Berlinale 2015: Ich habe alles verpasst

Vom Mut zur Lücke zum programmatischen Verpassen. Über ein Festival, für das Überangebot zum Wesenszug geworden ist. Und ein paar Hinweise, wie man damit umgehen kann.

I

Eisenstein in Guanajuato 01

Statistisch gesehen verpasst jeder Berlinale-Besucher fast alle Filme. Das ist erstens zwangsläufig so und zweitens für jeden rechnerisch die richtige Entscheidung. Weil alles stets irgendwie gleichzeitig läuft, überall etwas ist, das richtig oder wichtig sein könnte, entsteht schnell der falsche Eindruck, das Festival sei als Ganzes interessant. Ohne gute Empfehlungen aber gerät man zwangsläufig in einen Strudel an Filmen, die völlig falsch und irrelevant für einen sind. Genau genommen steht man auf der Berlinale von vornherein auf verlorenem Posten. Nur funktioniert die Filmleidenschaft nicht statistisch und erst recht nicht rational. Der eine richtig gute Film versöhnt mit zig schlechten. Zum Beispiel: Eisenstein in Guanajuato war, trotz aller Ambivalenzen, das Beste, was ich 2015 vom Wettbewerb gesehen habe. So haben sich in meiner Erinnerung vom Ende her meine Eindrücke neu sortiert. Im Nachhinein muss die Frage also lauten: War der Jahrgang doch nicht so schwach? Vielleicht waren ja all die ungesehenen Filme so gut wie der beste, oder noch besser?

Weil diese Hoffnung bleibt, weil trotz besserem Wissen dieser Zweifel an der eigenen Auswahl sich einnistet, hat die Berlinale als Ganze schon gewonnen. Ihre Logik des Supermarkts mit Produkten für jeden Geschmack setzt sich durch. So gesehen stimmt es denn leider auch nicht, dass das Verpassen in Berlin grundsätzlich die richtige Entscheidung ist, obwohl es schön besänftigend klingen mag. Im Gegenteil: Die Berlinale ist umso besser, desto weniger man auslässt. Die beste Erfahrung machen demnach die Kostprobengucker, die sich nur die ersten fünf oder zehn Minuten ansehen und bei Nichtgefallen weiterziehen. Ich kann das nur selten. Zu oft wurde ich andernorts fürs Ausharren belohnt. Bin ich deswegen nun auf der Berlinale mein eigener größter Feind? Im Festival-Supermarkt muss man lernen, wie man Filme richtig verpasst. Es reicht nicht, sie nicht zu gucken. Man muss programmatisch und in der richtigen Dosierung verpassen. Weil das viel Arbeit erfordert, vergessen wir, zumindest für einen kurzen Moment, dass Festivals auch etwas anderes als Supermärkte sein können. Obwohl: Angesichts der markthörigen Berliner Kulturpolitik dürfen wir uns glücklich schätzen, wenn überhaupt noch verschiedene Sortimente vorrätig gehalten werden.

II

Queen of the Desert 02

Wofür es keine Statistik braucht: Ein schwacher Herzog ist noch immer ein guter Berlinale-Film.

III

Der letzte Film auf der diesjährigen Berlinale für mich: Was heißt hier Ende? Der Filmkritiker Michael Althen. Dominik Graf über seinen verstorbenen Freund und eine Filmkritik, wie es sie heute scheinbar nicht mehr gibt. Vieles stimmt nicht an dem Film, einiges stimmt traurig, verärgert. Vor allem von Dominik Graf, der es besser weiß. Ich mag den Film genau deswegen sehr, weil er nicht repräsentiert, weil die falschen Töne, der private Blick, die Umkreisungen eines Phänomens kaum kanalisiert werden. Weil Dominik Graf keine Dokumentation gemacht hat, sondern eine Hommage. Sie ist zärtlich, ein bisschen wehleidig, so wie sie sein muss, als pure Parteinahme. Wir erfahren, welchen Film Althen gesehen hat, bevor er gestorben ist. Ich wollte das nicht wissen. Die unerhörte Idee, Althen würde noch leben, wenn er nicht von München nach Berlin gezogen wäre, ich will sie gleich wieder vergessen. Toll, dass der Film so etwas nicht wegbügelt oder ausklammert. Das Erinnern an Verstorbene ist unrein, irrational, poetisch, übermannend. Viele der Gesprächspartner sind mir herzlich egal, sie stehen für eine Journalisten-Generation, die nicht erst seit gestern ihren Saft verloren hat. Von ihnen soll ich mir sagen lassen, dass Filmkritik heute nicht mehr ist, wie sie früher einmal war? Natürlich macht Graf in seiner absurd hässlichen Montage deutlich, wie wenig den Protagonisten selbst zu trauen ist. Zwischendurch lässt er aufscheinen, wie genau das gedacht ist, wenn Christoph Huber als Vertreter einer jüngeren Generation ein paar Sätze sagen darf und sich über die übertriebene Bedeutung von einzelnen Figuren des Autorenkinos beschwert, für die in Österreich Michael Haneke steht und in Deutschland andere. Harter Schnitt auf Wim Wenders. Das Publikum johlt.

IV

Every Thing Will Be Fine 05

Auf der Berlinale hat Wenders die größte Plattform seit Jahren erhalten: Ehrenbär, Hommage und sein neuer Film im Wettbewerb außer Konkurrenz. Jedes darüber verlorene Wort eins zu viel.

