Locarno 2012: Kurzkritiken (1)

Voyeurismus in den USA: Liebenswerte Stripper in Magic Mike, perverse Autoritäten-Hörigkeit in Compliance.

Magic Mike 06

Eine Dosis amerikanischer Gegenwartsforschung konnte ich mir gleich am ersten Tag von Locarno einfangen – unter Verzicht fürs Erste auf Filme von Otto Preminger, dem hier eine große Retrospektive gewidmet ist. Im aktuellen US-Kino ist Steven Soderbergh aufgrund der Vielfalt seiner Filme ein schon für sich genommen interessantes Phänomen. Und vielleicht das Gegenstück zu Gus Van Sant, insofern Soderbergh mit seinen Independent-Produktionen immer wieder auf die Nase fällt und Van Sant erst in den kleinen Produktionen zu Hochform aufläuft. Erst vor ein paar Monaten war Soderberghs beeindruckender Haywire zu sehen, in dem der Regisseur Action aus der zeitgenössischen Hochgeschwindigkeits-Montagekunst zurück in eine entschleunigte, körperliche Kampfkunst überführte; und das mit einem weiblichen Helden. In Magic Mike (Trailer) hingegen geht es um den weiblichen Blick auf strippende Männer. Zu der ambivalenten Logik, mit der dieser inszeniert wird, gehört, dass der Titelheld (Channing Tatum) sich danach sehnt, just das Mädchen zu kriegen, das wenig Gefallen an seiner Arbeit als Stripper findet, das Mädchen, das den moralischen Kompass besitzt und den Blick der urteilenden Mutter repräsentiert. Nicht erst am Ende konterkariert das den voyeuristischen Spaß an nackten Männerkörpern mit einer konservativen Perspektive. Aber natürlich wäre es viel zu kurz gegriffen, Magic Mike auf diesen Gegensatz zu reduzieren. Vielmehr handelt es sich um einen Party-Film, bei dem alle Beteiligten zu jeder Zeit consenting adults sind, einwilligende Erwachsene also, die wissen müssen, was sie tun, und selbst Verantwortung für ihre Handlungen tragen. Im Publikum der Stripper-Show sind nur schöne junge Frauen, ihr wollüstiger Blick ist nie gefährlich, nein, er ist immer willkommen. Soderbergh solidarisiert sich mit ihnen und übernimmt doch nicht genau ihre Position. Eher fokussiert er die Macht muskulöser Männer, die nur im skeptischen Blick der Mutterfigur bröckelt. Tja, der imaginierte Blick der Frauen: Wie sie wohl wirklich auf strippende Männer blicken? Das zu analysieren oder zu emulieren gelingt Magic Mike leider nicht, lieber sucht er den Schulterschluss mit den ölig beschmierten Körpern. Die Frauen werden sich fügen.

Compliance 01

Der Psychothriller Compliance (Trailer), beworben als Sundance-Schocker, interessiert sich ebenfalls für Voyeurismus, wählt dafür eine allerdings vertrautere Konstellation: Perverser Verbrecher bringt unschuldige Menschen dazu, sich zu erniedrigen und zu entblößen. Das eigentlich Interessante daran, das schon der Titel vermittelt: Die Opfer stehen ausschließlich unter psychologischem Druck, einer vermeintlichen Autorität zu gehorchen. Denn der Verbrecher gibt sich telefonisch als Polizist aus und vermag es aus der Distanz, lediglich durch eine Drohkulisse, sein Gegenüber zu unmenschlichen Taten zu drängen (eine Angestellte könnte wegen Diebstahl ins Gefängnis kommen, wenn sie nicht vor Ort nackt durchsucht und gefangen gehalten wird ...). Eine besondere gesellschaftliche Brisanz erhält Compliance dadurch, dass er in einem Fastfood-Lokal angesiedelt ist und die Gewalt als Symptom von Ausbeutungsverhältnissen dargestellt wird. Die Obrigkeitshörigkeit erscheint als Konsequenz der Abhängigkeit und des ständigen Drucks, unter unwürdigen Umständen schnelle Ergebnisse abzuliefern. Craig Zobels zweiter Spielfilm ist betont minimalistisch gehalten, die Handlung spielt auf kleinstem Raum und muss aufgrund des eher analytischen Ansatzes ohne viel Thrill auskommen. Über die gesamte Filmdauer funktioniert das vor allem deswegen nicht, weil die psychologischen Einsichten schnell ausbleiben und trotz Bezug auf wahre Begebenheiten die Figuren immer unglaubwürdiger werden.

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