dffb 2012: Adieu 68er?

Filmemachen in Deutschland (2)

Die Berliner Filmhochschule steht dem Abgrund nah, wenn man den politischen Kampfansagen wortstarker Studenten glaubt. Mit den Abschlussfilmen 2012 liefern die jüngsten Absolventen erneut Beweise dafür, dass mit Direktor Jan Schütte auch tatsächlich so einiges kaputtzugehen droht.

Mal ehrlich: Wie groß kann die Gefahr schon sein, wenn mit einem ausgewiesenen Gremienkenner wie Jan Schütte noch mehr Anbiederung an Politik, Filmförderer und Fernsehsender im Rahmen der Filmausbildung vollzogen wird? Bei einem deutschen Kino, das schon jetzt kaum konventioneller, abgebrühter, luftdichter, langweiliger, braver, sozial konformistischer sein könnte. Doch, doch, es geht immer noch schlimmer. Oder: Vielleicht steht es besser als gedacht um den Filmnachwuchs.

Kreatives Glück, Widersprüche und die 68er

DFFB Abschlussfeier

Zum ersten Mal in ihrer 46-jährigen Geschichte feierte am vergangenen Wochenende die Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) eine großangelegte Diplomverleihung samt dreitägigem Kinoprogramm. Gelegenheit also, einmal kondensiert zu untersuchen, welches Potenzial da eigentlich gärt oder brachliegt. Und sich anzuhören, wie über diese Filme gesprochen wird. Jan Schütte etwa suchte seine öffentliche Rehabilitation (nachdem er im Frühjahr erneut vermehrt in die Kritik geraten war) durch die Assoziation mit Raoul Peck (dffb-Absolvent von 1987 und nach eigener Aussage langjähriger Freund von Schütte), der die Keynote übernahm. Schütte selbst verzichtete auf große Worte bei der Diplomverleihung. Die wenigen Bezeichnungen, die er für den Wert von Film fand, waren aber ähnlich niederschmetternd wie die von Staatssekretär Björn Böhning, der Kultur als Standortmarketing und Wirtschaftsfaktor versteht. Schütte selbst sprach ganz affirmativ von der Kunst als „Humus, auf dem alles andere wächst“. „Macht die Welt reicher“, wünschte er den Absolventen zum Abschluss, und „kreatives Glück“. Wie ich später erfuhr, war es Schüttes erste Rede überhaupt (nach vier Semestern im Amt) vor der versammelten Schulöffentlichkeit – eine Antrittsrede hatte es nicht gegeben. [UPDATE: Mich haben seit Veröffentlichung Hinweise erreicht, dass es zwar wie bereits bei den Vorgängern keine Antrittsrede gegeben habe, dafür aber mehrere Vollversammlungen samt Ansprache durch Schütte.] Schade jedenfalls, dass seine Rede fast nur aus Danksagungen bestand. Der Geist der 68er wurde mehrfach beschworen, allerdings an anderer Stelle und nicht durch ihn. Dank Raoul Peck wurden die Studenten nicht lediglich in die Dienstleister-Rolle entlassen: „Lasst die Widersprüche, die andere nicht mal erkennen können, explodieren“, „seid stolz, ehrgeizig und kompromisslos“, rief er ihnen entgegen. Die Studenten wussten mit einem kleinen rhetorischen Trick sich merklich von Schütte zu distanzieren, ohne es gleich zum Affront kommen zu lassen. Schließlich gehören sie zur letzten Generation, die den beiden Direktoren zuvor, Reinhard Hauff und Hartmut Bitomsky, mehr als Schütte zu „verdanken“ hat. Deutlich bemängelten sie die Einschränkung der Drittelparität – einer einmaligen partizipatorischen Struktur unter den Filmhochschulen –, die von Schütte allen Schilderungen zufolge (hier ein Beispiel) massiv untergraben wird. Was sie sagten, war allerdings positiver gewandt: Sie wünschten sich für die Zukunft wieder eine große Rolle für den Akademischen Rat (das ist die Institution, bei der Studenten an den Entscheidungen fürs Studium mitwirken).

Von Anpassungsgraden und Potenzial

Crashkurs D

Zu den Filmen: Ein Dutzend der Abschlussfilme habe ich gesehen – wie viele es genau gibt, ist unklar, da die Feier dafür genutzt wurde, auch bereits älteren Absolventen mal ein rotes Kuvert in die Hand zu drücken. Zumindest stellen die gezeigten Filme einen Querschnitt dessen dar, womit die Schule sich präsentieren möchte. Und das ist immerhin sehr heterogen. (Ein paar der Filme habe ich übrigens in anderen Kontexten bzw. bei inoffiziellen Screenings gesehen, teilweise sind die nämlich noch pre-Premiere.)

