Don't Open Till Christmas

Weihnachten in schäbig: In Edmund Purdoms einziger Regiearbeit braucht es eigentlich keinen blutrünstigen Killer, um einem das Fest der Liebe zu vergrätzen. Da hilft nur ein Schluck aus der Flasche Pennerglück und die Flucht in den Puff am Bahndamm.

Dont Open Till Christmas 06

Der weihnachtliche Horrorfilm bezieht seinen Reiz in erster Linie aus der respektlosen Zertrümmerung konservativer Wertvorstellungen und traditioneller christlicher Bräuche. Wenn bösartige Weihnachtsmänner das Verteilen von Geschenken einstellen und stattdessen Tod und Verderben bringen, stellt das eine freche Provokation jener gesellschaftlichen Instanzen dar, die Weihnachten – nicht zuletzt aus ökonomischem Interesse – als Fest der Liebe, des Friedens und der Harmonie, der Besinnlichkeit und des familiären Miteinanders definieren. Bei aller im Vordergrund stehenden genüsslichen Geschmacklosigkeit kommt der Weihnachtsschocker aber logischerweise nicht darum herum, das etablierte Idyll zunächst zu reproduzieren: Um etwas einreißen zu können, muss man es erst einmal aufgebaut haben. Neben blutigen Morden, grimmigen Weihnachtsmännern, tödlichen Geschenken und gemeingefährlichen Kindern handelt der Weihnachts-Horrorfilm mithin auch von den allseits bekannten hektischen Vorbereitungen, lästigen Verwandtenbesuchen, Last-Minute-Besorgungen, der akribischen Dekoration von Häusern, Tischen und Christbäumen, von Liedgut, Truthahn und Punsch. Dies im Hinterkopf, erscheint Edmund Purdoms Billigreißer Don’t Open Till Christmas (1984) – hierzulande unter dem Titel Fröhliche Weihnacht erschienen – als besonders trist-schäbiger Vertreter des Subgenres. Er zeichnet ein Weihnachtsfest, das eigentlich gar keinen Amok laufenden Mörder mehr braucht, um als Horrorvorstellung durchzugehen.

Mitleiderregende Weihnachtsmänner

Dont Open Till Christmas 05

Im Mittelpunkt steht nicht etwa, wie in Stille Nacht – Horror Nacht (Silent Night, Deadly Night, 1984) von Charles E. Seller, jr. oder Lewis Jacksons Christmas Evil (1980), ein mordender Weihnachtsmann, sondern im Gegenteil ein seit seiner Kindheit traumatisierter Killer, der es auf die zur Weihnachtszeit an jeder Ecke stehenden Männer mit rotem Kapuzenmantel und weißem Rauschebart abgesehen hat. Aber was sind diese Santakläuse für Gestalten: Rotwangige Kinderfreunde mit voller Ho-ho-ho-Lache und gemütlichem Kugelbauch sind rar, stattdessen überall hagere, schlecht rasierte und gescheiterte Gesellen, die die Anonymität ihrer Verkleidung dazu nutzen, sich ungehemmt volllaufen zu lassen, besoffen durch die Nacht zu taumeln, in Peepshows zu stolpern, um sich den Feiertagsblues von der Palme zu wedeln, oder sich auf den Rücksitzen von in siffigen Sackgassen geparkten Autos auf lüsterne Frauen zu werfen. Seriösere Vertreter der Zunft werden hingegen auf traurigen Betriebsfeiern oder beim Verkauf heißer Maronen in Londons hässlichster und unbelebtester Straße vom grimmen Schnitter ereilt. Das frohe Weihnachtsfest, das London hier feiert, ist eine verdammt ernüchternde Angelegenheit, auch ohne derangierten Killer mit unerschöpflichem Waffenarsenal und unstillbarem Blutdurst. Und die traurigen Gestalten, die sich da als Weihnachtsmann verkleiden, sind in den seltensten Fällen freundliche Papis, die ihre Kinder überraschen wollen, sondern gesellschaftliche Verlierer, denen das Kostüm wenigstens etwas Wärme in kalten Nächten und das ein oder andere Almosen einbringt. Die so Verkleideten kennen sich untereinander, tauschen verständnisvolle Blicke und Grüße aus: Es ist eine verschworene Gemeinschaft von Leidensgenossen, aber zu wenig organisiert, um sich wehren zu können.

