Snowden

Tragische Romanze mit dem Vaterland: Oliver Stone will den untergetauchten Whistleblower Edward Snowden als waschechten Patrioten rehabilitieren. Dafür vertraut er ganz auf die Sprache der Liebe.

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Wenn mich die Erinnerung nicht trügt, taucht Nicolas Cage in Snowden dreimal auf. Zwar spielt er stets den gleichen CIA-Ausbilder, aber wie immer rebelliert etwas im Entgrenzungskünstler Cage dagegen, sich in die Fiktion restlos einzufügen. Jeder seiner Auftritte scheint für sich zu stehen, wie drei scharf zueinander kontrastierende Schattierungen einer Rolle, die sich als Begleitkommentar zu Edward Snowdens Laufbahn lesen lassen: vom unbekannten Technokraten zum weltbekannten Geheimnisverräter.

Das erste Mal sehen wir Cage in Pullunder, umgeben von Technikantiquitäten, Chiffriermaschinen aus WWII, frühen Computermonstern aus dem Kalten Krieg: der Kryptografie-Nerd aus guten alten Geheimdiensttagen. Das zweite Mal sitzt er vergrämt hinter einem schweren Schreibtisch, eine US-Flagge ans Sakkorevers gesteckt: der helle Kopf von einst, verbannt aufs Abstellgleis, weil er seinen Chefs widersprochen hat. Er droht an seiner Vaterlandsliebe zu zerbrechen. Das letzte Mal dann im Privaten, mit dem Budweiser in der Hand vor der Glotze, ein Wohnzimmer im Seventies-Look, irgendwo im Hintergrund eine Frau: der All-American Man im trauten Heim. Doch die Szene ist gebrochen. Im Fernsehen läuft das Bekennervideo Edward Snowdens (Joseph Gordon-Lewitt). Und der mit allerlei Devotionalien des konservativen Amerika umgebene Cage jubelt dem Vaterlandsverräter zu. Das Bild bleibt als frommer Wunsch haften: Mit den konfessionsfreien Methoden klassischer Filmerzählung will Oliver Stone die amerikanische political divide kreuzen.

Same Old

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Auf den ersten Blick ist Snowden ein Biopic von der Stange. Da gibt es eine mit Spionage-Topoi angereicherte Rahmenerzählung (eine Dramatisierung des aus Laura Poitras’ Oscar-Doku Citizenfour bekannten Interviews in einem Hongkonger Hotelzimmer), von der aus in braver Chronologie Ausflüge zu wichtigen Stationen der Heldenbiografie unternommen werden: der gescheiterte Armeedienst, die beginnende Romanze, die Ausbildung bei der CIA (natürlich als Top-of-the-class), Einsätze rund um den Globus, die wachsenden Zweifel an der Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns, damit verbunden Beziehungskrisen. Und dann der Verrat.

Wir bekommen also die Origin-Erzählung des Whistleblower-Heroen, und mit ihm werden wir nach und nach in die US-Geheimdienstmachenschaften eingeführt – und das alles noch gerne penetrant didaktisch und mit Dialogen, die oft nachlässig drapierte Kurzvorträge sind (über FISA, PRISM, GCHQ …). Der Film wirbt kräftig um Sympathien für seine Titelfigur, will Snowdens Handeln als moralisch aufrichtig und psychologisch folgerichtig erscheinen lassen. So weit, so unspektakulär. Aber in den Details wird es spannender.

Nacktes Fleisch und die angetastete Würde

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Der Aufstieg Edward („Ed“) Snowdens in Rängen und Ansehen des Geheimdienstapparats ist hier ein Sündenfall. Wie hemmungslos im Post-9/11-Amerika das Nullsummenspiel „Sicherheit versus Freiheit“ gespielt wird, bringt den wertefesten, leicht verklemmten Ed bald in Verlegenheit. An einem neuralgischen Punkt der Story wählt Stone dafür eine grenzwertige, überdeutliche Metapher: Ein Informatiker-Kollege zeigt Ed, wie man per Mausklick Webcams zu Spionage-Geräten machen kann. Wir sehen eine vollverschleierte Muslima im Hotelzimmer, die sich etwas arg langsam entkleidet. „I always wanted to know what was underneath those“, sagt der Computernerd.

Dieser orientalistische Flirt mit dem Muslimisch-Anderen ist natürlich abgeschmackt und gerade heutzutage fatal, weil er das Drama des widersprüchlich gewordenen Liberalismus im Anti-Terror-Taumel einmal mehr am Körper der Frau aufführen muss (siehe Diskussion übers Burka-Verbot). Aber zugleich ist die Szene entlarvend: Denn was soll unter einem Schleier anderes sein als unter einem Kleid? Ein nackter Körper. Und die Würde, natürlich. Stone schneidet hier im richtigen Moment auf Snowdens leinwandfüllendes Auge, das gefangen ist im Widerstreit von Voyeurismus und Ekel. Der dann folgende Cut räumt auch die letzten Zweifel aus: Von der übergroßen Pupille geht es direkt zu einer von oben fotografierten Striptease-Stange. Porno.