Headlock

Die Bedingungen der Sichtung sind für die Wahrnehmung natürlich sehr relevant, die Wahl des Kinos etwa (Babylon Mitte) wirkte sich in meinen Augen positiv auf die Filme aus, weil einige Projektionsfehler wie ausfallender Ton und insgesamt schlechte Qualität wohl der Kinotechnik und mitunter den schlampig arbeitenden Vorführern angelastet werden müssen. Und dass ich in aller Regel der einzige externe Zuschauer war (ja, auch im 400-Plätze-Kino), nahm mich auch eher für die Filme und ihre Macher ein, deren Fragilität und Förderungsbedürftigkeit sonst nicht immer so deutlich wird. Nichtsdestotrotz gehöre ich nicht zu jenen, die meinen, Nachwuchs müsste mit Samthandschuhen angefasst werden, im Gegenteil.

Headlock 3

Johan Carlsens Abschlussfilm Headlock (63 Min., Hofer Filmtage, Achtung Berlin) ist ein formal sehr bewusstes Sozialmiserendrama, das mit analogen Tricks funktioniert und in 4:3 angelegt ist. Der 16mm-Look – in der Vorführung im Babylon leider sehr kontrastarm – gibt dem Film noch darüber hinaus eine Aura des Aus-der-Zeit-Gefallenen. Die Kamera von Armin Dierolf ist mit Sicherheit das Bemerkenswerteste an dieser überhaupt sehr schönen Arbeit, aber auch das verschrobene Sounddesign unterstützt den magischen Realismus, der die Misere von Mutter und Sohn, gefangen in ihrer sozialen Schicht und im Außenseiterdasein, einerseits erträglich macht und doch auch überhaupt erst zuspitzt. Der 80er-Pastiche funktioniert auf formaler und narrativer Ebene erstaunlich gut, kehrt seine Schlichtheit zum Vorteil, lässt Gesichter und Räume Zeugnis ablegen. Vom Sujet her unterscheidet sich Headlock hingegen kaum von anderen Abschlussfilmen, die fast alle auf sogenannte soziale Relevanz schielen, ganz im Sinne des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Eine Relevanz, die herrschende Verhältnisse, etwa eine patriarchale Ordnung und überhaupt die zentrale Bedeutung von persönlichen Machtgelüsten, eher bestätigt als in Frage stellt.

Die Vermissten 03

Zu den interessanteren Beiträgen der „relevanten“ Art gehört zweifelsohne Jan Speckenbachs Debüt Die Vermissten (88 Min., Perspektive Deutsches Kino/Berlinale), der bereits einen kleinen Kinostart hatte. Es ist der teuerste unter den Abschlussfilmen mit etwas über einer Million Euro Budget, was man ihm vor allem an den vielen Schauplätzen und der vergleichsweise professionellen Ausführung ansieht. Ein betont mysteriöser und bemüht eleganter Arthouse-Stil lässt einiges Talent vermuten, das aber dann doch unter der Last des Anspielungsreichtums (ja, eben, der sozialen Relevanz) untergeht und auch leider für die falschen Zwecke eingesetzt wird. Letztlich wirkt der große Stilwille wie ein Drängen zum Klassizismus ohne klare Zielrichtung. Insgesamt ist das Befindlichkeitsdrama aber besser als viele der Verrisse (nicht zuletzt bei uns) vermuten lassen, jedenfalls im Kontext der dffb-Abschlussfilme.