V

Darf ich über die Berlinale überhaupt schreiben, wenn ich selbst die parallel stattfindende Woche der Kritik organisiere? Erst recht, meine ich. Überhaupt scheint mir, wir hören jenseits von Interviews viel zu wenig von Leuten, die sich in den verschiedenen Funktionen der Filmbranche, bei Festivals oder anderswo hinter den Kulissen für Film einsetzen. Die Programmarbeit war schon immer eine Verlängerung der Kritik. Andersrum sollte es aber auch stimmen: Kritik kann die Verlängerung einer Programmarbeit sein. Das gleiche Bestreben mit anderen Mitteln.

VI

Ich habe in den letzten zehn Tagen so viele Fragen gestellt, dass mir die Antworten nach und nach ausgegangen sind. Dabei wüsste ich so gern, welcher Umgang mit der Berlinale sinnvoll ist. Ich wurde oft gefragt, wie ich zu ihr stehe. Und nach und nach haben sich meine Antworten versteinert. Mir schien und scheint es müßig, das Festival auf seinen Direktor zu reduzieren. Der Berlinale-Geist ist schließlich viel umfassender, dafür steht nicht eine einzelne Person. Der Direktor ist sichtbarer Taktgeber. Interessanter aber ist vielleicht, wer alles hinter ihm steht. Ja, wer? Eine mögliche Antwort: Gleichzeitig überraschend wenige und alle Entscheidenden. Während es in den letzten Jahren im Festivalteam selbst große Vertrauenserosion gegeben hat, findet sich niemand, der auch nur einen halben kritischen Zwischenton öffentlich von sich geben würde. Das Hausmotto ist heute, wo die Leitung immer angeschlagener wirkt, mehr denn je: Alle für einen.

VII

Ein verwegener Gedanke: Wie würde die Berlinale aussehen, wenn Dominik Graf für die Filmauswahl die Impulse setzte? Ich stelle sie mir dreckig vor. Voller wilder Schnitte, böser Retrospektiven, mit rauem Genrekino, heftigen Melodramen und einem Hang zum sanften erzählerischen Overkill. Das wäre kein Supermarkt. Und ich hätte zweifelsohne weniger Filme verpasst.

Kommentare zu „Berlinale 2015: Ich habe alles verpasst“


Urs Bender

"Voller wilder Schnitte, böser Retrospektiven, mit rauem Genrekino, heftigen Melodramen und einem Hang zum sanften erzählerischen Overkill."

So in etwa würde ich die Hofer Filmtage beschreiben.


Frédéric Jaeger

Oh, dann muss ich da dringend hin. Hatte das bisher nicht auf meiner Prioritäten-Liste, nicht zuletzt wegen einiger Stimmen, die dort bräsige Kumpelhaftigkeit und selbstzufriedene Affirmationsriten beobachteten.


David Doell

Vielen Dank für diesen Kommentar

Es freut mich vor allem, was Sie über Grafs Althen-Film schreiben; der erscheint zwischendurch wirklich absurd, dann wenn z.B. über das Schreiben von Nachrufen gesprochen wird, verstärkt auch darüber, dass das Publikum an diesem letzten Sonntag in eindeutiger Unterhaltungsstimmung war, vielleicht wie Althen selbst erst einmal bereit jedem Film einen kräftigen Vorschuss zu geben, und gegeben falls halt über das Lächeln von Tom Cruise zu schreiben. Ob das dann der Gipfelpunkt von Filmkritik im kritischen Sinne ist, darf gefragt werden, und wird hier deswegen ausgelassen, weil das Werk von Althen den Unwissenden über den Film nicht so richtig Nahe gebracht wurde. Ja sicher: wenn Graf(?) die poetischen Zeilen von Althen liest, dann beindruckt das, aber nie wurde so richtig klar, was Film als kulturelle Reflexionspraktik mehr ist als Unterhaltung. Vielleicht war es auch persönlich nur ärgerlich, weil der zuvor in der Akademie der Künste gelaufene Film "Cinema A public affair" soviel schöner auf Film, Kritik und Gesellschaft bezug nimmt, wohl nicht dieselbe mediale Aufmerksamkeit erfahren wird, wie der von Graf.

Nach dem Sehen von Balikbayan #1 würde ich gegenüber der deutschen Eminenz auf einen Kidlat Tahimik setzen, vor allem da das indigene Cinema auch künstlerisch vielleicht das große Ereignis dieser Berlinale ist. Tahimik würde die Berlinale dann aus kosmischen Gründen vielleicht auch einmal verlegen lassen, aber gewiss nicht, weil er sich vor dem Tod eines Filmemacher oder einer Filmemacherin fürchtet. Die ernste Frage, ob es eine Möglichkeit auf die Gestaltung der Berlinale Einfluss zu nehmen, kann nur mit Ja beantwortet werden. Statt sich auf den Direktor einzuschießen, wäre es dann wie vorgeschlagen sinnvoll die Direktorenförderung sichtbar zu machen, und dann naja schon als aktivistische Filmkritik auch einmal die Galen (Galas?) usw. kritisch zu beleuchten. Wenn bei der „Woche der Kritik“ dann im unterirdischen schon einmal neue Konzept überlegt werden, ist das doch eine gute Nachricht. Und für die, die die schlechten Neuigkeiten so gerne mögen, sei noch die (für sie) schlechte Nachricht gegeben, dass auch europäische Verträge bis 2019 keine kosmische Garantie mehr sind.


Urs Bender

@ Frederic: Bräsige Kumpelhaftigkeit und selbstzufriedene Affirmationsriten gibt es dort selbstverständlich auch, die würde ich aber den heftigen Melodramen und einem Hang zum sanften erzählerischen Overkill zuordnen.
Aber tatsächlich sollte man sich dem Festival ruhig einmal nähern.






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