellschaft, in der eine Disziplin herrscht, die dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Der Gipfel eines menschenverachtenden Drills ist der im Lager aufgeschüttete 10 Meter hohe Sandhügel, den Roberts und seine Zellengenossen unter sengender Sonne bis zur Bewusstlosigkeit auf- und wieder absteigen müssen, im Laufschritt mit Marschgepäck.

Lumet eröffnet einen distanzierten Blick auf das Militär und seine Strukturen, die Sadismus und Rassismus begünstigen. Dabei verzichtet der Regisseur auf eine emotional aufgeladene Anklage. Der Film bleibt sachlich und ist dennoch ein packendes Drama. Durch die beeindruckenden Leistungen der Schauspieler entfaltet sich eine Dynamik in der Gruppe der fünf Zelleninsassen, die ebenso spannend ist, wie der Konflikt zwischen dem humaneren Unteroffizier Harris (Ian Bannen) und dem cholerischen Lagerleiter Andrews (Harry Andrews). Auch fasziniert die ausgeklügelte Kameraarbeit von Oswald Morris, der mit 360° Fahrten und mit Aufnahmen gegen die Sonne beeindruckt.

Bemerkenswert an The Hill ist, dass gerade Strukturen in der britischen Armee zur Zeit des Zweiten Weltkriegs hinterfragt werden. Selten wurde in einem Film, der in jenem Krieg angesiedelt ist, in dem die Grenze zwischen Gut und Böse so deutlich gezogen werden konnte, der Ruhm einer alliierten Armee relativiert.

The Hill ist kein Anti-Kriegsfilm, kann aber als ein frühes Beispiel eines Anti-Militärfilm gelten. Somit ist er ein Vorgänger von Filmen wie Full Metal Jacket (1987) oder Tigerland (2000), die jenseits eines Schlachtengetümmels Militärstrukturen hinterfragen.


Mit Sean Connery, Harry Andrews, Ian Bannen, Ossie Davis, Alfred Lynch, Roy Kinnear, Jack Watson, Ian Hendry, Michael Redgrave.
Drehbuch: Ray Rigby
Laufzeit: 123 Minuten
Der Film ist als NTSC Kauf-Video erhältlich.

 

Mord im Orient-Express (Murder on the Orient Express, GB 1974)

 

Empfehlung von Meike Stolp

Ein Mord geschieht in einem Zug, die zwölf Mitreisenden werden verdächtigt, ein belgischer Privatdetektiv soll den Fall klären. Zufällig bleibt der Zug zur ungefähren Zeit des Mordes im Schnee stecken - im Nirgendwo des Balkans, auf dem Weg von Istanbul nach Calais. Aussteigen dürfen die Verdächtigen nicht, die ganze Handlung spielt in einem Wagon des berühmten Orient Express. Das klingt ein wenig langweilig, aber Agatha Christie, der Berühmtesten aller britischen Kriminalschriftstellerinnen, gelingt es die Spannung aufrechtzuerhalten - vor allem durch Zeichnung ausgefallener Figuren, die im Zentrum der Kriminalgeschichte stehen. Da es kaum Indizien gibt, keine Versteckmöglichkeiten im beengten Wagon, müssen Poirots Ermittlungen sich zwangsläufig auf die Erzählungen seiner fellow passengers konzentrieren.

So ist denn Sidney Lumets Verfilmung vom Mord im Orient-Express hauptsächlich eines: eine Star-gespickte Demonstration hoher Schauspielkunst: Ob es sich dabei um Dame Wendy Hiller als Prinzessin Dragomiroff handelt, die man hierzulande leider nicht kennt, obwohl sie eine der großen britischen Tragödinnen ihrer Zeit war, oder Sir John Gielgud als stoischer Butler Beddows, Ingrid Bergmann als Fräulein Olsson oder auch den bevorzugten Lumet-Schauspieler Sean Connery. Die Liste bekannter und auch außergewöhnlicher Schauspieler ist lang und man freut sich, dass Sidney Lumet - ähnlich wie François Ozon mit seiner Damenriege in 8 Frauen (8 femmes, 2001) - es geschafft hat, diese, hier internationalen, Stars zusammen für einen Film zu gewinnen.

Angeführt wird dieses exzellente Ensemble von Albert Finney als Hercule Poirot. Er dominiert den Film als herablassender belgischer Detektiv, der für seine dekadente und oberflächliche Umgebung nichts als Spott übrig hat, eine Rolle, die ihm zu Recht eine Oscarnominierung bescherte. Später wurde die Rolle des Hercule Poirot prominent von Sir Peter Ustinov übernommen, in den ebenfalls Star-besetzten Poirot-Filmen der 1980er, aber Finney spielt seine Figur im Gegensatz zu Ustinov - romantreu - unsympathisch und arrogant.

