Es kommt der Tag

Alice sitzt beim Abendessen am Familientisch und hört, sie sei bei einem Unfall gestorben. Morgen kommen die Großeltern.

Es kommt der Tag

Muller et Fils – einen unauffälligeren Namen könnte ein Winzerfamilienbetrieb im Elsass nicht tragen. Seit vier Generationen wird hier Wein produziert, der hauptsächlich in der eigenen Region Absatz findet, von Mutter Judith (Iris Berben) eigens transportiert. Der Großvater hält nicht viel von dem Modegetränk Crémant, aber es könnte helfen, den drohenden Ruin abzuwenden. Probieren möchte er ohnehin gerne.

Judith ist aber nicht nur in Sachen Wein unterwegs. Gerade engagiert sie sich in einer Bürgerinitiative. „Mal wieder die Welt retten“ nennt es Sohn Lucas (Sebastian Urzendowsky). Was er nicht weiß: Schon vor seiner Zeit hat Mutter die Welt retten wollen – mit der Waffe in der Hand.

Damals hieß sie noch Jutta Beermann und gehörte einer linksextremistischen Gruppierung an. Was Lucas auch nicht weiß: Sie hatte schon zu diesem Zeitpunkt eine Tochter. Die kommt nun ins beschauliche Elsass, um ihre Mutter kennenzulernen. Vor allem aber will sie eines: die Terroristin zu einem Schuldeingeständnis bringen. Im Privaten und den Behörden gegenüber.

Es kommt der Tag

„Es ist so verdammt einfach, die Dinge von ihrem Ende her zu betrachten“, herrscht Judith ihre Tochter Alice (Katharina Schüttler) an. Regisseurin Susanne Schneider, die bislang vor allem als Drehbuchautorin, unter anderem von Solo für Klarinette (1998), einem Ausnahmefilm des deutschen Kinos der 90er Jahre, in Erscheinung trat, erfasst mit diesem Satz ein Kernproblem.

Die Debatte über den Linksterrorismus vergangener Dekaden wird heute in einem verheerenden Gestus der Eindeutigkeit geführt. Eichingers Der Baader Meinhof Komplex (2008) ist das extremste Beispiel dieser Simplifizierungsstrategie, die immer aus der sicheren Perspektive der „abgeschlossenen Geschichte“ geführt wird. Thomas Elsaesser hat in Terror und Trauma (2007) dargelegt, wie bereits Heinrich Breloers Todesspiel (1997) die Phase der Krise, welche das Autorenkollektiv von Deutschland im Herbst 1978 noch mit unsicherem Ausgang skizzierte, aus der Perspektive des a posteriori souveränen Staates in eine Siegergeschichte umdefiniert.

Zu diesen Siegern gehören im aktuell vom Fernsehen am Leben gehaltenen Diskurs vor allem der überpräsente Altkanzler Helmut Schmidt und Kommandant Ulrich Wegener, Einsatzleiter der GSG9. An der Landshut-Befreiung lässt sich der Triumph des Staates am deutlichsten ablesen. Wegener darf heute, über 30 Jahre später, in einer Form darüber sprechen, die damals vielleicht einen Bürgerkrieg entfacht hätte.

Es kommt der Tag

Alice könnte aus einer solchen Siegerperspektive argumentieren, doch alles andere ist der Fall: Die Geschichte ist zu persönlich und sie darin eine Verliererin, aufgewachsen ohne Eltern. Susanne Schneider ist es zu verdanken, dass Es kommt der Tag sich durch die Figur der Alice von allem abhebt, was in den vergangenen Jahren zu diesem Komplex erschienen ist. Ihre durch Katharina Schüttler gewährleistete Präsenz verankert den Film in der Gegenwart, macht ihn und das Thema aktuell und, wenn auch nicht a-historisch, dann doch persönlich.

Es ist vermutlich nicht gerecht, jeden deutschen Film zum RAF-Diskurs mit Christian Petzolds Meisterwerk Die innere Sicherheit (1999) zu vergleichen. Bei Es kommt der Tag, der von einer Aussteigerin aus der linken deutschen Terrorismusszene und von einer jungen Frau, die unter den Konsequenzen der mütterlichen Konsequenz leidet, bietet es sich aber an.

Auch, weil – bei allen ebenso augenscheinlichen Differenzen – die Arbeit mit den Schauspielern in einem ähnlichen Prozess zu funktionieren scheint. Beide, Petzold und Schneider, profitieren von langen Proben und einer Entwicklung der Figuren gemeinsam mit deren Darstellern. Sie konzentrieren sich stark auf ihre Protagonisten und haben Kameramänner, die dem Spiel der Darsteller Raum zur Entfaltung schenken, ohne dabei formal beliebig zu wirken. Wo der Bildgestalter Fromm und der Musikexperte Petzold audiovisuell immer wieder Außergewöhnliches entdecken und schaffen, konzentrieren sich Schneider und Jens Harant sehr auf eine fast theatrale Anordnung. Gerade im Eingangsmonolog und im Spiel Kathrina Schüttlers zementiert sich dieses Konzept. Dem liegt allerdings nichts Angestrengtes zugrunde. Ganz im Gegenteil: Das unterschiedliche Spiel Schüttlers und Berbens betont die Andersartigkeit ihrer Charaktere. Die völlige Konzentration auf den im Spiel aufgehobenen Konflikt geht einher mit der weitestgehenden räumlichen Beschränkung auf das Weingut.

Es kommt der Tag

Iris Berben, die in den vergangenen Jahren mit kleinen Ausnahmen wie den Buddenbrooks leider hauptsächlich im Fernsehen präsent war, hat hier eine herausragende Rolle gefunden. Ihre Jutta hat etwas Herbes, Rigides. Fast trotzig versucht sie, den deutschen Terrorismus mit der Résistance zu vergleichen. Ihrer Überzeugung stehen die ganz auf sich selbst bezogenen, existenziellen Erfahrungen der smarten Alice gegenüber. Das Ringen dieser beiden faszinierend verkörperten Frauen erdet die Terrorismusdebatte, führt sie zum Verhältnis zwischen Überzeugung und persönlicher Entbehrung zurück, zieht keine Trennungslinie zwischen Opfern und Tätern, sondern ordnet sie in einer familiären Konstellation an.

Besonders in den Anfängen des europäischen Linksterrorismus wurden Militanz und „fehlgeleiteter“ Feminismus gerne von Altpatriarchen in einen mehr als despektierlichen Zusammenhang gebracht. Bis heute ist es wenigen medialen Auseinandersetzungen gelungen, die tatsächlichen geschlechterspezifischen Dramen und Traumata der Terroristen zu beleuchten. Dabei sind die „Ikonen“ Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin doch paradigmatisch – nicht als Rabenmütter, sondern als Gefangene ihres Ideologieknasts. Die selbstgezogenen Mauern benannten sie im selbstgefälligen Duktus in Anlehnung an Mao „Trennungsstrich“.

Zu sagen, Es kommt der Tag sei ein starker Frauenfilm, würde nicht nur ein Sprachklischee bedienen, sondern griffe vor allem zu kurz. Er ist weit mehr als das: ein Film über den Trennungsstrich.

Trailer zu „Es kommt der Tag“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.