Lowlife Love

Wenn die Muse einen anderen vögelt: Eiji Uchida hackt auf der japanischen Filmbranche rum.

Lowlife Love 04

Tetsuo (Kiyohiko Shibukawa) holt sich einen runter. In der rechten Hand hält er das eigene Glied, in der linken die Sedcard einer Nachwuchsdarstellerin. Hinter ihm hängen die Überbleibsel einer besseren Zeit: rechts ein Easy-Rider-Poster, links ein Porträt von John Cassavetes. Der japanische Indie-Film ist vor die Hunde gekommen, schreit Eiji Uchidas Lowlife Love dem Zuschauer bereits in diesen ersten Einstellungen entgegen. Während Regisseur Tetsuo bereits ganz unten ist – was der Film noch einmal unterstreicht, als ihn wenig später seine Tochter beim Masturbieren erwischt –, suchen die naiven Nachwuchstalente Ken (Shûgo Oshinari), Minami (Maya Okano) und Regieassistent Mamoru (Yoshihiko Hosoda) einen Einstieg in die Welt des Films. Ihre Schicksale verfolgt der Film aber nur am Rande. In erster Linie ist Lowlife Love ein satirischer Großangriff auf die japanische Independent-Filmszene.

Zirkus der Unabhängigen

Lowlife Love 03

Eiji Uchida produziert selbst seit 2008 Filme außerhalb des japanischen Studiosystems. Spätestens mit seinem Sozialhorror-Cocktail Greatful Dead (2013) fand der in Brasilien geborene Rückkehrer dafür auch internationale Beachtung. In Lowlife Love schickt er nun, mit wieder sichtbar knappem, via Kickstarter generiertem Budget, eine Reihe namhafter japanischer Darsteller in den Kampf gegen das Arbeitsumfeld abseits der Filmstudios. Nach eigener Aussage bleibt Uchida dabei „sehr nah an der Realität“. Eine Realität, in der Ohrfeigen für Widerworte ebenso selbstverständlich verteilt werden wie Blowjobs für Nebenrollen. Der bunte Indiefilm-Zirkus aus leeren Worten, hippen Bandshirts und allgegenwärtiger Egomanie dreht sich dabei so lange im Kreis, dass Altregisseure und Newcomer gleichermaßen moralisch vor die Hunde gehen.

Hong-Sang Soo im Hochofen

Lowlife Love 02

Der Plot verteilt sich um diesen Status quo wie die leeren Bierflaschen auf den Bartischen, um die sich die Filmschaffenden immer wieder sammeln. Im Mittelpunkt der Flaschenfriedhöfe stehen Regisseure wie Tetsuo, überhebliche Autorenfilmer, die von ihren Studenten und Assistenten ihres Namens wegen angehimmelt werden. Das Scheitern dieser auf Alkohol und Narzissmus gebauten Beziehungen vollzieht der Film in ständigen Wiederholungen. Bei dieser Struktur erscheint es, als teilte sich Lowlife Love ein Fundament mit einem Hong-Sang-Soo-Film. Doch die Rohmasse der Filmgrammatik, die der Südkoreaner Hong, in ständigen Variationen, aufheizt und abkühlt, um aus ihr Figurenkonstellationen und Beziehungen neu zu formen, verliert bei Uchida ihre Elastizität. Lowlife Love ist eine spröde Antithese zum filmischen Schaffen Hong-Sang Soos. Menschen treffen hier aufeinander wie Eisen auf Eisen. Die Protagonisten reiben sich wie verformte Zahnräder in ständiger Wiederholung aneinander, um Energie für einen abfälligen Blick auf die japanische Filmwelt zu generieren. Wo Hong die Zeit in ständig wiederholten Arbeitsschritten zu vielen Schichten der gleichen Legierung formt, hämmert Uchida mit gleicher Kraft auf ein einziges Stück ein, bis es zu glühen beginnt. Die Hitze, mit der Lowlife Love zynische Abrechnung und satirische Überzeichnung zu einem Amalgam der japanischen Filmindustrie verschweißt, lässt sich dabei schwer aushalten, was mitunter auch am pedantischen Gestus liegt, mit dem Uchida das eigene Milieu immer wieder durch den Dreck zieht.

Missbrauch der Musen

Lowlife Love 06

Szene für Szene legt er seinen Figuren neue Statements gegen das Indiefilm-Establishment in den Mund. „Wenn wir nichts tun, ist der japanische Film am Ende“, verkündet Tetsuo vor der Schauspielprobe, bei der er seine Muse Minami mit wiederholtem Befingern ihrer Brüste in die gewünschte Gefühlslage lenkt. Eine Masche, die der Film alle Regisseure und Produzenten ausleben lässt und die alle weiblichen Figuren erdulden müssen. Minami wandelt sich in Folge der Übergriffe vom jungfräulichen Jungtalent zur eiskalten Schauspielhure, die Tetsuo für ihre Karriere links liegen lässt und sich fortan vor dem Sex einen Vertrag über eine Hauptrolle unterschreiben lässt. Das kehrt zwar das Machtverhältnis der sexuellen Nötigungen kurzzeitig um, spielt aber letztlich ebenso wenig eine Rolle wie die Integrität des jungen Ken, der sich nicht auf die Spielchen der Filmwelt einlässt und dafür alsbald in die erzählerische Bedeutungslosigkeit verschwindet. Uchidas Auge ist nur auf die Filmindustrie gerichtet. So wiederholen sich die Übergriff-Scharmützel, bis sich Lowlife Love schließlich zu einem „Liebe ist…“-Cartoon über die japanische Filmindustrie verhärtet, dessen Bildüberschriften man mit den Paragrafen des Sexualstrafrechts austauschen könnte.

Umso erstaunlicher wirkt in diesem Kontext eine Szene, in der sich eine der stets forcierten Liebesbeziehungen in einen zärtlichen Moment auflöst. Von den eigenen Misserfolgen entmutigt, sitzt Tetsuo einmal allein auf dem Parkplatz. Nur sein ehemaliger Assistent Mamoru, seit Jahren in ihn verliebt, steht ihm auch jetzt noch beiseite. Als der ihn aufmuntert und umarmen möchte, weist Tetsuo ihn nicht wie gewohnt ab, sondern lässt ihn gewähren. „Nur dieses eine Mal“, sagt der Regisseur mit dem einzig ehrlichen Lächeln des Films, bevor er ihre Freundschaft mit einem Kuss besiegelt. Kurz darauf geht es gemeinsam zurück an die Arbeit. Wie soll man sonst wieder was zu vögeln bekommen?

Trailer zu „Lowlife Love“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.