Ebenfalls für den Oscar nominiert wurde Tony Walton für sein großartiges Produktionsdesign, dass präzise die Atmosphäre der Luxusklasse der 1930er einfängt und von der man sich als Zuschauer gerne einfangen lässt. Mord im Orient-Express ist nicht mehr und nicht weniger als ein unterhaltsamer Film, der durch die Kunst seiner Schauspieler besticht und auch bei mehrmaligem Sehen nicht langweilt.

Mit Albert Finney, Martin Balsam, Lauren Bacall, Ingrid Bergman, Jaqueline Bisset, Jean-Pierre Cassel, Sean Connery, John Gielgud.
Drehbuch: Paul Dehn, nach dem Roman von Agatha Christie
Laufzeit: 128 Minuten
Der Film ist als Kauf-DVD erhältlich.
Bilder mit freundlicher Genehmigung von Kinowelt Home Entertainment.


Hundstage (Dog Day Afternoon, USA 1975)

 

Empfehlung von Almut Steinlein

So schnell haben sie nicht mit der Polizei gerechnet: gerade mal zehn Minuten hatten die Amateurgangster Sonny (Al Pacino) und Sal (John Cazale) für ihren Banküberfall eingeplant. Aber plötzlich wimmelt es überall von Polizei. Die blutigen Anfänger sehen sich gezwungen, sich mit den Bankangestellten als Geiseln zu verschanzen und mit dem Cop Moretti (Charles Durning) einen Abzug zu verhandeln. Innerhalb kürzester Zeit entbrennt für alle Beteiligten ein wahrer Nervenkrieg, während Fernsehteams und eine erwartungsfrohe Menge Schaulustiger sich die unverhoffte Attraktion nicht entgehen lassen. Die Geschichte von Dog Day Afternoon basiert auf einem der spektakulärsten Banküberfälle in der Geschichte der Vereinigten Staaten.

Jedoch interessiert sich Sidney Lumet weniger für die realitätsgenaue Rekonstruktion der Ereignisse, sondern entwickelt stattdessen ein präzises Psychogramm der beiden überforderten Bankräuber, die völlig unfreiwillig zu den Protagonisten eines monströsen Spektakels werden. Mit Präzision zeigt Lumet das hochkomplexe Netz gegenseitiger Abhängigkeiten. Eine ambivalente Beziehung verbindet Sonny und Moretti, die beide wissen, dass sie für den unblutigen Ausgang der Geschichte aufeinander angewiesen sind. Eine Mischung aus Angst und Faszination beherrscht die Geiseln, die schließlich von den offensichtlichen menschlichen Schwächen der Gangster gerührt für diese Partei ergreifen. Und schließlich macht sich Sonny den Sensationszwang der Medien geschickt für seine Selbstinszenierung zu Nutze. Lumet geht es nicht um das Spektakel des Geiseldramas, sondern um die Analyse seines Mechanismus. Äußerst sorgfältig stellt er die martialische Demonstration anonymer Staatsgewalt bloß und denunziert subtil den hysterischen Voyeurismus der Mediengesellschaft.

Das Duo Pacino-Cazale ist bereits in Coppolas Der Pate (The Godfather, 1972) als Corleone-Brüder Michael und Fredo gemeinsam vor der Kamera gestanden. Wie schon Serpico (1973) ist Dog Day Afternoon jedoch ganz auf Al Pacino zugeschnitten, der für seine Rolle des Sonny für den Oscar nominiert wurde. Seine ungemeine Präsenz beherrscht den Mikrokosmos aus Angst, Mitleid und Aggression. Anfangs zwischen hilfloser Verwirrung und rebellischem Elan schwankend, ist seine Figur zum Schluss nur noch von blanker Todesangst gezeichnet.

