Mädchen Mädchen

Wenn der Vater mit dem Sohne: In einer oberbayerischen Zementfabrik lässt Roger Fritz die Verständigung zwischen den Generationen pürieren.

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1967, das Jahr, in dem Mädchen Mädchen erschien, begann es in der Bundesrepublik wirtschaftlich wieder zu kriseln, das Wunderhafte der 1950er Jahre hatte schon lange begonnen, sich wieder zu entwundern. Es war die Zeit der Großen Koalition unter Kurt Kiesinger, die Zeit der Notstandsgesetze. Die politische Jugend ging – bereits ein Jahr vor jenem, das der Bewegung später ihren Namen gab – auf die Straßen, und Benno Ohnesorg wurde erschossen.

Schweinebraten und Cabrios

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Vermutlich war es gerade dieser Hintergrund, der den Debütfilm von Roger Fritz die schlechten Kritiken einsammeln ließ. Unpolitisch sei dieser Film und oberflächlich. Solches Urteil verwundert erst einmal nicht, spielt doch Mädchen Mädchen in und um eine Zementfabrik irgendwo bei Traunstein in Oberbayern herum, die wirtschaftlich über alle Maßen gut dasteht, die gerade erst einen neuen, riesigen Ofen montieren ließ und die auch weiterhin Personal gebrauchen kann. Im herrschaftlichen Haus des Fabrikbesitzers wird Schweinebraten nicht nur gegessen, sondern auch serviert – zuvor gibt es Suppe. Und das Ganze gleich zweimal innerhalb weniger Tage. Gleichzeitig sehen wir die Münchner Jugend in Discos abhängen, Spritztouren mit Cabrios machen oder von ihren Hormonen getrieben durch Landwiesen fegen – politisch ist an dieser Jugend rein gar nichts. Mädchen Mädchen ist eben ganz Papas Kino. Papas Kino?

Der Papa im Kino

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Wenn das stimmt, dann ist dieses Papa-Kino immerhin ein Kino, das den Papa nicht sonderlich gut wegkommen lässt. Dieser sitzt nämlich im Gefängnis, weil er mit einem jungen, eigentlich kindlichen Mädchen geschlafen hat. In seiner Abwesenheit leitet der Junior das Geschäft, nämlich die betriebsame Zementfabrik. Andrea (Helga Anders), das von jenem Papa beschlafene Mädchen-Mädchen wird aus der Erziehungsanstalt entlassen, in die sie von ihren Eltern (wahrscheinlich hauptsächlich von ihrem Papa) wegen ihrer Sexbiografie eingewiesen wurde. Sie steigt in einen Zug, setzt sich einem jungen Mann gegenüber, flirtet mit ihm, steigt wieder aus, fährt bei einem Grinsekameraden in einem Silolaster mit und landet nach dieser Serie der Mannesbekanntschaften wieder in der Zementfabrik. Dort erkennt sie der Junior. Er nimmt sie mit in das von Gamsgeweihen zudekorierte Herrschaftshaus, weist ihr am Tisch einen Platz zu, nimmt sich zuerst einen Knödel und reicht ihr dann den Teller weiter. Selbstverständlich verliebt sich der Junior, übrigens von allen auch Junior genannt, in Andrea. Weniger selbstverständlich ist aber der genaue Charakter dieser Liebe: Ist es seine Liebe, oder ist es die Liebe des Papas, mit der er liebt?

Passivinzest

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Für den Junior ist diese passivinzestuöse Situation freilich keine leichte. In ihm regen sich Affekte, die zwischen Vater und Sohn ausgeschlossen sein sollten: Der Eifersucht versucht er Herr zu werden, indem er das pausbäckige und allzu mädchenhafte Mädchen-Mädchen selbst bevormundet wie ein Papa die Tochter. Und gelingt ihm das nicht, dann schimpft er sie Hure. Der Papa hat dem Sohn die Liebe verstellt. Am Ende kommt er aus dem Knast zurück, dann geht er mit Andrea aufs Zimmer, und der Junior, der nun auch wieder die Fabrikleitung an den Vater abdrückt, muss lauschen. Natürlich wird hier ein Generationenkonflikt ausgetragen, und zwar zwischen zwei Generationen – das dürfte auch der damaligen Kritik aufgefallen sein –, die sich in den 1960er Jahren einiges zu sagen gehabt haben dürften. Und wenn Mädchen Mädchen Papas Kino ist, dann ist das der Punkt, an dem es immerhin leicht anfängt zu beben: Das Sagen, das Drama des Sagens, des Nicht-sagen-Könnens. Fritz inszeniert das durchaus geschickt, denn wie soll man auch miteinander reden, wenn überall die Zementtrommeln donnern und die Lastwagen rollen? Die Fabrikbegehung von Vater und Sohn am Ende des Films macht aus der Groteske dann tatsächlich ein Drama. Der industrielle Raum, der Ort, an dem der Wohlstand entsteht, schiebt dem Sagen den Riegel vor. Das Sagen muss vertagt werden: „Später, in aller Ruhe“, sagt der Vater, wenn es dem Sohn auf der Zunge brennt. Aber die Ruhe lässt auf sich warten – die Fabrik ist weitläufig.

Dialektik und Schweinshaxe

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Fritz entwirft so eine Perspektive auf die BRD der späten 1960er Jahre, die, wenngleich sich nicht selbst in Subtilität beglückwünschend, so doch sehr konzentriert ein Kommunikationsdilemma zwischen den Jahrgängen einkreist. Die industrielle Wohlstandswelt, in der man sich Gamsgeweih um Gamsgeweih eingerichtet hat, poltert jedes Sagen kaputt. Mitsamt dem unausgesprochenen Unaussprechlichen werden Vater und Sohn durch jene Räume gesteuert und kontrolliert, die sie regieren. Dass dieser Film dann nicht allzu dialektisch endet, dass die von den Zementmaschinen geradezu pürierte Kommunikation am Ende nur noch die Verständigung auf eine geteilte Vorfreude angesichts der vom Abend her winkenden Schweinshaxe zulässt, war aber ganz bestimmt – Papas Kino hin oder her – die richtige Entscheidung.

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