I Am Divine

Jeffrey Schwarz setzt der Drag Queen Divine ein filmisches Denkmal und illustriert ein lebenslanges Rollenspiel. Die Transgression hält er dabei eher auf Distanz.

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„He could never pass as normal“, erzählt der Trash-Regisseur John Waters in einer Interview-Passage über den jungen Harris Glenn Milstead, der ihm einst im Baltimore der 1960er Jahre an einer Bushaltestelle aufgefallen war. In der Rolle des normalen (das heißt: gewöhnlichen, unscheinbaren) Bürgers wusste Milstead nicht recht zu überzeugen – und auch die Garderobe (ebenso könnte man sagen: Verkleidung) eines solchen Bürgers stand ihm nicht allzu gut.

Dass das Dasein der späteren Drag Queen Divine vor dem künstlerischen Durchbruch mindestens genauso viel mit Schauspiel zu tun hatte wie die schrill-bunte Phase danach – nur weitaus weniger erfolgreich verlief –, gehört zu den Erkenntnissen, die man in Jeffrey Schwarz’ Dokumentarfilm I Am Divine gewinnen kann. Das Leben ist Theater, und als Sohn konservativer Eltern sowie als ordinary high school kid mit nett-naiver Freundin war Milstead eine vergleichsweise glücklose Besetzung. Neben den Äußerungen besagter Ex-Freundin sind es insbesondere die keineswegs schönfärbenden Schilderungen der Mutter, die ein nachvollziehbares Bild vom Erwachsenwerden des Protagonisten dieses Films entstehen lassen.

Drangsalierende Hummer, entsetzte Eltern

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Vor der Kamera des Jungfilmers John Waters sollte dem korpulenten Außenseiter bald eine entschieden bessere Performance gelingen. Schwarz zeigt Ausschnitte aus Waters’ frühen Arbeiten – etwa Eat Your Makeup (1968), Mondo Trasho (1969) und Multiple Maniacs (1970) – und lässt den exzentrischen writer-director anekdotenfreudig Revue passieren. Auch zahlreiche Dreamlanders – jene selbst ernannten freaks, die Waters’ derben Ultra-Low-Budget-Movies als wiederkehrende Akteure erst deren unverwechselbare Gestalt gaben – kommen in I Am Divine zu Wort, um über ihre Erlebnisse mit Milstead beziehungsweise Divine zu berichten. Als Divine entwickelte sich Milstead rasch zum Star der Gruppe – wobei Schwarz die Unvereinbarkeit der Rollen, die der damalige Mittzwanziger parallel einnahm, durch eine Bild-Ton-Kontrastierung verdeutlicht: Die Aufnahmen der grell geschminkten und schräg ausstaffierten Drag Queen, die unter lautem Geschrei von einem überdimensionalen Fake-Hummer drangsaliert wird, werden unterlegt mit den Worten von Milsteads Mutter, sie habe ihren Sohn gebeten, nichts zu tun, was sie und ihren Mann beschämen und den Ruf der Familie ruinieren würde. Es kam zum Bruch – und erst viele Jahre später wieder zu einer Versöhnung.

Die Konformität des schlechten Geschmacks

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Weniger pointiert ist der Dokumentarfilm, wenn es um das Verhältnis zwischen Waters und Divine geht – dem Regisseur und seiner beherzten Muse. So lässt sich aus den Äußerungen diverser Weggefährten sowie von Waters selbst schließen, dass die beiden – neben dem Wunsch, schnell berühmt zu werden, und einer Vorliebe für das Abseitige – eine Mischung aus Freundschaft und Abhängigkeit verband. Auf den heiß ersehnten Ruhm folgte großer gegenseitiger Dank – doch im Laufe der Zeit erwuchs vonseiten Divines auch eine gewisse Verachtung für das gemeinsam Geschaffene. Denn Milstead sah sich erneut in einer Rolle, in welcher keine Abweichung von der Erwartung willkommen schien – indes die Erwartung nun nicht mehr (wie in seiner Kindheit und Jugend) in Richtung Konformität, sondern in Richtung der möglichst konsequenten Verletzung sämtlicher Grenzen des sogenannten „guten Geschmacks“ ging.