Mit Al Pacino, John Cazale, Charles Durning.
Drehbuch: Frank Pierson
Laufzeit: 124 Minuten
Der Film ist als britische Import-DVD erhältlich
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Network (USA, 1976)

 

Empfehlung von Florian Kerntopf

Nachdem der Nachrichtensprecher Howard Beale (Peter Finch) von seiner Kündigung aufgrund zu niedriger Einschaltquoten erfährt, gibt er bekannt, sich in seiner letzten Sendung das Leben zu nehmen und hält fortan nahezu apokalyptische Moralpredigten über den Wertezerfall der amerikanischen Gesellschaft. Das Fernsehpublikum ist begeistert und Beale wird zu einer Art Priester der Neuzeit, der immer mehr Macht über seine Zuschauer gewinnt und für die Sendeanstalt immer unberechenbarer wird. Das Risiko, dass Werbepartner abspringen und es Probleme mit Justiz und Zensur geben könnte, erscheint dem Sender trotz stetig steigender Zahlen zu hoch: Der alternde Nachrichtensprecher wird vor laufenden Kameras von einer inszenierten Terroristengruppe erschossen. Die Höhen und Tiefen der Karriere des für den Markt wertlosen und schließlich ausrangierten Mannes zeigen die Schnelllebigkeit der Unterhaltungsbranche und den Druck ihrer Initiatoren, sein Publikum bei größtmöglichem Umsatz bei Laune halten zu müssen.

Sidney Lumet und der Drehbuchautor Paddy Chayefsky rechnen in Network knallhart mit dem kommerziellen Fernsehen und dem konsumorientierten Amerika ab und verwischen die Grenzen zwischen überdrehter satirischer Fiktion und der realen" Fernsehwelt. Die harte Politik um Einschaltquoten und Werbeverträge fordert Menschenleben und zeigt das Fernsehgeschäft als skrupellose Unterhaltungs-Maschinerie. Kaum ein Film verfügt über eine so durchdringende Dramatik, die er zugleich mit beißendem Humor präsentiert. Gerade das macht Network wohl zu einem der besonders starken Filme Lumets.

Neben der gekonnten Regiearbeit des Altmeisters ist vor allem auch das intensive Schauspiel der Darsteller herausragend. Für ihre Leistung erhielt Faye Dunaway erhielt den Oscar für die beste weibliche Hauptrolle und Beatrice Straight wurde als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. Peter Finch wurde posthum für seine extreme Darstellung mit dem Oscar als bester Hauptdarsteller geehrt, da er am 14. Januar 1977 verstarb.

Mit Peter Finch, Faye Dunaway, Robert Duvall, William Holden, Beatrice Straight.
Drehbuch: Paddy Chayefsky
Laufzeit: 122 Minuten
Der Film ist als Kauf-DVD erhältlich.
Bild mit freundlicher Genehmigung von MGM Home Entertainment.


Serpico (USA, 1973) vs Prince of the City (USA, 1981)

 

"Who can trust a cop who don’t take money?" - "Nobody loves you but your partners."

Empfehlungen von Sascha Keilholz

Serpico gilt allerorten als Kultfilm und Meilenstein des Copgenres, ist gleichzeitig ein faszinierendes Zeitdokument der früheren und mittleren Siebziger Jahre in den USA zwischen New Hollywood und Studiosystem. Al Pacino balanciert hier genau auf jenem Drahtseil als bis dato neben Jack Nicholson und noch vor Robert De Niro führender Epigone der neuen Method-Acting-Generation, die sich langsam von den experimentellen Endsechziger und Frühsiebziger Jahren in den Schoß des Starkultes fallen lässt.

Prince of the City ist ein ebensolches Zeitdokument. Bei Wie ein wilder Stier (Raging Bull) aus dem Jahr 1980 streiten sich die Gelehrten, ob er als Abschluss der glorreichen Siebziger Jahre oder doch einfach als bester Film der Achtziger Jahre gelten soll, die im Zweifelsfall ob historischer Korrektheit einfachere und gängigere Variante. Ähnlich kann man nun den Prince beleuchten, der auf einer Achtziger-Hitliste nur knapp hinter Scorseses Boxerbiopicdrama ins Ziel einlaufen dürfte. Der Film beginnt wie Serpico mit einem schmerzvollen Zustand und beleuchtet dann, wie sich der Protagonist in das Abseits manövriert hat. Diese sezierend scharfe Analyse beginnt mit den Weihnachtstagen 1979, dem Ende einer Dekade. Für "Babyface" Daniel Ciello (Treat Williams) endet zudem seine erfolgreiche Ära in einer Anti-Drogen Spezialeinheit der New Yorker Polizei. Er ist der jüngste und ehrgeizigste dieser beinahe autonom agierenden verschworenen Gemeinschaft, fungiert als deren Kopf und wird schmeichelnd von Fixern der König der Stadt genannt. Doch sein eigener drogenabhängiger Bruder, der besorgte Vater, ein interner Ermittler und schließlich die eigenen Informanten öffnen ihm schon bald die Augen: Das Prinzip der meisten Cops unterscheidet sich kaum von dem der vermeintlichen Gegner: Sie bereichern sich, suchen den eigenen Vorteil und ruinieren die Existenzen anderer.

