Godard trifft Truffaut - Deux de la Vague

Geschichte einer Freundschaft: Anhand der Biografien von Truffaut und Godard entfalten Emmanuel Laurent und Antonie de Baecque das Porträt einer der zentralen Epochen der Filmgeschichte.

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Es gibt Menschen, die ihr Leben scheinbar einem einzigen Thema gewidmet haben. Demnach ist Antoine de Baecques Lebensthema die Nouvelle Vague. Der französische Autor, Filmhistoriker und ehemalige Chefredakteur der legendären Cahiers du cinéma hat eine ganze Reihe von kulturhistorischen Büchern über jene Epoche um die 1950er Jahre geschrieben, in der sich aus der Begeisterung für Kino und Jugend die filmästhetische Revolution der Nouvelle Vague erheben sollte.

Für Godard trifft Truffaut - Deux de la Vague (Deux de la vague) hat dieser brillante Kopf das Drehbuch geschrieben und leiht seine Stimme dem allgegenwärtigen Off-Kommentar. Der Dokumentarfilm erzählt die bewegende Freundschaft zwischen François Truffaut und Jean-Luc Godard, den beiden zentralen Persönlichkeiten der Nouvelle Vague. Es erscheint nur logisch, dass sich der Dokumentarfilmer Emmanuel Laurent ausgerechnet de Baecque als Partner für dieses ambitionierte Projekt ausgesucht hat. Denn dieser hat mit Abstand die besten Biografien abgeliefert, die bis dato über die beiden großen Filmemacher geschrieben wurden.

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Bereits 1996 erschien das monumentale Werk über François Truffaut, das de Baecque gemeinsam mit Serge Toubiana aus unzähligen Dokumenten aus dem Privatarchiv des Regisseurs zusammengesetzt hat. Im Frühjahr 2010 folgte die 900 Seiten starke Biografie Jean-Luc Godards. Truffaut hat als akribischer Sammler von autobiografischem Material das Projekt zu Lebzeiten schon perfekt vorbereitet. Godard hingegen, der im Dezember 2010 achtzig Jahre alt wird, verwischt vom Beginn seiner Karriere an gründlich die Spuren der Privatperson hinter dem filmischen Oeuvre. Godards Biografie, für die de Baecque drei Jahre in Archiven auf der ganzen Welt verbracht hat, lässt den Leser angesichts der Fülle der ausgewerteten Quellen sprachlos werden.

Parallel zu diesem Mammutprojekt entstand also der Dokumentarfilm über die turbulente Freundschaft zweier Männer, die gleich mit ihren Debütfilmen Sie küssten und sie schlugen ihn (Les 400 coups, 1959) und Außer Atem (A bout de souffle, 1959) Filmgeschichte schrieben. Truffaut und Godard, die in den 1950er Jahren als Filmkritiker bei den Cahiers du cinéma für die gemeinsame cinephile Sache brannten und die in den Anfangsjahren ihrer Regiekarrieren wie Pech und Schwefel gegen das Establishment zusammenhielten, sprechen nach einem heftigen Disput 1973 bis zu Truffauts frühem Tod 1984 kein Wort mehr miteinander. Deux de la vague rollt die bittere Entfremdung zwischen den beiden so verschiedenen Künstlern auf. Nicht chronologisch, sondern fragmentarisch setzt Laurent anhand von Truffauts und Godards Geschichte das Mosaik einer ideologisch aufgeladenen Epoche zusammen, in der die Kunst immer auch hochpolitisch war.

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Truffaut verteidigte konsequent sein apolitisches, von Godard zutiefst verachtetes Erzählkino, war aber politisch aktiv im zwischenmenschlichen Engagement. Godard machte linksideologisch-militante Kunst, aber in seinem zelebrierten Selbstverständnis als missverstandener Dandy verhielt er sich, in den Worten Truffauts, menschlich „wie ein Stück Scheiße“. Ihr künstlerischer Ansatz konnte unterschiedlicher nicht sein, und doch haben die Werke von Truffaut und Godard einen gemeinsamen Sohn hervorgebracht, der sich im Laufe des Films als dritte Figur zwischen die filmischen Väter stellt: den Schauspieler Jean-Pierre Léaud. Von Truffaut für seinen Debütfilm entdeckt, spielt Léaud das Alter Ego des Regisseurs in den fünf Filmen des Antoine-Doinel-Zyklus. Einen künstlerischen Konterpart zu Truffauts Universum findet der junge Schauspieler in den militanten Filmen Godards, zugleich zerreißt ihn die unmögliche Loyalität zu seinen zerstrittenen Vätern.

Das Besondere an Deux de la vague ist, dass Laurent fast vollständig auf neu gedrehte Filmaufnahmen verzichtet. Truffaut hätte er sowieso nicht mehr um ein Statement bitten können, und Godard hätte wahrscheinlich abgelehnt. Aber auch Dritte werden als Zeitzeugen nicht zu Wort gebeten. Vielmehr fertigt Laurent eine filmische Collage fast ausschließlich aus historischem Material, zum einen Ausschnitte aus den Filmen der Nouvelle Vague, zum anderen Archivaufnahmen mit Interviews und Filmclips der Epoche sowie zahlreiche Fotografien. Wahre visuelle Schätze enthält Deux de la vague, wie beispielsweise Privatfotos aus Godards Jugendzeit, die de Baecque während seiner Recherchearbeiten zu dessen Biografie aufstöberte. Noch nie zuvor hat die Öffentlichkeit Bilder des Filmemachers als Kind gesehen!

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Der Film ist eine Liebeserklärung an das Archiv. Ehrbietungsvoll gleitet die Kamera über Titelseiten von Originalausgaben der Filmzeitschriften Arts und Cahiers du cinéma, in denen Truffauts legendäre Pamphlete erschienen. Die Tonspur zelebriert die Geräusche, die beim Seitenumblättern oder Durchsehen von Fotografien entstehen und die in unserer digitalen Epoche zunehmend anachronistisch wirken. Beim Durchstöbern des Archivs hat der Zuschauer eine stumme Begleiterin in der Person der Schauspielerin und Regisseurin Isild Le Besco. Als Vertreterin des jungen französischen Kinos schlägt sie eine Brücke zwischen der heutigen Jugend und der Jugend der 1960er Jahre. Manchmal wünscht man sich, heute wäre gestern und man könnte die Geburtsstunde der Cinephilie mit ihrem radikalen ästhetischen Ethos selbst miterleben.

Trailer zu „Godard trifft Truffaut - Deux de la Vague“


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