Macbeth

Staub und Nebel, Blut und Kotze: Justin Kurzel ist beim Versuch Shakespeare zu dynamisieren eingeschlafen.

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Man sieht ihm den Eifer förmlich an; förmlich im eigentlichen Sinne des Wortes. Justin Kurzel geht es um Formen. Natürlich weiß er, wie oft Macbeth auf der Leinwand wahnsinnig geworden ist und natürlich – und hier wird sein Eifer anschaulich – verlangt dieser Wahnsinn nach einer neuen und selbstständigen Form. Kurzels Agenda ist auf dieser Grundlagenebene schon einigermaßen saftlos, trotz all der Säfte, die in seinem Film durch die Gegend spritzen oder eher schweben. In Zeitlupe tropft Blut aus der Nase, langsam bündelt sich der rote Saft zu einem Tropfen, Dreck mischt sich mit hinein, er gewinnt an Ausdehnung und Gewicht und seilt sich ab. Kurzels Obsession für die Form, für das rein Formale, unterliegt schon der spröden Prämisse, dass Form und Inhalt, als sei dies ein erstes Gesetz jeder Ästhetik – getrennt voneinander zu denken sein müssten. Warum er sich überhaupt für Shakespeare interessiert, bleibt völlig unklar, er hätte einen weit besseren Film über den Nebel machen können, oder über Substanzen und ihre Eigenheiten überhaupt. Zu Beginn von Macbeth lässt sich noch eine Naht freilegen, die den alten Stoff beziehungsweise seine Aufführungspraxis mit dem Formenkatalog des Films zusammenschließt. Diese Naht ist das schlechte Wetter.

Das schlechte Wetter in Schottland

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Natürlich kann man auch auf der Bühne – im Globe Theatre vielleicht weniger – das Wetter simulieren, aber dort wird es nicht den Effekt haben, den es im Film hat. Der schottische Nebel setzt das Bild in eine Dauerbewegung; Figuren zeichnen sich als Konturen ab, treten aus ihm hinaus oder hinein, verschwinden oder erscheinen, ganz oder zur Hälfte: Das Bild ist ständiges Werden, der Nebel dynamisiert jeden Unter- und Hintergrund, das kann keine Nebelmaschine auf der Bühne nachmachen. Zunächst also scheint es, als hätte Kurzel tatsächlich eine Idee vom Kino, darüber, wie es das Stück nicht nur abbildet, sondern überhaupt erst hervorbringt. Es geht um Dynamisierung und Substanzialisierung, darum, das Statische ins Fließen zu bringen und darum, den materialen Kern von Macbeth auszuschaufeln, die Elemente und Substanzen, das Feuer, den Matsch, die Kotze, den Staub, das Blut und den Nebel. In der eröffnenden Schlachtszene greift das alles noch schlüssig ineinander; vielleicht, weil bisher auch noch nicht gesprochen wurde, nicht rezitiert wurde. In dieser Sequenz steht alles im Zeichen der Substanz und der Dynamik, die Großaufnahmen der Gesichter sind deren beste Agenten. In ihnen entschleunigt sich das martialische Spektakel, besonders im toten Blick Macbeths (Michael Fassbender), und gleichzeitig werden sie zu Tastbildern, in denen die Schichten und Mischverhältnisse der Substanzen, des Blutes, der Tränen, des Drecks und der Schminke (und sogar noch etwas Zahnbelag), beinahe fassbar erscheinen.

Die schlechten Opernregisseure

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Diese materiale Ästhetik kippt dann aber sehr schnell in den Selbstzweck, oder fataler noch: sie wird abqualifiziert in die Speisekammer. Nicht nur soll man sie kulinarisch genießen – die säuberlich angerichteten Tableaus gotischer Provenienz und Düsternis, die es in unterschiedlichen Geschmäckern und Einfärbungen gibt –, sie lässt sich vor allem auftauen, wenn’s mal etwas länger dauert, wenn Shakespeare auf seiner Redezeit beharrt. Das Dilemma, das Kurzel nicht in den Griff bekommt, kennt man von schlechten Opernregisseuren, meistens jene, die selbst keine Noten lesen können, und die eben schnell ein Bild auftauen, wenn ihnen mal für acht Takte die Puste ausgeht. Bald schon merkt man, dass Kurzel den Abstandhalter zwischen Form und Inhalt nicht herausgeschraubt bekommt; vermutlich will er das auch gar nicht oder traut sich nicht. Sehr schnell legt sich über den Film eine Patina der Beliebigkeit. Shakespeare gegenüber – und das entlarvt auch seine etwas infantile Brutalo-Manier – ist er hörig wie ein kleines Kind, er lässt sich ordentlich von ihm ausbremsen, auch wenn er sich selbst für den sexy Einfall bekichert, Macbeth oben ohne aus dem Teich steigen zu lassen, wie einen viktorianischen James Bond.

Ein quietschendes aber schläfriges Spektakel

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Schnell – und das zeigt, dass es Kurzel nicht an der Idee mangelt, sondern am Interesse an der eigenen Idee – stehen die Zeitlupen und Zeitraffer, die Jump Cuts und die Reißschwenks nicht mehr im Zeichen eines dynamistischen Programms, das sich zu einer eigenlogischen Perspektive bekennt, sondern wirken wie der Lagerbestand eines Kaufhauses, das die Schaufenster voll kriegen muss. Auch deshalb ist das ganze Spektakel mit einem quietschenden, dröhnenden und polternden Score durchorchestriert, als wäre durch dieses Getröte ein stabiler Standpunkt garantiert. Es geht nicht darum, Kurzel Monoperspektivität vorzuwerfen, das wäre auch ein schlechtes Argument, sondern dass er diese Perspektive nur dehnen oder stauchen kann, dass er sie nicht vertiefen kann, dass er in seiner Bilderproduktion stagniert, dass er über dem Originaltext, selbst in dieser dezimierten Variante, eingeschlafen ist; da hilft das ganze schöne schlechte Wetter nichts.

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Kommentare


Colin

Film ist ein visuelles Medium. Gigantischer Film. Kein Wort über die sensationellen Schauspielerleistungen? Monoperspektivisch :)






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