Das allsehende Auge wendet sich ab

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Riesige Augen findet man in Snowden zuhauf. In einer computeranimierten Infografik sehen wir einmal ein wildes Liniennetz (soll zwischenmenschliche Contacts im Social-Media-Kosmos darstellen) in einem gigantischen, alles verschlingenden schwarzen Ball zusammenlaufen. Eine datenfressende CGI-Pupille. Der Überwachungsproblematik versucht Stone also mit dem altbekannten Big-Brother-Motiv Herr zu werden, was einerseits eine Kapitulation vor der Krise der Repräsentation des digitalen Datenabgriffs ist. Schon Harun Farocki wusste ja, dass dessen Horror nicht zuletzt darin gründet, dass die Algorithmen den Umweg über das Visuelle oft gar nicht mehr zu gehen brauchen.

Andererseits aber – und das ist in seiner Bekenntnis zum aufklärerischen Vermögen des Kinos fast berührend – glaubt Stone trotz allem und noch immer an eine Ethik des Blickes. Er lässt seinen Protagonisten nach langem Starren den Blick abwenden von der ausspionierten Muslima. Beschämt senkt Snowden die Augen – schockiert über sich, die CIA und Amerika. Es ist der erste Moment, in dem Eds innere Opposition greifbar wird. Sein Nicht-Hinschauen ist freilich das Gegenteil von Wegschauen. Indem er nicht mehr hinsieht, sieht er den Dingen das erste Mal ins Angesicht. Moralisch umformuliert: Statt auf den Bildschirm blickt er nach innen, ins schlechte Gewissen. Und wahrscheinlich bildet sich da jene Frage, die wir alle nur zu gut kennen. Die Frage, die stets auftaucht, wenn neue Datenskandale ans Licht kommen. Was gibt es in meinem Leben, das niemand sehen, hören, wissen darf – außer mir?

Die Frau an seiner Seite

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In Stones Lesart ist dieses ultimativ Beschützenswerte Edwards Beziehung zu Lindsay Mills (Shailene Woodley). Wenn Snowden eine einzige wichtige Ergänzung zur totrezipiert scheinenden Debatte hinzufügen kann, dann ist es die: Edward wäre nichts ohne seine Lindsay. Sie hebelt die paranoide Selbstbegründung der Überwachererei aus, indem sie ihm bereitwillig Einblicke in all ihre Geheimnisse gewährt. Lindsay ist keine stumme Frau an Eds Seite, sondern ein politisches Gegenprinzip zu den Behörden, für die er arbeitet. Der Film zeichnet Lindsay denn auch ganz dezidiert als bekennende Liberale, die den Konservativen Ed in seinem Zaudern allmählich auf ihre Seite zieht. Einmal streiten sich die beiden. Edward hält ihr vor, dass sie den abgeschmackten Allgemeinplatz aller unkritisch auf die Regierung Vertrauenden wiederhole: „I don’t have anything to hide“. Aber er missversteht sie. Was Lindsay ihm sagen will, ist: „Ich habe nichts vor dir zu verstecken“. Danach verlässt sie ihn. Aber nicht für lange. In solchen, seinen stärksten Momenten, macht Snowden die Bedeutung des Nachrichtenthemas „Datenabgriff“ in der Sprache der Romantik verständlich.

Doch Lindsay weiß, dass Edward eines mehr liebt als sie: Amerika. Immer wieder kreuzt Stone gekonnt die konfligierenden Linien der privaten Liebesbeziehung und der grenzenlosen Liebe Edwards zu seinem Land, die eben weiter geht als reines Befehlsbefolgen. Lindsay steht ihm bei, auch wenn er sie nicht wirklich zurückliebt; sie opfert sich für ihn auf, damit er an seinem Land zerbrechen kann. Es sind zwei Formen bedingungsloser, bereitwillig gegebener Liebe – von der allerdings nur die romantische Erfüllung bieten kann.

Der negative Patriotismus

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Snowden ist bei Stone einem qualvollen Patriotismus erlegen. Er kann seinem Land die Liebe nur beweisen, in dem er gegen es aufbegehrt. Er kann die verfassungsmäßigen Freiheiten nur verteidigen, indem er die vermeintlichen Schützer der Verfassung bekämpft. Es ist der alte Konflikt dessen, der ewige Ideale gegen ein korruptes System zu verteidigen antritt – und dabei insgeheim spürt, dass beides immer gemeinsam auftreten wird, der unerfüllbare Traum vom Guten und die schlechte Wirklichkeit im Jetzt. Genau diesen unauflösbaren inneren Zwist steuert Stone gezielt an, denn hier erkennt er das psychologische Drama, aus dem sich (Kino-)Geschichten stricken lassen. Wer weit ausholen möchte, kann diesen Strang zurückverfolgen bis zu Antigone.

Noch eine andere Figur kommt da in den Sinn: Jason Bourne, dessen letzter Auftritt unmissverständliche Verweise auf die Snowden-Affäre streute. Sie beide sind vielleicht die prototypischen hadernden amerikanischen Patrioten, die das Kino der letzten Jahre hervorgebracht hat. Wie Antigone begehen Bourne und Snowden crimes of passion. Ihr Verrat ist ein tragischer Akt der Liebe. Der Betrug geschieht zu dem Preis, für immer verstoßen zu werden, von seinem Land für seinen Einsatz niemals zurückgeliebt werden zu können. Und damit in der Unkenntnis gefangen zu bleiben, ob man nicht doch das Falsche getan haben könnte. So etwas ergibt nur Sinn im Wahn und in der Liebe. Das verhörartige CIA-Jobinterview in Snowden klingt denn auch nicht zufällig wie ein Heiratsversprechen: „Do you think that the United States are the greatest Country on Earth?“ „Yes“, sagt Edward. Er lächelt dabei.

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