Die schönen Tage

Töpfern oder lieben: die Entscheidungskrisen einer Sechzigjährigen.

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Innerhalb weniger Wochen kamen in diesem Jahr zwei Filme in die französischen Kinos, die eine gesellschaftliche Unerhörtheit thematisierten: Eine ältere Frau liebt einen jüngeren Mann. Während das umgekehrte Modell durchaus akzeptiert ist, bleibt diese Konstellation auch im Kino heute noch die Ausnahme. David Moreau inszeniert mit 20 ans d’écart eine pfiffige Romantic Comedy, in der sich eine 38-Jährige in einen 20 Jahre jüngeren Mann verliebt. Mit dem Drama Die schönen Tage (Les beaux jours) erzählt die Regisseurin Marion Vernoux die Amour fou zwischen der 60-jährigen Caroline (Fanny Ardant) und dem knapp 40-jährigen Julien (Laurent Lafitte). Um die Enttäuschung gleich vorwegzunehmen: Das subversive Potenzial ihres Themas schöpft Vernoux auch nicht ansatzweise aus, sondern offeriert einen melancholisch-tröstlichen Film für eine Klientel von Zuschauern, die sich vermeintlich mit ihrem Alter versöhnen wollen. Geht es doch eigentlich mehr um die Lebens- und Sinnkrise einer Frau zu Beginn ihres Ruhestandes.

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Um ihren neuen Lebensabschnitt etwas zu versüßen, schenken Carolines erwachsene Töchter ihr ein Abonnement in einem Rentnerclub, wo Aktivitäten von Schauspiel über Töpferei bis zu Computerkursen angeboten werden. Widerstrebend begibt sich die sehr bourgeoise und sehr stolze Caroline dorthin, um diesen Ort voller Entrüstung ob der Übergriffigkeit der Schauspiellehrerin sofort wieder zu verlassen. Wenn da nur nicht der Informatiklehrer Julien wäre, der sich in eine Charmeoffensive stürzt, die am gleichen Tag noch auf dem Rücksitz seines Autos endet … Es scheint wenig überraschend, dass sich diese immer noch attraktive Frau, angeregt von der unerwarteten Wiederkehr des Begehrtseins, auf das Abenteuer einlässt, zunächst zögerlich, irgendwann mit Haut und Haar. Mit Fanny Ardant hat die Regisseurin einen der wenigen richtigen guten Griffe getan. Die Schauspielerin ist brillant in ihrer Rolle und strahlt immer noch die kühle Erotik und fatale Verführung aus, die 1981 schon Gérard Depardieu in Truffauts Meisterwerk Die Frau nebenan (La femme d’à côté) ins Verderben stürzte.

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Mit keiner Einstellung reicht der Film an die erhabene Schönheit seiner Hauptdarstellerin heran. Carolines Lebenskrise behauptet Vernoux, indem sie im Vorspann raue Bilder des Containerhafens von Dunkerque mit unscharfen und verwackelten Bildern von Caroline in ihrem Hause wechselt. Bedeutungsschwangere Kamerafahrten begleiten die ewigen Spaziergänge der Figuren auf der Uferpromenade, Wind zerzaust das Haar, Wellen peitschen über das Meer, die Schweizer Sängerin Sophie Hunger singt in einer melancholischen Coverversion von Noir Désirs „Le vent nous portera“ von Vergänglichkeit und Zuversicht: Soll ich oder soll ich nicht (ihn anrufen / den Ehemann verlassen / das Ehrenamt zusagen)? Mit gutem Willen kann man hier ein (intendiertes?) Zitat von Jacques Demys Die blonde Sünderin (La baie des anges, 1962) erkennen. Dennoch bleibt das Herhalten der Naturgewalten am Meeresstrand für jegliche Art von Lebenskrise ein Klischee. Klischeehaft ist auch die Veränderung von Carolines äußerer Erscheinung, die plötzlich die blonden Haare wieder mädchenhaft offen trägt. Klischeehaft sind die diversen Nebenfiguren aus dem Rentnerclub, die ehemalige Nymphomanin, die liebenswürdige Naive, der einsame Witwer.

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Ganz besonders schade ist die Eindimensionalität der Figur des jungen Liebhabers. In wenigen Dialogzeilen deutet sich in Julien eine durchaus interessante, komplexe Persönlichkeit an, die aber im Laufe der Geschichte nicht weiterentwickelt wird. So reserviert ihm der Film eine rein funktionale Rolle ohne psychologische Tiefe, ein „déclencheur“, ein Auslöser für die Entwicklung von Caroline. Dass es nicht eigentlich um die unmögliche Begegnung zweier Menschen geht, sondern schlicht um den Reiz der Transgression, zeigt sich auch in der Assoziation der Affäre mit Alkohol und Drogen. Im Endeffekt bleiben Caroline und Julien Fremde füreinander.

Der Film endet in einer ausgelassenen Szene am Strand. Noch mal Sophie Hunger. Versöhnung mit dem eigenen Alter, Versöhnung mit dem Ehemann, wiedererwachende Erotik im Ehebett, alles wird gut. Love etc. (1997), in dem Marion Vernoux eine berührende Dreiecksgeschichte mit Charlotte Gainsbourg, Yvan Attal und Charles Berling erzählt, endet ebenfalls am Strand, in einer sehr poetischen Szene voller Humor und Ratlosigkeit. Diesen Ton, diese Tiefe hätte auch das Thema von Die schönen Tage verdient gehabt.

Trailer zu „Die schönen Tage“


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