Eine Familie

Bilder des Leidens auf einem visuellen Silbertablett.

Eine Familie

In Pernille Fischer Christensens Film Eine Familie (En Familie) kann man beobachten, wie Soundtrack, Bilder und Montage eine Zuschauerposition skizzieren, die mit der eigentlichen inhaltlichen Bewegungsrichtung in keinerlei sinnhaftem Zusammenhang steht. Die Folgen sind dramatisch: Man fühlt sich, als wäre man im falschen Film.

Ditte (Lene Maria Christensen) ist die Lieblingstochter von Rikard Rheinwald (Jesper Christensen), Direktor eines traditionsreichen Bäckereibetriebs und Oberhaupt einer weit verzweigten Familie. Der Urgroßvater war aus Deutschland nach Dänemark gekommen, im Gepäck geheimnisvolle Teigrezepte und viel Disziplin. Heute beliefert Rheinwald die Königsfamilie.

Eine Familie

Die Divergenz zwischen angenommener und wirklicher Erzählhaltung wird gleich zu Beginn in die Filmgestalt eingeschrieben. Nach einer kurzen Exposition sehen wir einen kondensierten Abriss der Familiengeschichte der Rheinwalds als Montagesequenz: Ein netter Indiesong unterlegt eine Reihe von Archivaufnahmen, die in ihrer zeitlichen Markierung (körnig, unterbelichtet, schwarzweiß, Seitenverhältnis 4:3) als Illustration dienen für Texttafeln mit Informationen zu Familienbetrieb und -mitgliedern. Die Typografie verweist auf den zeitgenössischen US-Indiefilm vom Schlage eines Wo die wilden Kerle wohnen (Where the Wild Things Are, 2009): krakelig, unregelmäßig in Form und Größe, unterschiedlich dick liniert. Alles zusammengenommen (Titel, Musik, Schrift, Bilder) wird im Zuschauer der Eindruck evoziert, dass es sich hierbei um eine lockere Familiengeschichte handeln wird, um Generationskonflikte in einem Traditionsbetrieb.

Eine Familie

Die Bildgestaltung schielt halb in Richtung lockerer Inszenierung, halb auf ein an Familiendramen gewöhntes Fernsehpublikum. Ersteres durch die Dominanz naher und halbnaher Einstellungen, beweglicher Handkameraaufnahmen mit vielen Unschärfen; Letzteres vor allem durch die Farbpalette, die in ihrer Betonung von Weiß, Hellblau und Crèmetönen an die Idealisierung skandinavischer Reinlichkeit im ZDF-Abendprogramm erinnert.

Eine Familie

Doch die Erzählung geht in eine vollkommen andere Richtung und düpiert den Zuschauer in seiner angeleierten Erwartungshaltung dadurch geradezu. Denn nach circa 30 Minuten Familienfrohsinn kippt Eine Familie ab und wird ausgesprochen düster. Rikard erkrankt an Krebs und stirbt über die Dauer einer guten Stunde einen langsamen und qualvollen Tod. Alle zuvor eingeleiteten Konflikte werden dem allmählichen Dahinscheiden des Vaters untergeordnet, die Geschichte des Familienunternehmens wird zu einem Reservoir an Bäckereimetaphern für alles im Leben und danach.

Eine Familie

Doch die Inszenierung beharrt auf ihrer glatten Anschmiegsamkeit, der Film versucht dem Zuschauer Bilder des Leidens auf einem visuellen Silbertablett zu reichen. Die Dauer der Sterbeszenen, das quälend intensive Schauspiel Jesper Christensens, die Zerrissenheit der Familienmitglieder: Diese ganzen Inhalte stehen in scharfem Kontrast zu den Bildern, der Musik und vor allem der zu Beginn des Filmes entworfenen Zuschauerhaltung.

Das Spiel mit Erwartungen kann im besten Fall zu einer häufig notwendigen Sensibilisierung des Zuschauers im Verhältnis zu seiner kulturellen Verfasstheit eingesetzt werden. Allerdings hat man im Falle von Christensens Film den Eindruck, dass hier Form nur zu unserer Beeinflussung verwendet wird, dass die Dänin eine lockere Inszenierung als Lockmittel für die Übermittlung ganz anderer Botschaften einsetzt. Oder dass sie schlicht den Faden verloren, das anfängliche Ziel des Films verfehlt hat.

Trailer zu „Eine Familie“


Trailer ansehen (1)

Kommentare


Selina

Wunderbarer film!!!!


Jana

sehr berührende film, der im gedächtnis bleiben wird. grandiose schauspielerleistungen, gute musik!
(ich war wohl in einem anderen film als nino klingler. unbedingt selbst ansehen und eigene meinung bilden!)






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.