Berg Fidel

Zu den Enttäuschungen gehört der Finanzkrisenbeitrag Crashkurs (80 Min., Festival Max-Ophüls-Preis, Achtung Berlin) von Anika Wangard, der trotz eines sympathischen Casts und einer einigermaßen soliden Dramaturgie gleich wieder vergessen ist. Ein Kollege, den ich mitgeschleift hatte, nach der Vorführung: „Schlimm ist nichts daran, aber wenn man schon so anfängt!“ Gemeint ist der ur-konventionelle Geist, der den Film durchzieht und den auch seine Bescheidenheit bei den dramatischen Wendungen nicht aufwiegen kann. Gut gemeint ist auch Hella Wenders’ Berg Fidel (87 Min., Kinofest Lünen, Festival Max-Ophüls-Preis). Der Dokumentarfilm verdankt seinen Protagonisten, Schülern an der gleichnamigen Schule, ein flammendes Plädoyer für ein integratives Schulsystem, das Kinder mit ganz gleich welchen Behinderungen oder Schwierigkeiten als Menschen wahrnimmt, sie individuell fördert und allen gemeinsam bestmögliche Chancen fürs Lernen gibt, ohne dabei auf ein rücksichtsvolles und humanes Umfeld zu verzichten. An jeder Faser von Berg Fidel sind Liebe und Bewunderung für die kleinen Helden des Alltags anzusehen. Schade nur, dass Wenders dabei das Fernsehformat der rein illustrativen Dokumentation nie verlässt und fast ausschließlich in Großaufnahmen verharrt. Im Kino jedenfalls, selbst in einem kleinen, Heimkino-ähnlichen Setting wie dem Babylon 2 (mit regelmäßig ausfallendem Ton auf der rechten Spur) wirkt das etwas deplatziert. Interessant wäre aber just gewesen, wie auch Räume oder überhaupt das Umfeld auf das Schulerlebnis von Kindern Einfluss üben – und dies nicht nur durch Talking Heads oder nah aufgezeichnete Szenen aus dem Klassenrat. Dass Berg Fidel dennoch faszinierend ist, lässt erahnen, wie talentiert Wenders im Umgang mit Menschen ist.

Staub auf unseren Herzen

Mein persönliches Highlight des aktuellen Jahrgangs (wenn auch etwas wider Willen) ist das Familiendrama Staub auf unseren Herzen (87 Min., Premiere auf dem kommenden Filmfest München). Zunächst ist der Film sehr unscheinbar, auf der ersten Blick ist keine formale Haltung gegenüber seinen Figuren und ihren komplexen Beziehungen erkennbar. Erst nach und nach wird deutlich, dass sich in Hanna Dooses Debüt alles in den Dienst ihres punktgenau getimten Drehbuchs und des exzellenten Schauspiels von Susanne Lothar und Stephanie Stremler stellt. Die Leistung der Darsteller ist umwerfend, vor allem weil Stremler eine strauchelnde Schauspielerin gibt und so mehrfach ganz explizit die Register wechseln muss. Die extreme Anspannung, die Staub auf unseren Herzen mit fortlaufender Dauer immer stärker bestimmt, erinnert nicht von ungefähr an Michael Haneke, mit dem Lothar mehrfach zusammenarbeitete, oder auch an Jan Bonnys Debüt Gegenüber (2007), seltenes Beispiel eines beklemmend intensiven deutschen Beziehungsdramas der letzten Jahre. Allerdings setzt Doose zeitweilig immer wieder auch auf leichtere Töne und besteht auch auf die unauflösbare Ambivalenz zwischen Liebe und Abhängigkeit.

Visitenkarten

Rauch

Die „rbb movies“ Rauch (29 Min. Achtung Berlin) und Stolz des Ostens (30 Min., Festival Max-Ophüls-Preis, Achtung Berlin) sollten eine Randnotiz bleiben. Per se sind beide gar nicht mal schlecht, wie viele der mittellangen Filme wirken sie allerdings eher wie Visitenkarten denn wie tatsächlich ernst gemeinte, in sich vollendete Werke. Gerade ihr Anliegen, einen Bogen zu finden, trotz der kurzen Dauer eine an klassische Kurzfilmdramaturgie angelehnte Sinnstruktur zu forcieren, lassen sie kleiner erscheinen, als sie sein könnten. Rauch ist übrigens eine ganz schöne Bruno-Dumont-Evokation, nur ohne dessen Schlagkraft. Immerhin aber ein Versuch, die Körperlichkeit der Darsteller ins Zentrum eines Films zu holen, was bei den doch eher storylastigen Filmen ansonsten eine Seltenheit ist. Stolz des Ostens funktioniert von all den Filmen vielleicht sogar am besten als Visitenkarte, weil er in kleinem Rahmen eine in sich geschlossene Geschichte erzählt, einen jungen Protagonisten nachvollziehbar porträtiert und das Setting nutzt. Leider weist allerdings außer dem Titel nichts über den Film hinaus.

Beim Thema „rbb movie“ sollte nicht unerwähnt bleiben, dass diese Form der Hochschulanbindung an die „Branche“ inzwischen unter Schütte noch weiter verfestigt wurde. In Zusammenarbeit mit dem Medienboard Berlin-Brandenburg sollen künftig noch regelmäßiger Fernsehprojekte entstehen. Eine Gefahr, wenn man die häufigen Beschwerden von Studenten hört, dass die Redakteurin dort um drastische Einmischungen in kreative Prozesse nicht verlegen ist.

