Dame, König, As, Spion

Der minimalistische Blick: Tomas Alfredson adaptiert John le Carrés Spionageroman aus dem Jahre 1974 – mit herausragenden Darstellern und sicherem Gespür für klassisches Spannungskino abseits üblicher Schauwerte.

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John le Carré gilt als Altmeister des Spionageromans. Seit über 50 Jahren beleuchtet der ehemalige Geheimdienstmann in seinem Werk die geopolitische Lage. Seine Romane handeln von Krisen und kollektiven Ängsten des Kalten Krieges und der Welt danach. Mit George Smiley, dem melancholischen, genialischen Geheimagenten, schuf le Carré eine Figur, die – aus heutiger Sicht – als Gegenentwurf zu Ian Flemings James Bond angesehen werden kann: Strategie und Taktik statt Verwegenheit, Koordination statt Aktionismus und deutliche Schwächen in sozialer Kompetenz, ohne jegliches Talent zum Womanizer, das sind die Züge des Mannes, der in mehreren Romanen le Carrés als Zentralfigur agiert.

Dame, König, As, Spion (Tinker, Tailor, Soldier, Spy, 2011) ist die zweite Verfilmung des gleichnamigen Romans von 1974, der bereits 1979 von John Irvin mit Alec Guinness als Smiley für die BBC adaptiert wurde. Damals hatte der Stoff durchaus noch tagespolitische Aktualität in der durch den Kalten Krieg zweigeteilten Welt.

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Das neue Drehbuch von Bridget O’Connor (Mrs. Ratcliffe’s Revolution, 2007) und Peter Straughan (Männer, die auf Ziegen starren, The Men Who Stare at Goats, 2009) bleibt – von einigen dramaturgisch bedingten Umbauten abgesehen – dem Werk treu. London 1973: „Control“ (John Hurt), der Chef des Auslandsgeheimdienstes SIS (gemeinhin als MI6 bekannt), vermutet einen sowjetischen Agenten in der Chefetage, der sensible Informationen an „Karla“, den geheimnisumwitterten Antagonisten im KGB, verrät. „Control“ hat fünf Männer aus seinem Umkreis im Verdacht: den übereifrigen Karrieristen Alleline (Toby Jones), den blasierten Haydon (Colin Firth), den undurchsichtigen Bland (Ciaràn Hinds), den labilen Esterhase (David Dencik) und seine rechte Hand, den verschlagenen Smiley (Gary Oldman). „Controls“ Ermittlungen enden in einer Katastrophe, in deren Folge er selbst sein Leben und Smiley seinen Job verliert. Doch alsbald wird Smiley aus dem Ruhestand reaktiviert und mit einer geheimen Mission betraut: Er soll unentdeckt an der Spitze des „Circus“, wie der Dienst unter Mitarbeitern genannt wird, den Verräter enttarnen.

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Regisseur Tomas Alfredson (So finster die Nacht, Låt den rätte komma in, 2007) verzichtet in Dame, König, As, Spion auf die üblichen Schauwerte des actiondominierten Mainstreamkinos und bleibt so dem Geist der Vorlage verpflichtet: Das hochkomplexe, aus einer undurchdringlichen Vielzahl von Konstellationen, Verdachtsmomenten und Fährten bestehende Whodunit entspinnt sich beklemmend ruhig und regelrecht entschleunigt, ohne jedoch an Dynamik zu verlieren: Denn die unaffektierte Narration wird mit sprunghaften Orts-, Zeitebenen- und Sichtwechseln verdichtet und fordert so vom Zuschauer von Anbeginn eine gewisse Konzentration, ohne die mancher Handlungsfaden verloren ginge.

Diese Handlung jedoch bildet nur das Gerüst, an dem der Film seine interessanteren Facetten festmacht. Zum einen sind das Funktionsbeschreibungen einer Behörde der Spionagebürokratie. Hier agieren missmutige und einsame Männer (und sehr wenige Frauen), die von ihren Schreibtischen aus Fäden ziehen, während andere im Operationsgebiet tatsächlich dem Tod ins Auge schauen. In dieser Dualität ähnelt Dame, König, As, Spion auch Tony Scotts CIA-Thriller Spy Game aus dem Jahre 2001 – dort jedoch sind die Kommandozentralen lichte Orte des Hightechs. Hier indes kann sich das Spionagegeschäft hinter nichts camouflieren als alten Telefonanlagen, Karteikartensystemen, Aktenbergen und dunklen, rauchverhangenen Räumen. Es ist das omnipräsente Misstrauen, das diese Räume und die darin agierenden Figuren durchflutet.

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Der andere reizvolle Aspekt sind die Blicke hinter die wohlgehüteten Fassaden der einzelnen Akteure, die eine bruchstückhafte Ahnung von der Innenwelt eines Geheimagenten gestatten. Smileys Untersuchung nimmt den Zuschauer mit auf eine fast analytische Reise in einen geschlossenen Mikrokosmos aus Argwohn und Paranoia, der sich auch in die Privatsphäre erstreckt und wo selbst diese Teil der dienstlichen Legende sein kann. Zwangsläufig wird so die Ermittlung zur exemplarischen Identitätssuche, hier subtilerweise auf einem Gebiet, das aus seinem Selbstverständnis heraus mit Identitäten spielt. Alfredson verzichtet dabei auf großen Gestus im Spiel seines Ensembles. Es sind die Miniaturen, die sich in der Mimik ausdrückenden Fragen, Ängste, Vorbehalte, die seine Figuren ausmachen; Ausdrucksformen und Haltungen, die oftmals im Gegensatz zum gesprochenen Wort stehen. Die Inszenierung dieser minimalistischen Subtexte ist zweifelsfrei die Stärke dieses Films, der sein eindrucksvolles Gelingen nicht zuletzt dem großartig zusammengestellten und spielerisch überzeugenden Ensemble verdankt – allen voran Gary Oldman, der über reines Mienenspiel eine melancholische, mehrdimensionale und zugleich gefährlich-verschlagene Figur zu kreieren versteht.

Der bemerkenswerteste Effekt jedoch ist das Unbehagen, das jeden befällt, der sich bei dieser Historienschau vergegenwärtigt, dass sich äußere Umstände in den letzten 40 Jahren zwar geändert haben mögen, die beleuchteten Mechanismen jedoch universell fortwirken.

Trailer zu „Dame, König, As, Spion“


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