Dany ist von vornherein ein Grenzgänger, denn der eigene Cousin arbeitet für die Mafia. Ähnlich wie Serpico bekommt der Prince einen Kick durch die zusätzliche Gefahr, als er mit den Untersuchungen gegen Vertreter beider Parteien beginnt. Doch im Gegensatz zu Serpico ist er bereits a priori ein Grenzgänger - nämlich zwischen den Jahrzehnten.

Serpico ist ein Siebziger-Anarcho, ein Idealist und Egozentriker, ein Kiffer und Außenseiter, schon durch seine ethnische Andersartigkeit selbst stigmatisiert. Dany hingegen ist eine Achtziger-Jahre-Figur par Excellence: Bieder, moralisch, beinahe ohne Ecken und Kanten. Ein Durchschnittsamerikaner, der aufsteht, wenn die Jauchegrube zum Himmel stinkt. Seine Ziele sind dabei weitaus weniger ehrgeizig, als die Serpicos. Dany möchte nur sein familiäres Glück leben und im Garten der kollegialen Kumpels grillen. Doch gerade bei diesem Musterbeispiel mittelständigen amerikanischen Spießertums offenbart sich die Crux: die Freunde wollen mehr als nur Barbecue. Dafür sind sie bereit, vermeintliche Grundsätze über Bord zu werfen. Während Serpico erst zur Hochform auflief, wenn sich alle gegen ihn stellten, entziehen dem Prince of the City die Kollegen mit ihrer Freundschaft und ihrem Vertrauen gleichzeitig das Lebenselixier. Der Film rekonstruiert in epischem Rahmen den seelischen Verfall eines Menschen, dessen Loyalität ihm gegenteilig ausgelegt wird und bietet eine der furchtbarsten Schlusseinstellungen seiner Zeit.

Dieser letzte Geniestreich Lumets belegt immerhin, dass Lumet gelang, was neben ihm höchstens noch Hitchcock, Kubrick und vielleicht Wilder vollbrachten: in vier unterschiedlichen Jahrzehnten Meisterwerke zu drehen.

Dabei setzte er mit Treat Williams auf eine junge Schauspielerhoffnung, die tatsächlich nur einmal, nämlich in diesem Werk, ihr volles Potential entfalten konnte. Davon abgesehen belegen beide Polizeifilme, dass Lumet auch mit vornehmlich durch TV oder Nebenrollen bekannten Darstellern (wie hier etwa Jerry Orbach oder in früheren Filmen Jack Warden) unnachahmliche Ensembles vereinen konnte.

Serpico
Mit Al Pacino, Tony Roberts, Jack Kehoe, Cornelia Sharpe.
Drehbuch: Waldo Salt, Norman Wexler
Lauftzeit: 129 Minuten
Der Film ist als Kauf-DVD erhältlich.
Bilder mit freundlicher Genehmigung von Kinowelt Home Entertainment.

Prince of the City
Mit Treat Willimas, Jerry Orbach, Richard Foronjy.
Drehbuch: Jay Presson Allen, Sidney Lumet
Laufzeit: 167 Minuten
Der Film ist als NTSC Kauf-Video sowie als Kauf-DVD erhältlich.

 

The Verdict - Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit (The Verdict, USA 1982)

 

Empfehlung von Frédéric Jaeger

Die Inszenierung des Opfers ist einmalig: Nie wird man die junge Frau wirklich sehen, die seit Jahren im Koma liegt und der jetzt Gerechtigkeit widerfahren soll. Bevor sie jedoch, wie ihre Angehörigen auch, immer mehr von der Handlung ausgeblendet wird, besucht sie ihr Anwalt Frank Galvin. Er macht sich ein Bild von ihrem Zustand und drei Polaroids, um vom Krankenhaus eine möglichst hohe Summe erstreiten zu können. Es ist der Drehpunkt in der von Paul Newman meisterhaft inkorporierten Entwicklung des Menschen Frank Galvin. Man sieht ihn, der das Leid der jungen Frau erst durch die Vermittlung des Fotoapparates hat quasi materiell begreifen können. Man sieht die Polaroids, auf denen sich langsam die Konturen der abgelichteten Frau abzeichnen. Die Umwandlung vom verzweifelten, geldgierigen und amoralen Anwalt zum engagierten, bornierten Verfechter der Gerechtigkeit prägt den ganzen Film.