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Natürlich widmet sich I Am Divine ausführlich den tabubrechenden Underground-Movies Pink Flamingos (1972) und Female Trouble (1974): In diesen zeichnet sich die Divine-Persona – eine Gemeinschaftskreation von Milstead, Waters und costume designer/make-up-artist Van Smith – durch eine strikte Verweigerung klassischer Begriffe von Schönheit sowie eine gehörige Portion Wut und Anarchismus aus. Nicht minder subversiv ist allerdings Divines relativ „zahm“ wirkendes Spiel in Polyester (1981), welches bei Schwarz in gleichem Maße Berücksichtigung findet. In jener Satire bildet Divine als middle class housewife das Zentrum einer übertriebenen Leidensgeschichte, wie sie zuvor eher von wunderschönen Melodram-Heldinnen im Classical-Hollywood-Kino durchgestanden werden musste.

Keine Geschmacklosigkeit der Mittel

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Neben der Erinnerung an einzelne Filme zeigt I Am Divine auch, dass die titelgebende Drag Queen vor allem durch ihre Erscheinung eine Wegbereiterin war: „You saw those looks on people years later“, meint etwa der Filmkritiker Dennis Dermody über Divines Pre-Punk-Styling in Female Trouble. Als Monument für eine Ausnahmeerscheinung ist dieses mit erkennbarem Rechercheaufwand entstandene Dokumentarwerk daher fraglos zu würdigen. Schade ist jedoch, dass Schwarz formal recht gängige Methoden wählt, um von der Transgression zu erzählen. Die biografischen Stationen von Milstead/Divine werden weitgehend chronologisch durchlaufen: das Heranwachsen, die Schauspielkarriere von den drastischen Anfängen bis zum Männer-Part in Alan Rudolphs Kriminalfilm Diamantenfieber (Trouble in Mind, 1985) sowie der beginnenden Mainstream-Anerkennung mit Waters’ Dramedy-Musical Hairspray (1988), zwischendurch noch die Bühnenauftritte in San Francisco und New York City sowie die Chart-Erfolge als Sängerin von Hi-NRG-Hits – schließlich dann der frühe Tod mit 42, der mit Milsteads starkem Übergewicht zusammenhing. All das wird durch Fotos, Animationen, Videoaufnahmen, Filmausschnitte und Talking-Heads-Einschübe präsentiert – was eine wirkungsvolle, aber eben auch ziemlich herkömmliche Vorgehensweise ist. Versucht man einer Persönlichkeit, die in vielen Bereichen das Gegenteil von „herkömmlich“ verkörperte, auf solchem Wege beizukommen, lässt sich eine gewisse Enttäuschung wohl kaum vermeiden.

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Kommentare


ule

Eine konventionell aufgemachte , etwas langatmige Doku, die recht krampfhaft versucht, aus der dicken , naiv dümmlichen, drogensüchtigen Divine etwas besonders wertvolles herauszuschälen, was nie da war. Ein stark auf den Markt "transgender/ gay-queer " zielender Versuch, aus einem kaputten, homosexuellen Drogen und Fress- Junkie etwas großes zu schnitzen. Der Versuch scheitert m.E. kläglich. Peinlich geradezu die wenigen Interviewschnippsel, in denen der dicke ungeschminkte Mann, der vorgibt, Divine zu sein, auftritt und etwas niveauvolles von sich geben möchte, aber siehe da, die alten Geister sind schon wieder da. Es interessiert nur die fette Krawallschachtel, die einmal direkt und pöterwarm von einem Köter Exkremente gegessen hat. Das wurde gefilmt und machte auch den "Regisseur" von P.F. wiederum einigermaßen berühmt . Derselbe ist dann auch das wirklich Interessante an dem Film. John Waters sagt in seinen Minuten zwischen den Zeilen mehr über Divine als, fast alle anderen, die hier zu Wort kommen.






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