Die Geträumten – Kritik

„Sind wir nur die Geträumten?“ Ruth Beckermann lässt zwei Schauspieler den Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Paul Celan vorlesen. Das genügt, um im Kopf des Zuschauers den Film einer unerfüllten Liebe entstehen zu lassen.

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Ingeborg Bachmann. Paul Celan. Anja Plaschg. Laurence Rupp. Vier Personen, ein Dialog – ein Wagnis. Ein bekanntes Stück Literatur zu verfilmen ist eine Sache – es wie die Regisseurin Ruth Beckermann nur vorlesen zu lassen und dabei das Vorlesen zu filmen, eine andere. In Die Geträumten sehen wir über 90 Minuten fast ausschließlich die beiden Schauspieler Plaschg und Rupp, die den berühmten Briefwechsel zwischen den Lyrikern Bachmann und Celan vortragen, in einem Wiener Rundfunkstudio – einem nüchternen Ort, einem Raum, der gefüllt werden will. Die Mikrofone sind dabei die zwei Pole, von denen die beiden angezogen und wieder abgestoßen werden. Auf dickem, bräunlichem A4-Papier sind die Texte gedruckt, wie von Karteikarten intoniert das Duo die amouröse Korrespondenz, die sich über fast zwei Jahrzehnte erstreckt.

Ein riesiger Konjunktiv

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Bachmann und Celan, das ist die Geschichte einer nicht nur unerfüllten, sondern geradezu unmöglichen Liebe. Erst über 40 Jahre nach beider Tod erschien der Briefwechsel zum ersten Mal in gedruckter Form unter dem Titel Herzzeit. Die gegenseitige Zuneigung war lange ein Geheimnis. Celan war seit 1952 verheirateter Familienvater, Bachmann unter anderem mit Max Frisch liiert. Und beide verbindet ein früher, rätselhafter Tod: Celans Leiche wird 1970 in der Seine gefunden, Bachmann stirbt drei Jahre später nach einem Brandunfall in ihrer Wohnung. Jeder führte stets sein eigenes Leben, und aus dem Briefwechsel spricht nichts als ein riesiger Konjunktiv: Was alles hätte sein können! Wenn. Waren es lediglich die unglücklichen Umstände, die ihnen im Weg standen, oder war der geistig-sinnliche Austausch auf Papier der einzig mögliche, richtige, zwischen zwei zutiefst verunsicherten Menschen?

Professionelle Distanz

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Die Regisseurin Ruth Beckermann sucht keine Antworten, sondern schafft der unbezweifelbaren Liebe zwischen Celan und Bachmann einen Raum. Es entsteht ein – teilweise unheimlich – dichter Film, auch daran gemessen, was wir einzig sehen: Plaschg und Rupp im Studio, redend, zögernd, denkend. Die Geträumten ist ein Film, der sich vor allem im Kopf des Zuschauers abspielt und entfaltet. Während die Worte Celans und Bachmanns, die sich an der Frage nach dem Wesen und den Bedingungen der Liebe abarbeiten, noch nachhallen, diskutieren Rupp und Plaschg zärtlich, aber bestimmt über das, was sie sich vorlesen. Sie geben der Liebesgeschichte ein Antlitz und wahren zugleich professionelle Distanz, bleiben vermittelnde Medien.

Temporäre Sprechverbote

Zwischendurch liegen die beiden ermattet am Boden: „It’s a men’s world“ läuft auf dem MP3-Player – temporäres Sprechverbot. Die kurzen Szenen beim Rauchen oder in der Kantine des ORF sind vor allem Atempausen. Sie lockern den intensiven Dialog zum einen auf und machen zum anderen bewusst, dass wir uns mit Bachmann und Celan auch stets in einem intellektuellen Diskurs bewegen. Denn beide verarbeiten auch ihr künstlerisches Schaffen, treffen in der berühmten Gruppe 47 aufeinander, sprechen über ihre Erfolge, werfen sie sich gegenseitig vor, trauen einander nicht über den Weg. Dazu kommt Celans Herkunft als rumänischer Jude, dessen Eltern im KZ ermordet wurden. Dieser Schmerz bleibt für die Österreicherin Bachmann unfassbar, ein fehlendes Gefühl, das zu Vorwürfen, schließlich zu Missgunst führt.

Suche nach absolutem Verständnis

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Insofern spiegelt der fühlbare theatrale Abstand zwischen Plaschg und Rupp im Studio auch die gegenseitigen emotionalen Vorbehalte der beiden Liebenden wider. Doch gegenüber dem Einzelnen kennt die Kamera keine Distanz. Es ist vor allem dieser Kunstgriff Beckermanns, durch den Die Geträumten seine kraftvolle Wirkung entfaltet: immer wieder Nahaufnahmen von Plaschg und Rupp, minimale Bewegungen der Mienen und Körper, Ein- und Ausatmen; die beiden Augenpaare brennen sich förmlich ein und tragen das eine Gefühl, das über allem steht: Sehnsucht. Die Suche nach absolutem Verstandenwerden, die Unmöglichkeit, eins zu werden, der unheilbare Wunsch, vergessen zu können. Mit einfachsten Mitteln bringt Beckermann diese Seelenleben auf die Leinwand. Die Geträumten ist weder verfilmtes Hörspiel noch Literaturverfilmung, sondern ein Film von bemerkenswertem Eigensinn.

Trailer zu „Die Geträumten“


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