Viktoria

Im Sozialismus braucht man keine Nabelschnur. Maya Vitkova erzählt die jüngere kollektive Geschichte Bulgariens in Form einer sehr persönlichen Geschichte nach.

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Boryana ist schwanger. Dabei spült sie nach dem Sex immer gleich ihre Scheide aus und springt wie wild geworden auf und ab, um die Spermien aus ihrem Körper zu schleudern. „So bin ich all deine Kinder vor Viktoria losgeworden“, spuckt sie ihrem Mann ins Gesicht. Auch als ihr Bauch immer größer wird, raucht die junge Frau (Irmena Chichikova) weiter. Einmal sehen wir sie aus einer Aufsicht in der Wanne liegen, aus ihrem Unterleib entweicht Blut, viel Blut – es färbt das gesamte Wasser rot. Kurz darauf: Boryana spaziert durch ein Feld, die Kamera blickt auf den Saum ihres Kleides, ein wässriges Sekret tropft in Zeitlupe herab, die Fruchtblase ist geplatzt. Nach der Geburt liegen Mutter und Kind in einem weißen Raum mit weißen Betten und weißen Laken, umringt von Ärzten und Schwestern in weißen Kitteln. Eine Delegation älterer Herren in schwarzen Anzügen betritt den Raum und beginnt das ohne Nabelschnur und Bauchnabel geborene Kind zu bestaunen. Staatschef Schiwkow erklärt die kleine Viktoria zum „Kind des Jahrzehnts“, vereinnahmt sie als lebendiges Symbol des bulgarischen Sozialismus und verlegt ihren Geburtstag auf das Datum des Nationalfeiertags. Die Eltern bekommen ein Auto und eine besonders fortschrittliche Plattenbauwohnung vom Staat geschenkt, mit Geleitschutz fahren sie über die leere Autobahn, ein kommunistischer Marsch ertönt. Zu Hause heftet Boryana ein Poster der Freiheitsstatue an die Wand und trinkt eine Protestflasche Coca-Cola.

Liebe, so warm wie im Eisschrank

Diese Auswahl an Szenen ist repräsentativ für Maya Vitkovas Debütfilm: Die junge Regisseurin erzählt mit epischer Breite, findet eindrucksvolle Bilder und lässt Viktoria zwischen Familien-Drama und Realsozialismus-Satire oszillieren. Je nach aktuellem Genremodus liegt mal ein melancholischer Blauschleier, mal ein warmes Erinnerungs-Orange über den Bildern. Im Mittelpunkt des Films steht etwas Abwesendes: die Liebe der Mutter zu ihrer Tochter. Dass Viktoria ohne Nabelschnur geboren wird, ist kein Wunder, sondern Ausdruck der Nicht-Beziehung zu ihrer emotional tiefgefrorenen Erzeugerin. Einmal platzt die Mutter mit ihrem heimlichen Liebhaber in die Geburtstagsparty ihrer inzwischen jugendlichen Tochter (Kalina Vitkova) und zerstört genüsslich deren Kuchen. Ein andermal diktiert Boryana ihrer Tochter einen neuen modus vivendi: Wenn sie weiterhin im selben Haus wie ihre Eltern leben wolle, dürfe Viktoria sich nie im selben Zimmer aufhalten wie ihre Mutter und sie auch nicht ansprechen. Boryana hat nie ein Kind gewollt und bestraft ihre Tochter nun dafür, dass sie gekommen ist, ohne willkommen zu sein  – und wohl auch dafür, dass sie Boryanas lange gehegten Traum von der Flucht in den Westen durch ihre bloße Existenz verhindert, die Mutter quasi zur Geisel des Staates macht.

Zwischen künstlerisch und künstlich

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Regisseurin Maya Vitkova streut wiederholt Nachrichtenschnipsel ein, um das Aufwachsen Viktorias in den historischen Kontext einzuordnen – von der Öffnungspolitik über den Kollaps des Ostblocks bis hin zu den post-sozialistischen Wirren. Als im Fernsehen die Berliner Mauer fällt, fällt auch Viktoria – von einem Baum. Für Boryana wird mit dem Zerreißen des Eisernen Vorhangs ein Traum wahr, für ihre Tochter ist es hingegen ein Albtraum. Schließlich verliert sie ihren privilegierten Status als Repräsentantin des bulgarischen Sozialismus ebenso wie ihren „heißen Draht“ – das in einer animierten Szene zur Nabelschnur werdende Telefonkabel, das sie direkt mit Staatschef Schiwkow verbindet.

Solche visuellen Ideen sind einerseits die größte Stärke des Films, andererseits wirkt dieser unbedingte Wille zur Poesie mitunter etwas überladen. So wandelt Viktoria beständig auf dem schmalen Grat zwischen „künstlerisch“ und „künstlich“: Zur ersten Kategorie zählen die dezenteren Effekte, etwa eine Regie-Fingerübung, in der ein Vorlesesaal sich ganz langsam verdunkelt, bis nichts mehr zu sehen ist, ehe die Kamera nach dem Einschalten einer Lampe einen Achsensprung vollführt. Auch eine Postkarte von Venedig, auf der nach und nach die Stadtlichter aufscheinen, ist ein schöner Einfall. Die Nahaufnahme einer Brustwarze, aus der in Zeitlupe wahre Fluten von Milch schießen, ist zwar alles andere als dezent, aber in ihrer Übertreibung doch amüsant. Aufgesetzt kommt Vitkovas Spielfreude hingegen herüber, wenn sie zu dick aufträgt – ob bei Animationsbildern eines Embryos im Bauch der Mutter oder bei einem symbolschwangeren Milchregen.

Based upon biography?

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Auch auf narrativer Ebene ist Viktoria ein ambivalentes Werk. Dass die Regisseurin den Film im Abspann ihrer Mutter widmet, wirft spannenderweise noch mal ein komplett neues Licht auf diese Geschichte dreier Frauen. Der Film legt nahe, dass Boryana unter anderem deshalb so herzlos ist, weil sie selbst sich von ihrer Mutter nicht geliebt fühlte. Viktoria wiederum entwickelt nach und nach ähnlich divenhafte und sadistische Züge wie ihre Mutter, wenn sie andere Menschen ausnutzt. Dass die Töchter zu Opfern ihrer Mütter werden, wirft die Frage auf, ob Vitkovas Widmung eher eine Liebeserklärung oder eine Abrechnung mit ihrer Mutter ist.

Insgesamt kann der Film die Intensität der ersten Stunde aber nicht über die gesamte Spielzeit von 155 Minuten aufrechterhalten. Die Auftritte der miesepetrig-bis-bösartigen Mutter entwickeln sich langsam zur Karikatur, zum irgendwann ermüdenden running gag. Warum der liebevolle Vater Viktorias überhaupt eine Beziehung mit Boryana führt, bleibt ein Rätsel. Und während der Einfluss der Piano- und Streicherbegleitung sukzessive zunimmt, entstehen auch immer mehr Ungereimtheiten: Der Vater verschwindet irgendwann aus der Erzählung, ohne dass man wüsste, warum und wohin. Eine erste Liebe blüht kurz auf, wird dann aber nie wieder erwähnt. Und auch die späte Läuterung der Mutter, ihr emotionaler Durchbruch gegenüber Viktoria wirkt seltsam unmotiviert. Denn wo kein Bauchnabel ist, kann auch keine Nabelschnur wachsen.

Trailer zu „Viktoria“


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