Wolke 9

Liebe und Sex jenseits der 60. Andreas Dresens in Cannes gefeiertes Werk ist ein Stück deutsches Kino von phänomenaler Kraft.

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Die Nähmaschine rattert. Inge (Ursula Werner) verlässt ihre Wohnung, setzt sich in eine Tram und steht wenig später Karl (Horst Westphal) gegenüber. An der Türschwelle des verdatterten Mannes meint sie wenig überzeugend, ohnehin gerade in der Gegend gewesen zu sein. Ein solcher Spruch – ganz Alltagsklischee – klärt die Situation. Von jenem Moment an, schon nach wenigen Minuten des Films, ist die Grundkonstellation klar. Inge begehrt diesen Mann. Unbeholfen bittet der sie in seine Wohnung, macht sich unten herum frei, um die gekürzte Hose zu probieren. Der Kamerablick auf ihn ist ein voyeuristischer. Dass sich hier erotische Energie entladen wird ist so logisch wie zwangsläufig. Wenig später fallen die beiden übereinander her.

Die Anordnung erinnert an Patrice Cheréaus Berlinale-Gewinner Intimacy (2001): Ohne Exposition und Erklärungen wird der Zuschauer Zeuge der sexuellen Annäherung zweier Fremder. Dabei ist Intimität ohnehin ein Schlüsselbegriff in Dresens Oeuvre. Die Digitalkamera ist immer nah am Geschehen, was heißt: nah an den Figuren.

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Werner (Horst Rehberg) steht nackt vor seinem Notebook. Ungezwungene Alltagsnormalität. Inge hat er nicht viel zu sagen, lieber widmet er sich alten Platten mit Originaltönen ehrwürdiger DDR-Züge, der Berliner Zeitung oder anderer Lektüre. Die Rollenverteilung ist klar: Intellektuell nimmt er seine Frau nicht ernst. Und dennoch geht er alles andere als lieblos mit ihr um. Eher routiniert und eingefahren. Schließlich sind die beiden seit über dreißig Jahren aufeinander eingespielt. Die letzten Lebensjahre sollte alles so bleiben. Und dann kam Karl.

Inge, über 60, hat sich keinen „Jüngeren geangelt“, wie es ihr Mann vermutet. Karl ist 76. Sie selbst ist auch keine gealterte Diva oder späte Schönheit. Nur eine Frau, die Jahrzehnte davon geträumt hat, sich noch einmal zu verlieben. Und als es passiert, scheint es fast zu spät. Denn obwohl Scheidungen und allein erziehende Mütter mittlerweile zur gesellschaftlichen Normalität geworden sind, bleiben Trennungen im Alter Einzelfälle. Was man einer Frau um die 40 oder gar 50, gerade im öffentlich-rechtlichen Fernsehfilmkosmos, gerne zugesteht, nämlich einen Neuanfang, scheint jenseits der 60 inadäquat. Genauso, wie älteren Menschen beim Sex zuzuschauen. Doch nicht nur Frauen wie Sharon Stone in Sliver (1993) masturbieren in der heimischen Badewanne.

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Zum Glück geht Dresens Film weit über diesen kalkulierten Bruch mit den Sehgewohnheiten hinaus. Ohne Parteilichkeit ertastet die Inszenierung die Befindlichkeiten aller Betroffenen, hier der drei direkt Involvierten und der Tochter (Steffi Kühnert). Die empfiehlt ihrer Mutter, den Zustand zu genießen, ihrem Mann jedoch alles zu verschweigen. Keine Lösung. Oder doch die beste? Man weiß es nicht und Andreas Dresen auch nicht.

Das direkte Zurschaustellen des eigenen Unwissens, Nicht-Entscheiden-Könnens, ist das eigentliche Wagnis an Wolke 9. Wo man Sympathie- und Empathielenkung gewohnt ist, zeigt Dresen neben der neuen Liebe im Alter auch das Zweifeln, die Unentschlossenheit, die Ohnmacht und den Schmerz. Dabei wirken die mit Worten aus unserem Alltagsgebrauch sprechenden Schauspieler so authentisch, dass Dresens Brillanz in der Inszenierung streckenweise kaum auffällt. Auch einer Beerdigungsszene, beliebtes filmisches Motiv und häufig im Klischeebild erstarrt, kann der Berliner Regisseur etwas Neues und Außergewöhnliches abgewinnen, indem er mit einer einzigen Einstellung auskommt. Beim Kondolieren beobachten wir das Gesicht der Hinterbliebenen.

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Dresens Präzision im Schildern eines bestimmten soziokulturellen Milieus ist unerreicht. Das Seniorenstift und der Frauenchor im Prenzlauer Berg vermitteln eine selten zu sehende Alltagsrealität. Allein Karls Wohnung, sein runder alter Tisch mit der Decke, transportieren eine Lebenssituation, über deren Vorgeschichte wir nie informiert werden. Die Liebe im Alter ist vorwärtsgewandt!

Kritik von Sascha Keilholz

Fotos: © Senator

Veröffentlicht am 10.07.2008



Film-Angaben:

Titel: Wolke 9 (Wolke 9)
Alternativer Titel: Wolke Neun (Alternative Schreibweise)
Deutschland 2008
Laufzeit: 98 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren

Regie: Andreas Dresen
Produktion: Peter Rommel
Darsteller: Ursula Werner, Horst Rehberg, Horst Westphal, Steffi Kühnert
Kamera: Michael Hammon
Schnitt: Jörg Hauschild

Kinostart: 04.09.2008

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DVD-Angaben:

Titel: Wolke 9
Vertrieb: Senator
Bild: 1,85:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch für Hörgeschädigte
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 95 Minuten

Extras: Interviews, Making Of, Kurzfilm: Die Männer meiner Oma

Verleih ab: 11.02.2009
Verkauf ab: 16.03.2009





 




Kommentare

 

U. Bräuer

Samstag, 11-10-08 12:38

Kriegt eigentlich noch irgendeiner mit, dass ein viel umfassenderes Buch zu Wolke 9 gibt??????- zu Thematik und Film - das Filmbuch von Anne Stabrey, die weit über diese "Ein-Mal-Geschichte" hinaus geht! - mit diesem Buch zu Wolke 9 und ihrem Vorbuch, das zur Filmentstehung überhaupt mit 1000 ECHTEN Geschichten dieser Art - beigetragen hat!? Was ist denn EIN FILM dagegen????????? Traurig! So ein mehr ...

 

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