Dont Open Till Christmas 02

Don’t Open Till Christmas ist in Deutschland absurderweise bis heute beschlagnahmt. Klar, der Film macht keinen großen Hehl aus seiner Unique Selling Proposition: Alle fünf bis zehn Minuten latscht ein Weihnachtsmann vorbei und wird vom maskierten Buhmann auf mehr oder wenige originelle Art und Weise entsorgt: Messerstiche in den Bauch, abgebrochene Flaschenhälse ins Auge, Machetenhiebe in die Visage. Aber die unbedarften Effekte sind nie erschreckend, sondern stets wunderbar krude und billig, machen den offenkundigen Mangel an Klasse mit der Extraportion Ketchup wieder wett. Zwischen den Morden fungieren die trauernde Tochter eines Mordopfers als mutmaßliches Final Girl, ihr trampeliger Freund als einer der Verdächtigen, die Kriminalbeamten als verbissene, aber erfolglose Jäger, bis die Handlung irgendwann im Sande verläuft und sich überraschend ganz anderen Personen zuwendet. Interessanter als die stets vorhersehbare Geschichte ist aber sowieso die ausgestellte Schmierigkeit des Films: Die bekannten Londoner Sehenswürdigkeiten dürfen allenfalls für kurze postkartenartige Establishing Shots herhalten, dafür wird man an die heruntergekommensten, traurigsten Ecken der englischen Hauptstadt geführt, besucht die Figuren in ihren tristen Mietbaracken, an deren Wänden einsame Lamettaschlangen verzweifelt versuchen, Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen. Mit Verve begibt sich Don’t Open Till Christmas in den brodelnden Unterbauch Londons: Der windige Aktfotograf mit dem schlampigen, nymphomanen Model und dem gammeligen Atelier mit ranziger Küchenzeile darf ebenso wenig fehlen wie die brave (und etwas dralle) Tänzerin mit den Kartoffelstampfern im Kunstledermini, die ihr karges Gehalt aufbessert, indem sie hinter einer Scheibe für geile Böcke posiert. Alle erzählerischen Elemente werden so herzerwärmend hilflos, fadenscheinig und voller unfreiwilliger Komik abgewickelt, dass es nur so eine Art ist und Purdoms Film zur keineswegs auf die Weihnachtszeit beschränkten Stimmungskanone macht.

Purdom, tragischer Held der zweiten Reihe

Dont Open Till Christmas 03

Diese selbstbewusste Drittklassigkeit haben Freunde des Obskuren dem britischen Charakterdarsteller Edmund Purdom zu verdanken, den die Karriere nach durchaus vielversprechendem Auftakt irgendwann nach Italien und in die Untiefen des Schlocks führte. Der Guardian beschrieb ihn in seinem Nachruf – Purdom starb 2009 im Alter von 84 Jahren – als eine Art ewigen Ersatzmann, was auch perfekt zu Don’t Open Till Christmas passt, tragischer- wie bezeichnenderweise seine erste und letzte Regiearbeit. In seinem zweiten großen Filmauftritt, in Richard Thorpes Musical Alt Heidelberg (The Student Prince, 1954), ersetzte Purdom den nach wenigen Drehtagen gefeuerten Hauptdarsteller und Sänger Mario Lanza, nicht aber dessen Stimme während der zahlreichen Gesangseinlagen. Auch die Hauptrolle in seinem vielleicht bekanntesten Film, Michael Curtiz’ Sinuhe, der Ägypter (The Egyptian, 1954), erhielt Purdom nur, weil der eigentlich dafür vorgesehene Marlon Brando ein anderes Engagement vorzog. Der Flop von Richard Thorpes Tempel der Versuchung (The Prodigal, 1955) beendete Purdoms Ausflug nach Hollywood und führte ihn nach Italien, wo er zunächst in zahlreichen Sandalen- und Historienfilmen mitwirkte. In Don’t Open Till Christmas ist der auch mit knapp 60 Jahren noch attraktive Purdom das einsame Zeichen echter Klasse in einem Film, der mit Pauken und Trompeten noch am bescheidenen Niveau seiner Slasher-Vorbilder vorbeischrammt. Spätestens beim mitleiderregenden Sangesauftritt von Scream Queen Caroline Munro im wahrscheinlich unglamourösesten Cameo der Filmgeschichte erinnert einen der Film an vergessene Popstars, die sich heute damit über Wasser halten, ihren größten Hit bei Möbelhauseröffnungen in der Provinz via Playback zum Besten zu geben. Fast so tragisch, wie im Weihnachtsmannkostüm sein Leben auszuhauchen. Und genauso komisch.

Trailer zu „Don't Open Till Christmas“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.