Lucy

Eine 18jährige allein erziehende Mutter versucht ihr Leben auf die Reihe zu bringen. Das ist einfacher gesagt, als getan, wie dieses gut beobachtete Jugenddrama beweist.

Lucy

Zur Genüge wurde unter der Überschrift „Deutschland stirbt aus!“ in den letzten Monaten über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf debattiert. Wir brauchen Kinder, weil sie unsere Rentenkasse sanieren können, lautet eine oft geäußerte reduzierte Sichtweise auf das Demographie-Thema. Über die Vereinbarkeit mit einem selbst, mit den eigenen alltäglichen Wünschen und Bedürfnissen, besonders dann, wenn man selber gerade erst den Kinderschuhen entwachsen ist, wird abgesehen von Schlagzeilen über spektakuläre Teenager-Schwangerschaften kaum ein Wort verloren. Henner Winckler beschreibt in seinem zweiten Spielfilm, wie ein solcher Alltag aussehen kann. Lucy, so der Titel seines Films, ist in Zusammenarbeit mit dem ZDF und dessen renommierter Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ entstanden.

Die 18jährige Maggy (Kim Schnitzer) ist soeben Mutter geworden. Lucy heißt ihre Tochter, mit der sie aus Mangel an Alternativen noch bei ihrer Mutter Eva (Feo Aladag) wohnt. Obwohl die Kleine einiges an Arbeit und Verantwortung von Maggy abverlangt, versucht sie den Kontakt zu ihren alten Schulfreundinnen nicht abreißen zu lassen. Dabei merkt sie alsbald, dass der Spagat zwischen Kinderbetreuung und dem Leben als „normaler Teenager“ allzu oft nicht durchzuhalten ist. Während Lucys Erzeuger in ihrem Leben keine Rolle mehr spielt, lernt sie eines Abends in einer Diskothek Gordon (Gordon Schmidt) kennen. Aus einem Flirt wird schnell mehr und bereits nach wenigen Wochen zieht Maggy bei ihm ein. Anfangs herrscht dort so etwas wie ein kleines Familienidyll. Gordon scheint Lucy ins Herz geschlossen zu haben und aus Liebe zu Maggy über manche Einschränkung in seinem Lebensstil hinwegsehen zu können.

Lucy

Aus dieser Konstellation entwickeln Winckler und sein Co-Autor Stefan Kriekhaus eine geradezu spektakulär unspektakuläre Geschichte. Einen klassischen Plot vermag man kaum auszumachen. Vielmehr bestimmt den Film eine sehr sprunghafte Struktur, die wie ein eher zufällig wirkendes Zapping aus Maggys Alltag einzelne Momente und Situationen herausgreift, diese kurz beleuchtet, um dann zur nächsten Szene überzugehen. Wincklers Anspruch ist es, dem Zuschauer einen Charakter und keine Story näher zu bringen, was sich nach Filmende im Idealfall in einem Gefühl der Vertrautheit niederschlagen kann. Die unkohärente Erzählweise mag den Zugang erschweren, an Kim Schnitzers souveränem Schauspiel sollte es jedenfalls nicht liegen, wenn Maggys Schicksal einen nicht gänzlich erreicht. Sie haucht dieser Person Leben ein, in dem sie mit nur wenigen Blicken und Gesten die ganze innere Zerrissenheit und Unruhe pointiert offenlegt. Schnitzer könnte sofort als jüngeres Nora Tschirner-Double durchgehen, nicht nur rein optisch, auch in ihrer Körpersprache und Mimik ähneln sich die beiden Berlinerinnen. Wie Tschirner in Soloalbum (2003) versteht sie sich auf ein sehr reduziertes Spiel, das sich als Gegenpol zum Overacting charakterisieren lässt.

Wincklers Arbeitsweise kennzeichnet besonders ein Verzicht auf jegliche zusätzliche musikalische Untermalung. Dem Zuschauer soll nicht vorgeschrieben werden, was er zu denken oder zu fühlen hat. In Kombination mit einer ruhigen Kamera und dem Weglassen sonstiger technischer Spielereien umgibt sein Werk eine sehr puristische Atmosphäre. Nichts und niemand darf sich zwischen Maggy und das Publikum stellen. Die teils improvisierten Dialoge, hier greift Winckler auf die Erfahrung seines jungen Ensembles zurück, kommen der authentischen Schilderung des Milieus zu Gute. Dass diese spröde beinahe als nüchtern zu bezeichnende Inszenierung einem tiefen Mitempfinden mitunter auch im Wege steht, gehört zu den Schattenseiten einer solchen Erzählweise. Der Zuschauer bleibt ein Beobachter, und, obwohl eigentlich so dicht dran an Maggys Alltag, emotional immer einen Schritt auf Distanz.

Lucy

Lucy ist trotz seines Sujets kein pessimistischer Problemfilm. So vermeiden Winckler und Kriekhaus in der Darstellung ihrer Jugendlichen auf überzeichnete drogen- und sexfixierte Charaktere zurückzugreifen, wie sie sich in Larry Clarks Suburbia-Dramen (Kids, 1995; Ken Park, 2002) zuhauf wiederfinden, und wofür sich dieser in regelmäßigen Abständen Anfeindungen ausgesetzt sieht. Clarks Protagonisten flüchten sich aus Perspektivlosigkeit und Langeweile in die unterschiedlichsten Rauschzustände. Von dieser Welt erwarten sie längst nichts mehr. Maggy und ihre Freunde erscheinen dagegen als vielschichtige, zuweilen auch widersprüchliche Persönlichkeiten, die noch eine Idee davon haben, was sie in ihrem Leben erreichen möchten. Das macht Lucy zu einer durchaus bereichernden Filmerfahrung, wenngleich der Art der Inszenierung der Geschmack einer verpassten Chance anhaftet.

 

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