Michael Kohlhaas

Zwischen Überwältigung und Rechtsfragen.

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Historienfilme sind im besten Fall Begegnungen. Schließlich schleppt das Kino immer auch seine eigene Geschichtlichkeit mit, wenn es seinen Blick auf vergangene Zeiten richtet. Nicht nur jeder einzelne Film ist ein Produkt seiner Zeit, auch das Medium und die ihm eigenen Mechanismen sind an seine materiellen wie geistigen Bedingungen geknüpft – an das psychologische Modell des modernen Subjekts, die zunehmende Faszination für das Sehen als privilegierten Sinn, bestimmte Vorstellungen menschlicher Emotionen. Häufig injiziert das Kino diese Elemente auch in Settings längst vergangener Tage, überträgt heutige Formen romantischer Hetero-Liebe in die Antike oder platziert Figuren mit modernen Identitäten in höfische Gesellschaften. Seltener reflektieren Historienfilme den eigenen historischen Blick, entfremden sich ihrer eigenen Zeit und lassen damit eine Begegnung zu.

Mit Michael Kohlhaas verhält es sich schon deshalb noch einmal schwieriger, weil hier gleich drei historische Epochen zueinander in Beziehung treten. Arnaud des Pallières hat im 21. Jahrhundert Heinrich von Kleists Novelle aus dem frühen 19. Jahrhundert verfilmt, der wiederum eine Begebenheit aus dem 16. Jahrhundert erzählt. So ist der Film eine doppelte Projektion. Schon Kleist ging es bei der Geschichte eines Pferdehändlers, der von regionalen Machthabern ungerecht behandelt wird und gegen sie zu Felde zieht, um Fragen von Macht und Widerstand im Zusammenhang mit den napoleonischen Feldzügen. Volker Schlöndorff wiederum bezog diesen Stoff in seiner Verfilmung Michael Kohlhaas – Der Rebell (1969) auf die Protestbewegungen der 1960er Jahre und griff hierfür auf zeitgenössisches Archivmaterial zurück.

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Was fängt Des Pallières nun mit Kleist an? Auch in seinem mysteriösen, aber wirkungsvollen Adieu (2004) thematisierte er eine Form des aussichtslosen Widerstands gegen ein übermächtiges Zwangssystem. Die Geschichte eines Nordafrikaners, der illegal nach Frankreich einreist, erzählte er als moderne Variante der biblischen Sage von Jona, der vor Gott flieht und dafür bestraft wird. Auch Kohlhaas ist ein Ausreißer, jemand, der sich dem Wirkungsfeld der Macht entzieht, ihr sogar den Krieg erklärt. Dabei ist das besondere Paradox der Kohlhaas-Geschichte, dass dieser Pferdehändler sich stets als Vertreter der Gerechtigkeit imaginiert, sich aus dem Gesetz begibt, um für Anerkennung im Gesetz zu kämpfen. Erst als alle rechtlichen Mittel ausgeschöpft sind, das ihm angetane Unrecht rückgängig zu machen, und seine Frau beim Versuch, ihm zu helfen, stirbt, beginnt er seinen brutalen Feldzug für Recht und Gesetz, als Don Quijote rigoroser bürgerlicher Moralität, wie es Ernst Bloch einmal ausgedrückt hat.

Kleists Novelle ist eine ungemein dichte Erzählung, ein nicht pausierender Strom aus Handlungen, juristischen Reflexionen und Schlachten – einmal setzt Kohlhaas eine ganze Stadt in Brand. Auf die Visualisierung solcher Massenszenen hat Des Pallières – vielleicht auch aus Gründen des Budgets – verzichtet. Er erzählt seine Version eher mit Close-ups als mit Totalen, die Landschaft dient ihm nicht als Schauplatz blutiger Kämpfe, sondern beschwört eher die endlosen Weiten der zu kontrollierenden Region. In einer der wenigen ausführlicheren Dialogszenen trifft Kohlhaas auf einen französischen Geistlichen (Denis Lavant), der in Kleists Original niemand Geringeres als Luther persönlich ist. Hier werden die Fragen von der (Un-)Möglichkeit gerechtfertigter Gewalt und legitimen Widerstands einmal explizit erörtert.

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Die meiste Zeit bleibt Des Pallières’ Kohlhaas das undurchdringliche und fast immer emotionslose Gesicht von Mads Mikkelsen, das selbst schon eine Landschaft ist. Kohlhaas ist hier, und das ist sowohl im Sinne Kleists wie im Sinne eines historisch reflektierten Kinos, keine klassische Figur, selbst wenn Des Pallières in den Familienszenen zu Beginn psychologische Tiefen zumindest andeutet. Zunehmend bricht er seinen Protagonisten aber herunter auf den berühmten ersten Satz des Romans, in dem Kleist seinen Kohlhaas als „einen der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten Menschen seiner Zeit“ bezeichnet. Des Pallières betont eher Ersteres, lässt seinen Helden ein ums andere Mal auf die durch Gewalt gewonnenen Privilegien verzichten, wenn dieser beispielsweise anmahnt, den Bauern Lebensmittel abzukaufen und sie nicht zu klauen.

Doch wie begegnet Des Pallières nun der Historizität, wie verhalten sich die verschiedenen Zeitlichkeiten in seinem Film? Sie werden zusammengehalten durch Geräusche. Wie auch in Adieu ist die Tonspur hier eigentlicher Motor des Films, die bedrohlichen Trommeln vermischen sich mit dem Zischen der Harpunen, den Schlägen auf Holz, dem Wiehern der Pferde und immer wieder dem Rauschen des Windes. Der Sound ist ein durchaus geeignetes Medium der Zeitreise, denn wenn es schon keine zeitlosen philosophischen Fragen und Subjektkonzeptionen gibt, bleiben dann nicht zumindest diese Geräusche gleich? Klingt ein schreiendes Baby im Mittelalter anders als in der Moderne, haben tiefe, regelmäßige Paukenschläge stets die gleiche bedrohliche Wirkung gehabt? Die Tonspur hat vielleicht tatsächlich die Kraft, uns wirkungsvoller in vergangene Zeiten zu versetzen als Dialoge in längst verschwundenen Dialekten.

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Eindrucksvolle Außenaufnahmen und überwältigende Soundkulisse: Michael Kohlhaas ist ein Film, den man vielleicht am besten in der ersten Reihe sitzend genießt, um sich ganz in dem von ihm konstruierten audiovisuellen Raum zu verlieren. Von ein paar Reihen weiter hinten betrachtet wirkt Des Pallières Adaption aber etwas unentschlossen. Er nähert sich seinem Material einerseits konsequent filmisch, deutet andererseits immer wieder ein Interesse für die mit der Vorlage zusammenhängenden juridischen Fragen an, ohne diese dabei auf eine eigene Zuspitzung zu treiben. So radikalisiert er keinen der beiden Ansätze, sondern lässt zu, dass sie sich gegenseitig aufheben und dem Film eine Schwerfälligkeit verleihen, die Kleists unentwegt vorpreschende Sprache und Kohlhaasens unerbittliche Kriegsmaschine unnötig bremsen.

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