Im Zentrum von The Verdict stehen ein Anwalt und sein Prozess, und doch setzt sich Lumets Werk von üblichen Genrefilmen erheblich ab. Sowohl die Figurenzeichnung des Protagonisten als vollkommen unheroischen und zweifelhaft handelnden Anwalt, als auch der Verzicht auf die Emphatisierung des moralischen und emotionalen Gewichts der titelgebenden Jury-Entscheidung sind untypisch für Gerichtsfilme. Mit einer solchen Genre-Kategorisierung hat man es bei The Verdict ohnehin schwer. Augenscheinlich geht es zwar, zumindest in der zweiten Hälfte des Films, um den Prozess, dabei spielt aber viel weniger die Entwicklung zur Entscheidung eine Rolle, als die Misere Galvins. Entscheidende Elemente, die üblicherweise integrale Bestandteile von Gerichtsfilme sind, werden hier interessanterweise vernachlässigt: Die Angehörigen der Mandantin, eigentliche Auftraggeber von Galvin, sind fast nur durch ihre Abwesenheit und das Bewusstsein ihrer zu Galvin konträren Wünsche einer außergerichtlichen Einigung präsent. Auf ähnliche Weise wird die Jury kaum Zentrum des stimmungsvollen Bildaufbaus Lumets. Alles konzentriert sich auf den einen Mann, der, unterstützt von den brillanten Darstellern James Mason und Jack Warden, mit denen Lumet bereits zu Live-Television-Zeiten zusammenarbeitete, dem Film eine ganz besondere Qualität von Spannung verleiht.

Mit Paul Newman, James Mason, Jack Warden, Charlotte Rampling.
Drehbuch: David Mamet
Laufzeit: 129 Minuten
Der Film ist als Kauf-DVD erhältlich.
Bild mit freundlicher Genehmigung von Twentieth Century Fox Home Entertainment.


Die Flucht ins Ungewisse (Running on Empty, USA 1988)

 

Empfehlung von Tillmann Allmer

In Die Flucht ins Ungewisse (Running on Empty) erzählt Sidney Lumet ein bewegendes Familiendrama um in eigener und fremder Schuld gefangene Menschen. Die Eltern zweier Söhne haben 1971 einen Bombenanschlag auf ein Militärlabor verübt und sind seitdem auf der Flucht vor dem FBI. Aus den Revoluzzern sind inzwischen liebevoll sorgende Eltern geworden (gespielt von Christine Lahti und Judd Hirsch), deren sehnlichster Wunsch es ist, eine funktionierende Mittelschichtsfamilie zu sein. Doch die Vergangenheit beeinflusst immer noch das Familienleben. Immer wieder muss die Familie ihre Identität wechseln und sich an einem neuen Ort eingliedern.

Sidney Lumet inszeniert diese Geschichte nicht als spektakuläres Fluchtszenario oder als rasantes Roadmovie, sondern als ruhiges Drama und rückt die Menschen, ihre Verantwortung, ihre Gedanken und Gefühle in den Mittelpunkt. River Phoenix spielt den ältesten Sohn, der als musikalisch talentierter Teenager im dramatischen Konflikt zwischen erster Teenagerliebe, der eigenen Selbstverwirklichung und seiner Verantwortung gegenüber der Familie steht. Für seinen Traum, an einer Musikhochschule zu studieren, muss er seine wahre Identität preisgeben und gefährdet somit die Tarnung der Familie. Das Leben hat keine einfachen Antworten und dies erzählt der Film nicht nur thesenhaft, sondern er lässt es den Zuschauer mit seinem intelligenten Happy-Sad-Ending erleben. Wenn am Ende des Films die Eltern ihren Sohn aus tiefster Liebe ziehen lassen, ihm die Freiheit für sein eigenes Leben schenken, verspürt man gleichzeitig Hoffnung und Schmerz.

Manchmal, wenn ich im Kino sentimental werde, schäme ich mich gleichzeitig dafür, auf zu offensichtliche Inszenierungsstrategien anzuspringen. Nicht so in diesem Film, den ich empfehle, weil er einen zu Tränen rührt, ohne auf standardisierten und manipulierenden Gefühlspathos zu setzen.

Mit Christine Lahti, River Phoenix, Judd Hirsch, Jonas Abry, Martha Plimpton.
Drehbuch: Naomi Foner
Laufzeit: 116 Minuten
Der Film ist als Kauf-Video erschienen und ist als Code-1 DVD erhältlich.

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