Stampede

Im positiven Sinne in die Kategorie Visitenkarte fällt auch Stampede (20 Min., noch keine Premiere) von Cyril Amon Schäublin. Schön daran ist vor allem der impressionistische Stil, der nicht vorgibt, in einem 20-Minüter einen klassischen Drei-Akter nachempfinden zu müssen. In der Miniatur einer Massenpanik wird zwar an Zeitlupen nicht gespart, dennoch lässt der Film erahnen, dass die Reflexion über Menschenaufläufe nicht lediglich ästhetischer Natur ist. Leider allerdings ist gerade die verbale Ebene in dem Film hölzern und trivial geraten. Die Blickkonstellationen hingegen sind zwar schlicht, aber dafür adäquat. Antworten will Stampede vermeiden, dafür bietet er Assoziationen. Am Ende suggeriert der musiklose Abspann Betroffenheit.

Selbstbewusstes Kino

Dr. Ketel 2

Zu den wichtigsten Stimmen im aktuellen dffb-Jahrgang zählen Anna und Linus de Paoli. Mit ihrer Produktionsfirma Schattenkante haben sie bereits seit einigen Jahren etliche kleine und größere Beispiele von genrebewusstem Kino gedreht. Etwa den bildgewaltigen The Boy Who Wouldn't Kill (24 Min., Sitges, Perspektive Deutsches Kino/Berlinale ...) und zuletzt das düster-dystopische Drama Dr. Ketel (80 Min., Oldenburg, Festival Max-Ophüls-Preis, Achtung Berlin), der hier nur kurz erwähnt sei, da wir ihn bereits ausführlich besprochen haben. Neben Regisseur Linus de Paoli gehört auch Till Kleinert zum Kollektiv Schattenkante und zu den Hoffnungen der dffb. Bereits mehrfach preisgekrönte Kurzfilme hat er gedreht, etwa den queeren Horrorfilm Cowboy (30 Min., Festival Max-Ophüls-Preis, Fantasy Filmfest ...) und den elegant bedrückenden Haarfilm Kokon (7 Min., Locarno, Montreal, Hof, Deutscher Filmpreis ...). Aktuell bereitet er seinen ersten, an Cowboy angelehnten Langfilm (und Abschlussfilm) vor, wieder mit dem agilen und befremdlichen Pit Bukowski in der Hauptrolle. Der Samurai soll ein queerer Thriller werden, in dem ein Polizist seinem monströsen Alter Ego begegnet. Kleinert, der eigentlich beste Chancen auf ein Kleines Fernsehspiel vom ZDF hatte, war bewusst, dass er mit diesem Stoff anecken würde, besteht aber auf die Freiheiten, die er für dessen Umsetzung braucht (eine Redakteurin fasst die in den Sendern bestehenden Bedenken so zusammen: „nicht mit den öffentlich-rechtlichen Geschmacksvorgaben vereinbar“). Nun setzt er zusammen mit Produzentin de Paoli auf eine Crowdfunding-Kampagne und hofft noch auf eine zumindest kleine Förderung auch ohne die oft maßgebliche TV-Zusage. Zwei Filmverleihe hat er bereits an Bord. Ich bin gespannt.

Und nun?

Der Samurai keyvisual

Wie es weitergeht an der dffb ist – wie immer – offen. Die Zeichen stehen schlecht, wenn man an die Strukturen glaubt; der Geist der 68er, der bis dato der Berliner Filmhochschule eine Sonderstellung und politische Haltung zum Filmemachen hinterlassen hatte, droht unter dem jetzigen Direktor zu verschwinden. Aber, auch das lehrt uns ein Student der dffb: An die Strukturen zu glauben, statt selbst zu gestalten, das ist Teil des Problems, nicht der Lösung (siehe Video: Zwischen Konsumentendenken und Kalkül – Filmemachen in Deutschland). Und wenn die dffb es verkraftet hat, Fassbinder nicht aufzunehmen, vor allem aber Fassbinder es ohne die dffb geschafft hat, dann heißt das ja schließlich auch: Widerstände machen das Kino stark.

UPDATE 21.06.: Vielen Dank für die Hinweise, die mir per Mail adressiert wurden. Im ersten Teil habe ich nun zwei missverständliche Stellen korrigiert, um den Eindruck zu vermeiden, dass 1. alle Studenten der dffb mit den Kampfansagen einverstanden waren und 2. ich die Freundschaft von Raoul Peck und Jan Schütte in Frage stelle. Außerdem habe ich die widersprüchlichen Informationen zu bisherigen Reden von Schütte gegenüber den Studenten ausgeführt.

Über sachdienliche Hinweise oder auch Gegendarstellungen freue ich mich weiterhin. Bislang möchten alle Gesprächsteilnehmer leider anonym bleiben.

Kommentare zu „dffb 2012: Adieu 68er?“

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