Harlan - Im Schatten von Jud Süss
Er hat den berüchtigsten antisemitischen Hetzfilm gedreht. Wie gehen die Kinder und Enkelkinder Veit Harlans mit diesem Erbe um? Felix Moellers Dokumentarfilm zeigt eine zerrissene Familie „im Schatten von Jud Süss“.
20 Millionen Deutsche haben Jud Süss (1940) gesehen – und noch einmal 20 Millionen Zuschauer in Europa. Der erfolgreiche Film, den Propagandaminister Goebbels in Auftrag gegeben hatte, sollte allen SS- und Polizeieinheiten gezeigt werden, um sie psychologisch auf den Massenmord einzustimmen. Die unverblümte Hass-Schmonzette vom gierigen Juden und der geschändeten arischen Unschuld fand auch cineastischen Beifall. Auf dem Filmfestival in Venedig erhielt sie den Goldenen Löwen. Regisseur Veit Harlan haute in die Klaviatur des Kitsches und der rassistischen Klischees wie niemand sonst im „Dritten Reich“. Als einziger Künstler aus der NS-Zeit wurde er nach dem Krieg wegen „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ angeklagt. Ein ehemaliger Nazi-Richter sprach ihn zweimal frei.
An seinen ältesten Sohn Thomas hatte Veit Harlan während der Dreharbeiten zu Jud Süss eine Ansichtskarte geschickt: „Du weißt gar nicht, wie gern die Juden hier mit mir arbeiten.“ Die Komparsen waren aus der jüdischen Gemeinde Prags beordert worden, um im Dienste ihrer kommenden Vernichtung Karikaturen ihrer selbst zu spielen. Thomas Harlan wurde später zum größten Kritiker seines Vaters. Wie er sich als politischer Aktivist, als Autor und Filmemacher immer wieder mit dem erdrückenden Erbe quälte und herausforderte, zeigte 2007 der Interviewfilm Thomas Harlan – Wandersplitter. Mit Harlan – Im Schatten von Jud Süss erweitert Felix Moeller den Blick auf die gesamte Familie. Veit Harlan hatte drei Söhne und zwei Töchter aus seinen Ehen mit den Schauspielerinnen Hilde Körber und Kristina Söderbaum. Nicht alle wissen die offene Auseinandersetzung von Bruder Thomas zu schätzen. Dem Historiker und Filmautor Moeller ist es zwar gelungen, jedes Familienmitglied vor die Kamera zu holen (Susanne Körber, die wie ihre Schwester Maria den Namen der Mutter angenommen hat, beging 1989 Selbstmord), aber es gibt kein gemeinsames Gespräch. Auch die Enkel besuchen zwar als Gruppe eine Ausstellung zu Jud Süss, treten darüberhinaus jedoch nicht miteinander in Kontakt. Entweder war der Regisseur hier zu diskret, oder die Sippschaft ist zu zerstritten.
So entsteht ein Nebeneinander von Interviews, bereichert durch Material aus dem Familienarchiv und Szenen aus Jud Süss. Zunächst wirkt die konventionelle Machart des Dokumentarfilms mit einsetzendem Sprecherkommentar zu Beginn und Untermalungsmusik abschreckend und zu sehr aufs Fernsehformat zugeschnitten. Doch dann entfaltet sich mit den verschiedenen Aussagen ein ganzes Panorama des Umgangs mit der Vergangenheit: von den biografischen Verletzungen, Kämpfen und Abwehrreaktionen der zweiten Generation bis zur Annahme der Familiengeschichte und Neugier bei den Enkeln. „Meine Partei ist die Kunst“, hat Veit Harlan einst zu seiner Rechtfertigung gesagt. Seine Enkel wollen auch mit der Verantwortung leben.
Filmkritik von Sonja M. Schultz
Veröffentlicht am 14.04.2009
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Film-Angaben
Titel: Harlan - Im Schatten von Jud Süss
Deutschland 2008
Laufzeit: 100 Minuten
Regie: Felix Moeller
Drehbuch: Felix Moeller
Produktion: Amelie Latscha, Felix Moeller
Bildgestaltung: Ludolph Weyer
Montage: Anette Fleming
Musik: Marco Hertenstein
Darsteller: Thomas Harlan, Maria Körber, Caspar Harlan, Kristian Harlan, Jan Harlan, Christiane Kubrick, Jessica Jacoby, Alice Harlan, Chester Harlan, Nele Harlan, Lotte Harlan, Lena Harlan, Stefan Drößler
Kinostart: 23.04.2009
DVD-Angaben
Titel: Harlan - Im Schatten von Jud Süss
Vertrieb: Salzgeber & Co Medien GmbH
Bild: Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an., Der Vertrieb gibt das Bildformat mit „Widescreen“ an.
Sprache(n): Deutsch (DD 2.0/Stereo)
Untertitel: Deutsch, Englisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 100 Minuten
Extras: Interview mit Alexander Kluge; Booklet
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 08.12.2009
Copyright Harlan - Im Schatten von Jud Süss
Fotos: © Edition Salzgeber
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