Life

Mit seinem vierten Kinofilm ist Anton Corbijn bei sich selbst angekommen: Die Geschichte über Dennis Stock, einen Fotografen, der mit ikonischen Bildern des jungen James Dean berühmt wurde, ist eine künstlerische Selbstreflexion.

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In einem Essay für die Zeitschrift „epd Film“ deutete Georg Seeßlen Anton Corbijns fotografisches wie filmisches Schaffen als Ausdruck einer protestantischen Prägung (tatsächlich waren Vater und Großvater des Regisseurs Pastoren): „Vielleicht könnte man behaupten, dem protestantischen Bild ginge es mehr um Tiefe als um Breite, mehr um Reduktion als um Fülle, mehr um das Zentrum als um die Peripherien.“ Was als pauschale Zuschreibung problematisch ist, funktioniert als Annäherung an die Bildwelten Corbijns aber durchaus. Denn auch aus Life spricht eine Haltung, die sich eher durch einen handwerklichen, geradezu demystifizierenden Blick auf Kunst auszeichnet, sei es in der Fotografie oder beim Film. Dafür findet Corbijn wie auch in seinen bisherigen Filmen Control (2007), The American (2010) und A Most Wanted Man (2013) in sich ruhende, so sorgsam wie genau komponierte Bilder von karger Schönheit.

Über die Entstehungsbedingungen von Kunst

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Life dreht sich um den jungen Fotografen Dennis Stock (Robert Pattinson), der als Auftragsfotograf auf dem roten Teppich in Hollywood die Stars fotografiert. Auf einer Party des Regisseurs Nicholas Ray lernt Dennis den charismatischen „Jimmy“ aka James Dean (Dane DeHaan) kennen. Beeindruckt von dessen demonstrativ zur Schau gestellter Coolness und Gelassenheit, versucht Dennis seinen Agenten davon zu überzeugen, ihm einen Auftrag für eine Fotostrecke des noch unbekannten Schauspielers im prestigeträchtigen Life-Magazin zu organisieren. Doch sowohl der unter den Anzeichen sich anbahnenden Weltruhms leidende und immer zurückgezogener lebende Dean wie auch Dennis’ eigene Unsicherheit und prekäre Finanzlage stehen den beiden Protagonisten im Weg. Ersterer möchte den Prozess der eigenen Vermarktung nicht zusätzlich beschleunigen, Letzterer will unbedingt Fotos für ein Portfolio sammeln, um endlich eine eigene Ausstellung zu organisieren.

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Life nimmt sich viel Zeit, die ökonomischen wie auch persönlichen Bedingungen, unter denen Kunst entsteht, zu reflektieren. Der freischaffende Fotograf Dennis muss sich mit stupiden Auftragsarbeiten über Wasser halten, die nichts mit der künstlerischen Vision zu tun haben, die er verfolgen möchte. Als er deren Verkörperung eben in James Dean zu erkennen glaubt, folgen nicht enden wollende Gespräche mit dem unzuverlässigen Jungstar sowie mit skeptischen Auftraggebern. Sein Privatleben liegt darüber in Trümmern. Von seiner New Yorker Exfreundin und dem gemeinsamen Sohn ist er durch das ständige Reisen vollends entfremdet. Und nach dem hastigen Sex mit einer Unbekannten, die eigentlich ein Auge auf James geworfen hatte, kann diese sich schon wenige Minuten später nicht mehr an Dennis’ Namen erinnern.

„That kid is history“

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Bei seinen Treffen mit James sind die Momente, aus denen später ikonografische Fotos entstanden, von Corbijn weniger als von einmaliger Inspiration durchdrungene Höhepunkte denn als scheinbar beiläufige Schnappschüsse inszeniert, für deren Zustandekommen aber tatsächlich viel Arbeit und Geduld notwendig ist. Konsequenterweise finden sich in Life auch keine Szenen, die James Dean „in action“, also bei Dreharbeiten oder am Theater zeigen. Pressetermine, ernüchternde Telefonate mit Studioboss Jack Warner und entnervende Vorbereitungen für Galaabende sind hier Ausdruck eines nüchternen Blicks auf das Filmgewerbe – dessen Produktionsbedingungen, so suggeriert Life, einem rebellischen Ausnahmetalent wie James Dean keine andere Perspektive bieten als den schnellen Aufstieg und den noch schnelleren Fall. Wunderbar spielt Dane DeHaan den Darsteller dabei als undurchsichtigen, zwischen Apathie und Impulsivität changierenden Charakter, der in den unterschiedlichen Welten von Hollywood, New York und Indiana so antriebslos wie verloren wirkt. Als James nicht zur New Yorker Premiere von Elia Kazans Jenseits von Eden (East of Eden, 1955) erscheint, sagt der als rücksichtsloser Unternehmer präsentierte Jack Warner nur süffisant: „That kid is history“.

Feinmotorische Melancholie

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Unübersehbar bleibt in Life, dass Anton Corbijn zuerst Fotograf und erst in zweiter Linie Filmemacher ist, und das nicht nur, weil er zu Beginn einen symbolträchtigen Cameo-Auftritt als Fotograf auf dem roten Teppich hat. Tatsächlich kann der Zuschauer den Film fast wie eine Fotosammlung durchblättern. Life entdramatisiert zu nennen, ginge vielleicht zu weit, auf sich zuspitzende, zwingende Höhepunkte verzichtet er aber zugunsten einer kontemplativen, eher beobachtenden als involvierenden Bildsprache, die durch den Score des kanadischen Multiinstrumentalisten Owen Pallett dezent untermalt wird. Interessant ist dieser Ansatz vor allem deswegen, weil er einen markanten Gegensatz zu der hitzigen, expressiven Ästhetik markiert, die mit James Dean und seinen Filmen assoziiert wird. Dadurch legt Corbijn den Blick frei, um eine andere, entschleunigtere Perspektive auf den Mythos James Dean zu bieten. So ist Life ein Film, dessen feinmotorische Melancholie trotz der objektiven Distanz, die zu den Figuren gewahrt wird, tief berührt.

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